Krebsverdacht

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Die verzimmerte Moderne

Im Sommer letzten Jahres hielt Siegfried Zimmer beim „Freakstock“-Festival einen Vortrag zum Thema „Das Verständnis der Moderne als ein Schlüssel zum angemessenen Verständnis von biblischen Texten“. Ein etwas sperriger Titel, aber inhaltlich wird die Nr. 5.7.2 laut Begleittext in der Mediathek von „Worthaus“ oder auf Facebook als ein „absoluter Basis-Vortrag“ bezeichnet. Denn „hier wird thematisiert, warum Worthaus entstanden ist.“

Was ist die Moderne? Was ist das moderne an der Moderne? Wann entstand die moderne Zeit? „Wie soll ich mich als Christ zur modernen Zeit stellen?“ Mit diesen Fragen beschäftigt sich Prof. Zimmer. Die Zuhörer würden in der guten Stunde, so Zimmer, „viele gesunde Erkenntnisse“ gewinnen, ja einen „Bildungsschub bekommen“.

Gleich in der ersten Viertelstunde mangelt es nicht an Kritik der „konservativen“ theologischen Blickrichtung – Zimmer Ausdruck für den evangelikalen Hauptstrom. „Die moderne Bibelwissenschaft ist nicht konservativ“, stellt Zimmer recht kategorisch fest, um gleich darauf dennoch zu präzisieren: nur eine Minderheit der theologischen Gelehrten ist konservativ und will Dinge „zurückdrehen“. Er selbst habe sich zum Glück aus diesem „Korsett“ des konservativen Denkens herausentwickelt.

Im Hinblick auf das Thema Moderne lässt Zimmer kein gutes Haar an den Konservativen. Die von ihnen verfassten Bücher, die er gelesen hat, sprechen für ihn allesamt „inkompetent“ von der Moderne. Diese wird dort zu schnell abgewertet und als verkopft, rationalistisch und atheistisch dargestellt. Abfall von Gott und Überlegenheitsgefühl des Menschen seien aber nur gewisse Begleiterscheinungen der Moderne, nicht ihr Wesen.

Dieses Bild der Konservativen „stimmt nicht“; es führe zu „einseitigen Stereotypen und Klischees“. Die Moderne sei gekennzeichnet durch ein ganz bestimmtes Phänomen, und dies müsse man genau treffen, andernfalls könne man nicht qualifiziert zur Moderne Stellung nehmen. Zimmer kritisiert vor allem, dass Konservative sich zu schnell auf die die Postmoderne, also die Nach-Moderne, stürzen, ohne dass sie die Moderne bewältigt hätten. „Bibelschullehrer reden dauernd von der Postmoderne“, und die „halbgebildeten Bücher im christlichen Bereich“ springen gleich in die Postmoderne. Was wollt ihr da, fragt Zimmer, wenn ihr die Moderne nicht mal verstanden habt?

Konservative Christen beschäftigen sich liebend gerne mit der Postmoderne, drücken sich damit aber um die ernsthafte Beschäftigung mit der Moderne herum, so die These. Zimmer geht aber noch weiter: Keine (deutsche) konservative Ausbildungssstätte habe die Moderne verstanden. Dort werden die Schlachten von gestern um die Postmoderne gefochten, doch an den Unis gäbe es um sie keine Diskussion mehr. Wir haben die Moderne nicht hinter uns; aber die Postmoderne ist eine „Sackgasse“ und „Kokolores“ (mit Habermas?), in Wahrheit eine weiterfortgeschrittene Moderne.

Natürlich finden sich in Zimmers Ausführungen Wahrheitselemente. (Über den engen Zusammenhang  der Epochen sehr gut Wolfgang Welschs Unsere postmoderne Moderne.) Nur zu gerne pflegen Evangelikale Lieblingsthemen; anderes wird dagegen eher links liegen gelassen. Man macht nichts falsch, wenn man den Konservativen das eine oder andere Wahrnehmungsdefizit vorwirft. Doch ist die Schwarz-Weiß-Malerei bei diesem Thema angebracht? Interessanterweise distanziert sich Zimmer häufig davon – vielleicht gerade deshalb, weil er selbst sie so gerne betreibt? Kein Buch, keine Ausbildungssstätte, kein Theologe… Auf die Dauer gewöhnt man sich an dies Spiel bei Zimmer: er als Vertreter der wahren Universitätstheologie – die einzig echte Bibelwissenschaft – , und alle anderen sind fast schon qua Definition Dummerle.

