Mit Albe und Blaumann

Mit Albe und Blaumann

Kürzlich beging unser Pfarrer Romas Pukys sein zwanzigjähriges Dienstjubiläum. Im Mai 1994 wurde der damals 29-Jährige in den Dienst der lutherischen Kirche übernommen. Romas, in Klaipėda geboren und aufgewachsen, hatte das Priesterseminar besucht und auch einige Jahre in Šilalė, Westlitauen, als katholischer Priester gewirkt. U.a. durch Schriften Luthers wandte er sich jedoch dem evangelischen Glauben zu und konvertierte.

Da in Šiauliai der örtliche Geistliche Mečislovas Bekkeris plötzlich verstorben war, schickte die Kirche Romas mit Frau Asta und dem ersten Sohn in die Gemeinde in Nordlitauen. Wie die meisten Amtsbrüder ist er aber auch noch für weitere Gemeinden zuständig, nämlich für Joniškis, Radviliškis und Kelmė. Letztere ist ursprünglich ein reformierte Pfarrei mit über 400jährigen Wurzeln. Mit dem II Weltkrieg verließen jedoch so gut wie alle Reformierten des Ortes das Land; die Kirche, eines der ältesten protestantischen Kirchengebäude im Land, wurde vor gut zwanzig Jahren einvernehmlich von den Lutheranern übernommen.

In Šiauliai selbst musste die im Krieg stark beschädigte Kirche Anfang der 60er Jahre dem Neubau des Kaufhauses weichen. Die Gemeinde besitzt bis heute kein eigenes Gebäude – ein ernstes Problem, das die Gemeindearbeit deutlich behindert. Hinzu kommen finanzielle Nöte. Litauen kennt keine Kirchensteuer; im Prinzip werden alle Kirchen ‘freikirchlich’, d.h. durch Spenden und Mitgliedsbeiträge, finanziert. In jüngeren Kirchen funktioniert dies mitunter, in der doch überalterten lutherischen jedoch eher recht als schlecht. Romas hat in all den Jahren 400 Beerdigungen durchgeführt, nicht annähernd so viele Taufen und Konfirmationen. Im vergangenen Jahr begann der älteste der drei Söhne ein Studium in Vilnius. Um dies finanzieren zu können, geht Romas in der Woche in einer Polsterfabrik arbeiten – Schichtarbeit im Blaumann (Asta arbeitet als Musiklehrerin).

Zur Jubiläumfeier kamen zwei lutherische Amtsbrüder (Pfr. Moras aus Klaipėda und Mišeikis aus Biržai) und das geistliche Oberhaupt, Bischof Mindaugas Sabutis aus Vilnius. Vor zehn Jahren war der damals 28-Jährige zum weltweit jüngsten lutherischen Bischof gewählt worden. Seine Kadenz läuft nun aus; bei der Synode im Juli stellt er sich zu Wiederwahl.

Seit vielen Jahren betreut Romas auch die Reformierten am Ort, die rechtlich zwar eigenständig sind, aber faktisch mit den Lutheranern eine Gemeinde bilden (‘auf dem Papier’ stehen etwa 130 Lutheranern 15 Reformierte gegenüber; durchschnittlicher Gottesdienstbesuch etwa 35). Die beiden Kirchen anerkennen gegenseitig ihre Konfirmationen; außerdem wird Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft praktiziert. So kann ein lutherischer Geistlicher im Rahmen der reformierten Kirche Amtshandlungen durchführen und umgekehrt. Als es in den 80er Jahren keinen einzigen reformierten Pfarrer mehr gab, lieh die lutherische Kirche Pfr. Moras aus; und nun versieht Pfr. Mišeikis Dienste im reformierten Kinderheim im Kr. Biržai.

Diese Regelung geht zurück auf den Consensus von Sandomir (Consensus Sandomiriensis). In der südpolnischen Stadt Sandomierz trafen im April 1570 polnischen Lutheraner, Reformierten und Böhmischen Brüder eine Übereinkunft über die Rechtmäßigkeit ihrer jeweiligen Konfession. Zu einer tatsächlichen Kirchenunion kam es leider nicht. Das Zweite Helvetische Bekenntnis wurde als gemeinsame Glaubensgrundlage diskutiert, wurde allerdings nicht als gemeinsames Bekenntnis angenommen (als Bekenntnis von Sandomir gilt das II Helveticum seitdem in Polen und Litauen als Konfesssion der Reformierten).  Hintergrund war damals natürlich die Gegenreformation in Polen-Litauen, die die Evangelischen zum Zusammenrücken drängte. Auch wenn nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft wurden – der Consensus von Sandomir kann als älteste innerprotestantische ökumenische Übereinkunft gelten.

Heute unterscheiden sich die beiden alten evangelischen Kirchen auch durch Äußerlichkeiten: Den schwarzen Talar schaffte die litauische lutherische Kirche vor etwa zehn Jahren im Rahmen ihrer liturgischen Reform und Vereinheitlichung ab. Heute wird die weiße Albe mit Stola darüber getragen (wie in den meisten anglikanischen und lutherischen Kirchen). Nur bei Trauerfeiern wird der Schwarze noch angelegt. In Litauen ist somit der ‘deutsche’ Talar nur noch in der reformierten Kirche Praxis.

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In schwarzem Talar der ref. Pfr. Rimas Mikalauskas, rechts in weiss Pfr. Mišeikis, beide aus Biržai

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Asta und Romas Pukys