Zimmer nennt keinen Autoren mit Namen, zitiert aus keinem Buch und wird auch bei den Ausbildungssstätten nirgends konkreter. Zeit genug für diesen Punkt hat er sich aber genommen. Irgendeine Art von Beleg für diese steilen Aussagen hätte man sich gewünscht. Dabei wäre es mit einem einzigen oder wenigen Nachweisen auch nicht getan. Sicherlich lassen sich in der evangelikalen Welt genug Dummheiten zur Moderne und Postmoderne finden. An der gepriesenen Hochschulwelt aber auch! Zimmer sagt jedoch nicht, dass es irgendwo Inkompetenz bei den Konservativen gibt; das ist schließlich nicht zu leugnen. Bei ihm sind so gut wie alle, die sich zur (Post)Moderne geäußert haben, inkompetent. Allerdings Zimmer liefert noch nicht einmal einen Ansatz einer Begründung dieser These. Mit Vehemenz hämmert er seine Behauptung ein – was daran wissenschaftlich sein soll, erschließt sich mir nicht.

Möglicherweise hat Zimmer Trends 2000 – Der Zeitgeist und die Christen aus der Feder von Stephan Holthaus gelesen. Der heutige Rektor und damalige Dekan der FTH bzw. FTA setzt dort gleich auf der ersten Seite eine negative Note: „Die klassischen Werte der Moderne wie Pluralismus, Individualismus und Materialismus stehen in krassem Gegensatz zu christlichen Überzeugungen […].“ Ich würde dies anders formulieren und sehe viele im Buch angeschnittenen Themen positiver als Holthaus. Dennoch würde ich nie wagen zu behaupten, der Theologe hätte gar nichts verstanden. Denn auch seine ‘dunklere’ Sichtweise hat ihr Recht (eher kritisch zur Moderne äußern sich auch angesehene Theologen wie J. Milbank, S. Hauerwas, W. Cavanaugh, O. O‘Donovan). Zimmer kommt dagegen wie ein Inquisitor daher, der den einzig wahren Standpunkt zur Moderne vertritt. Hat er selbst vielleicht die Moderne noch nicht so recht begriffen?

Zimmer hätte besser daran getan, entweder seine Aussagen im Ton klar zu relativieren und vorsichtiger zu formulieren (mein Eindruck ist… ; mir scheint diese und jene eine Tendenz zu überwiegen); oder er müsste seine Begriffe und Thesen mit mehr Inhalt füllen und genauer werden (welche Autoren hat er im Blick? welche Ausbildungsstätten sind gemeint?); außerdem könnte man einzelne konkrete Aspekte herausgreifen (Darstellung der Geschichte der Moderne in evangelikalen Texten; jüngere Philosophie- und Geistesgeschichte an den Seminaren). Bliebe dann aber wirklich so ein Schwarz-Weiß-Bild? Sind die FTH in Gießen, die STH in Basel und das Martin Bucher-Seminar in Bonn tatsächlich so grässlich inkompetent? Zimmer bleibt im Ungefähren, um ungestört seine Watschen austeilen zu können.

Nicht dumm hält sich Zimmer dabei ein Hintertürchen offen: tatsächlich alles aus frommer Feder zum Thema habe er eben auch nicht gelesen; möglicherweise gibt es da doch einen kompetenten Konservativen. Man wird den Verdacht nicht los, dass Zimmer aus dem konservativen Spektrum diejenigen Autoren liest, die seine Sicht von ihrer Dummheit und Beschränktheit bestätigen. Kann es sein, dass er Rolf Hilles zahlreiche Bücher und Beiträge studiert hat, in denen Moderne und Postmoderne auch oft genug vorkommen, und zum Schluss gekommen ist, der gute Mann hat nichts kapiert? Oder nehmen wir Heinzpeter Hempelmann, der sich selbst eindeutig dem bibeltreuen Lager zurechnet: Gibt es unter den Christen Deutschlands jemanden, der kompetenter zu Moderne und Postmoderne schreibt? Bisher sind drei Bände seiner Reihe „Wie die wahre Welt zur Fabel wurde“ erschienen – tiefer in das Thema einsteigen kann man kaum! Beide sind in der christlichen Welt so prominent, dass Zimmer sie nicht hat übersehen können. Aber vielleicht wollte er dies?

Mein Vorschlag an Zimmer: Wenn er wirklich Mumm hat, dann geht er zu „Liebenzell“ oder „Chrischona“, an die STH oder FTH, und nimmt an einer Podiumsdiskussion zu einem heißen theologischen Thema unserer Zeit teil – an der Seite und im Ringen mit den Konservativen. Da wäre der Ort, an dem sich seine Kompetenz bewähren und die Inkompetenz der nichtuniversitären Theologen zeigen kann.

Die Beschleunigung des historischen Wandels

Was ist nun der Kern der Moderne?  Ab Minute 17.30 kommt Zimmer inhaltlich langsam voll zur Sache und kündigt „klare, verlässliche Bildungsschritte“ für die Zuhörer an. Die Moderne entsteht zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert, und „der Clou des Modernisierungsprozesses […] ist die Beschleunigung des historischen Wandels.“ Diese Ursache der modernen Zeit müsse man „glasklar“ begreifen.

Die zwei tiefsten Veränderungen in der Weltgeschichte waren die Seßhaftwerdung der Menschen und der Modernisierungsschub. Zimmer unterscheidet dabei zwei Ebenen des Modernisierungsprozesses: die immer schneller auftretenden Erfindungen und Entdeckungen und die daraus folgenden wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Veränderungen.

Zimmer nennt und erläutert nun einige der bahnbrechenden Erfindungen der frühen Neuzeit. Leider vertut er sich hier auch schon einmal, wenn er behauptet, dass das Schießpulver in dieser Zeit in Europa erfunden worden sei. Bekanntlich kommt es aus dem fernen Asien und war schon im späten Mittelalter in Europa bekannt, und auch das Geschützrohr erfand man keineswegs in Europa. Die Türken wurden mitnichten durch militärtechnische Erfindungen aus Europa herausgeworfen, im Gegenteil. Vor Wien tauchten sie mit damaliger Kanonen-Hightech auf. Auch der Bildungsfan Zimmer hat offensichtlich noch Bildungslücken.

Anschließend erläutert er einige der gesellschaftlichen Veränderungen. Eine realistische Ethik und Bibelwissenschaft sei nur möglich, wenn wir diese tiefen Veränderungen des Modernisierungsprozesses sachgemäß, angemessen einschätzen. Damit haben, so Zimmer wieder ohne Zwischentöne, die Konservativen „noch nicht einmal angefangen“. In seinen Augen lehnen diese den Wandel in und durch die Moderne ab, was den Vortragenden fast schon in Fahrt bringt: „Der sich beschleunigende Wandel ist doch keine Sünde!“ Konservative hätten den Wandel einfach nicht verkraftet. Er behauptet, die konservative Theologie habe die Wandlungsfaktoren bis heute noch nicht „angstfrei, unbelastet, fair analysiert“. Immer würde der historische Wandel „gleich mit Bedenken“ gesehen werden.

Wieder kritisiert Zimmer, dass viele Fromme an einzelnen Phänomenen der Moderne  wie der Überschätzung der Vernunft oder ratio herumnörgeln. Der Rationalismus sei heute aber gründlich überholt, auch der Kritische Rationalismus. O-Ton Zimmer: „Der Kampf der Frommen gegen den Rationalismus ist so was von überholt, das zieht einem die Socken aus.“

Das Wesen der Moderne sei die immer weiter zunehmende Beschleunigung des geschichtlichen Wandels. Was ist von dieser Aussage nun zu halten? Zimmer beschreibt das Phänomen im Grunde richtig, wobei er auch hier zu ergänzen wäre. Wandel wie er ihn dann später erläutert – subjektiv deutlich erlebter Wandel innerhalb einer Generation, während des eigenen Lebensalters –, setzte eigentlich erst mit der Industrialisierung ein. Sie, nicht so sehr die Moderne allgemein, verdient den Namen „Revolution“  – die zweite große Umwälzung nach der neolithischen Revolution (Seßhaftwerdung, Ackerbau). Erst durch sie ab etwa 1800 wurde das Leben zuerst vieler Europäer auf den Kopf gestellt. Auch vorher in der Neuzeit lebten gerade die Ärmeren und bäuerlich Wirtschaftenden nicht so sehr viel anders wie im Mittelalter und davor. Erst Kohle, Fabriken, Eisenbahn, Elektrik usw. gaben dem Leben der Massen ab dem 19. Jahrhundert eine umfassend neue Gestalt. Wenn immer schnellerer Wandel durch Technologien das Ausgangskennzeichen der Moderne sein soll, dann ist sie viel jünger als Zimmer behauptet.

Oder doch älter? Er nennt das Beispiel der Brille, deren Erfindung tatsächlich viel veränderte. Aber sie wurde im 13. Jahrhundert gemacht, im hohen Mittelalter, das ja im Übrigen gar nicht so arm an technologischem Fortschritt war. Warum also dann den Beginn der Moderne nicht früher ansetzen?

Diese Ungereimtheiten bekräftigen nur, dass Zimmers erster Schritt in seinem Narrativ der Moderne ihr Wesen doch nicht trifft. Denn die Frage drängt sich schließlich sofort auf, warum es denn in der Neuzeit – wann genau auch immer – zu diesem beschleunigten Wandel gekommen ist. Auf einmal kam es zu diesen immer zahlreicher werdenden Erfindungen und Entdeckungen. Warum? Sicher spielt hier der Zufall auch eine Rolle (wie bei den Entdeckungen), aber der erklärt sicher nicht, warum der ‘Entdeckungsmotor’ anging und immer weiterlief. Zimmer interessiert diese Frage in über einer Stunde überhaupt nicht. Auf einmal ging‘s mit dem Wandel los, so scheint es.

„Die Essenz der Moderne“

Warum ging es Europa los? Waren die Europäer erfindungsreicher und schlauer? Keineswegs. Bis in die frühe Neuzeit waren die Chinesen das Erfinder-Volk Nr. 1, und das mit Abstand. So gut wie alles, was es zu erfinden gab, hatten sie schon und kam von dort. Aber China machte sich damals nicht in die Moderne auf, im Gegenteil. Warum hat sich China nicht gewandelt und Europa und der Westen umfassend?

Immer schneller auftretende Erfindungen und Entdeckungen sind Kennzeichen der Moderne, machen aber nicht ihren Wesenskern aus. Gerade das, was Zimmer den konservativen Christen vorwirft, nämlich Folgeerscheinungen wie Rationalismus und Atheismus mit dem Wesen verwechseln, demonstriert er selbst. Das riecht nach Inkompetenz.

Was ist nun das Wesen der Moderne? Problematisch ist nun natürlich, dass darüber intensiv diskutiert wird und viele dicke Wälzer geschrieben wurden. Und jede Fachrichtung, ob nun Philosophie, Soziologie oder Kunst, setzt ihre eigenen Akzente. Viel – und viel Kritisches – ist bei Zygmunt Bauman zu finden (Flüchtige Moderne). Kaum ein Weg geht dabei wohl an dem dicken Schmöker Ein säkulares Zeitalter des kanadischen Philosophen Charles Taylor vorbei. Der Buchtitel sagt es schon: Wir leben in einer säkularen Welt, die moderne Welt ist vor allem auch von Säkularisierung gekennzeichnet.

Heute werden damit häufig für Christen negative Erscheinungen verknüpft, aber im Grunde bzw. ursprünglich ist Säkularisierung eine sehr wichtige Errungenschaft. Vereinfacht gesagt: Könige und Kaiser sind nicht Gott und haben keine religiöse, heilsbringende Funktion; alle politischen Machthaber haben mit Herrschaft in diesem irdischen seaculum oder Zeitalter zu tun. Das Ewige, das Heil im in der Zukunft vollendeten Zeitalter, die Rettung der Menschen, fällt nicht in ihren Aufgabenbereich. Kirche und Staat haben daher deutlich unterschiedliche Funktionen.

Max Weber prägte den Begriff der „entzauberten Welt“, was für die eigentliche Moderne dann in noch stärkerem Maße zutrifft: die Welt ist nicht einfach Teil des Göttlichen, hat nicht als Ganzes den Zauber des Magischen, sondern funktioniert nach eigenständigen Regeln und Gesetzen, die untersucht werden können. Moderne Wissenschaft und moderne Wirtschaft ruhen auf dieser Entzauberung.

Judentum und Christentum haben diesen Gedanken gesät. Das gesamte politische und staatliche Handeln, das noch in der Antike ganz und gar von Religion durchsetzt und durchwebt war, wurde nach und nach verändert. Nur in Europa konnte auch dank des Christentums die Entgötterung der Herrschaft langfristig Fuß greifen. Hier entstand im Mittelalter die Spannung zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt. Selbst die Mächtigsten erreichten hier nicht mehr die Allmacht der Kaiser wie in China. Hier wurden eine rationale Theologie und Lehrsysteme entwickelt, die der antiken Religion noch ganz fremd waren. Damit war ein weiterer Dualismus verbunden: zwischen rechtem und falschem Glauben, zwischen Orthodoxie und Heterodoxie. Dynamik und Spannungen, Dualismen und Ambivalenz pflastern den Weg zur Moderne.

Europa machte sich auf den holprigen Weg der Beschränkung der irdischen (Staats)Gewalt, und dies schuf immer mehr Freiräume. Denn man mache sich nichts vor: die ‘normale’ Herrschaftsform war (und ist) immer Despotie. Die Idee der Herrschaft des Rechts über den Machthabern etablierte sich Schritt für Schritt, insofern könnte man ein erstes Aufblinken der Moderne schon in der englischen Magna Charta von 1215 finden.

Parallel dazu wurde das Individuum ‘erfunden’ (s. Larry Siedentops Inventing the Individual – ein faszinierendes Gemälde der Geistesgeschichte von der Antike bis zum Beginn der Moderne). Dass der einzelne Mensch etwas zählt und Würde besitzt, war auch so ein neuer Gedanke der biblischen Religion. Es dauerte laut Siedentops Nachzeichnung grob ein Jahrtausend, bis diese Erfindung des Individuums halbwegs abgeschlossen war. Die Befreiung des Individuums von feudalen sozialen Hierarchien führte dann zur Geburt der Moderne.

Im religiösen Bereich wurden individuelle Erfahrung, die innere Welt, die persönliche Überzeugung und das Gewissen sowie individuelle Verantwortung immer wichtiger und kamen in der Reformation zum Durchbruch. In einigen Ländern entstand um 1600 erstmals ein echter religiöser Pluralismus. In der Politik gewann das Bürgertum immer mehr Freiraum und Mitbestimmung, so dass sich Schritt für Schritt unsere parlamentarischen Verfassungen herausbildeten. In der Wirtschaft erlangte die bürgerliche Mittelschicht Würde und soziale Gleichheit, konnte Eigentum frei erwerben und mehren, was zur modernen kapitalistischen Wirtschaftsweise führte (s. Deidre McCloskeys Bourgeois Dignity und Bourgeois Equality).

Auf welchen Punkt ist die Moderne nun zu bringen? Welsch in Unsere postmoderne Moderne den französischen Denken Paul Valéry (1871–1945) zitierend: „Unsere Epoche ist modern sofern ‘in allen kultivierten Köpfen die verschiedensten Ideen und die gegensätzlichsten Lebens- und Erkenntnisprinzipien frei nebeneinander bestehen’. Eben diese Pluralität macht ‘die Essenz der Moderne’ aus.“

Pluralität – Vielfalt und Verschiedenheit, noch nicht Pluralismus in Sinne eines relativistischen „alle haben Recht“! – ist ein guter Kandidat für eine Art Gesamtmotto. Dahinter steht, so glaube ich, persönliche Freiheit als die große Überschrift unserer westlichen Zivilisation und auch der Moderne, in der sie zum Durchbruch kam.

Gewiss sind westliche Zivilisation mit ihren Werten und Moderne nicht in eins zu setzen. Meist wird Moderne weiter und neutraler und vor allem als Epoche gefasst. Modern waren auch der Kommunismus und Faschismus als antifreiheitliche Ideologien. Heute gibt es einen auch modern geprägten Islamismus. Letztlich bestätigt dies das vorher Gesagte: Freiheit, Demokratie, Pluralität usw. geben auch radikalen Gegenströmungen einen gewissen Raum.

Die westliche Kultur hat sich in der Moderne ausgebreitet und eine gewisse Normativität verschafft. Dies wird auch daran erkennbar, dass selbst Staaten und Völker, die sich nicht dem Westen im engeren Sinne zurechnen, fast alle Parlamente und oberste Gerichte besitzen, Verfassungen formuliert haben und sich zu den Menschen- und Bürgerrechten bekennen. So gut wie die ganze Welt ist modernisiert und damit auch in vielerlei Hinsicht westlich geprägt. Auch Länder wie z.B. der Iran, die offiziell die Feindschaft zum Westen pflegen, haben eine erstaunlich moderne Bevölkerung. Die spannende Frage ist, wie lange es den Despoten der Welt noch gelingt, den Deckel über Gesellschaften zu halten, in denen Bürger sich immer mehr Freiräume schaffen, nach denen sie sich sehnen.

Die Moderne gestaltet sich plural, und auch das Verständnis der Moderne ist ein plurales und muss es sein, und die breite Diskussion über ihre Kennzeichen und ihr Wesen zeigt dies ja. Gewisse Dinge haben sich herauskristallisiert, aber wie meine Sätze oben bleibt vieles skizzenhaft und unvollendet (s. dazu L. Wittgensteins Vorwort zu seinen Philosophischen Untersuchungen!).

Pluralität  kommt auch bei Zimmer vor, paradoxerweise lässt er jedoch keinerlei Raum für eine plurale Sicht zu, wenn er kategorisch bestimmt: Wer dies nicht glasklar sieht, und zwar so wie ich, der hat noch nicht einmal angefangen zu verstehen. Könnte es nicht sein, dass in den konservativen Ausbildungsstätten eine gewisse Perspektive auf die Moderne betont wird (eben die kritische), was aber ebenfalls zum Verständnis beiträgt? In manchen wird sicher Francis Schaeffers Wie können wir denn leben? studiert, ein zugegeben eher kritischer Abriss unserer Geschichte, der modernen Zeit insbesondere. Was soll daran unzulässig sein? Will Zimmer etwa sagen, Schaeffer hätte von nichts Ahnung gehabt? Könnte es sein, dass der Professor aus Ludwigsburg sich viel zu weit aus dem Fenster lehnt, dämmert ihm das Wesen der Moderne doch erst langsam?

Augustinus und das historische Denken

Zimmer geht zu einem „zweiten Schritt“ seines Narrativs über. Durch die Modernisierungsprozesse habe sich das Verhältnis der Menschen zur Vergangenheit grundsätzlich geändert. Bisher galt: In Kraft des Bewährten bewältige ich die Gegenwart. Doch nun, in der Moderne, kann die Vergangenheit, die Tradition, nicht mehr die Hilfe sein wie zuvor in einer Zeit des langsamen Wandels. Die Menschen haben sich nun stärker aus der Vergangenheit gelöst, Alternativen werden denkbar, das Leben verläuft nicht mehr in durch Konventionen genau vorgeschriebenen Bahnen. Tradition ist nun nicht mehr eine selbstverständliche Hilfe, keine unhinterfragte Autorität; sie hilft längst nicht immer.

Dies ist in mancher Hinsicht natürlich wahr. Durch die Zunahme der persönlichen Freiheit haben sich die Menschen aus vielen sozialen Zwängen und festgefügten Rollen gelöst, gestalten ihr Leben nicht einfach mehr so, wie es die Vorfahren ‘schon immer’ getan haben. Insofern hat die Dynamisierung des modernen Lebens tatsächlich zu einer gewissen Loslösung von der Vergangenheit geführt. Zimmer definiert „Tradition“ aber im Vortrag nirgends und differenziert auch nicht – alles aus der Vergangenheit wird nun relativ. Die Sicht des Überkommenen wurde eine zunehmend kritische, aber bedeutet dies, dass der moderne Mensch gar nicht mehr „in Kraft des Bewährten“ lebt? Ich wage zu behaupten, dass er dies vielfach immer noch tut; Tradition hilft weiterhin und  durchaus sehr oft.

Es hat vor allem eine Verinnerlichung der Moral stattgefunden; sie wurde persönlicher, auch durchdachter. Nehmen wir das Beispiel der Ehe: Es ist modern, den Ehepartner selbst auszusuchen und zu heiraten, wann und wie man will; Grenzen von Stand und Schicht gelten kaum noch etwas. Wählten früher die Eltern oder die Sippe den Partner aus, so muss man sich heute selbst viele Gedanken machen und ist innerlich gefordert. Doch noch immer ist die letztlich moralische Grundforderung der Ehe von einem Mann und einer Frau eine sehr wichtige Orientierung gebende Norm, die natürlich aus der Vergangenheit übernommen wird. Diese grundlegenden Normen schöpfen wir immer noch aus der Tradition. Manche sind immer noch so stark, dass sie fast schon unhinterfragbar sind (z.B. man darf keinen anderen Menschen willkürlich töten; oder: es ist falsch, Mitmenschen zu quälen und sich daran zu freuen).

Das Bewährte hat sich also gewandelt; Gebräuche, eher auf das äußerliche Handeln abzielenden Konventionen, haben tatsächlich an normierender Kraft verloren. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Vergangenheit uns nicht mehr Orientierung geben kann und soll. Sie tut es nur auf andere Art, auf moderne eben, wenn man denn so will.

Traditionen wurden im Übrigen im Christentum schon immer kritisch gesehen – weil es eine Instanz über dem Prozess der Geschichte gibt, nämlich Gott und seine Offenbarung. Im Mittelalter war die Theologie ja keineswegs traditionshörig. Mit der Moderne wurde die Traditionskritik mitunter deutlich heftiger und schärfer. Aber das von Zimmer skizzierte Bild „vorher an Traditionen gebunden, nachher nicht mehr“ verzerrt die historischen Zusammenhänge. Dazu gleich noch mehr.

Zimmers „dritter Schritt“: es entsteht in Europa das historische Denken. „Das hat‘s nie in der Welt vorher gegeben!“ Platon und Augustinus waren zwar Genies, aber sie konnten wie andere in Antike (und im Mittelalter?) „nicht historisch denken, weil sie den Modernisierungsprozess nicht erlebt haben“. Nur dadurch lerne man, wie tief sich alles wandelt. „Das historische Denken erkennt die historische Bedingtheit der gesamten menschlichen Lebenswelt.“ Vor der Moderne konnte es dies nicht geben, denn man musste die Veränderung am eigenen Leib spüren.

Ich halte dies in dieser Art der Darstellung für baren Unsinn. Wieder einmal ist die Krux, dass Zimmer „historisches Denken“ nicht näher definiert. Wenn er damit „die Art und Weise, wie seit der Moderne Geschichte betrieben wird“ meint, wird es banal. Denn dann setzte Zimmer modernes und historisches Denken einfach in eins. Augustinus hat nicht modern gedacht, weil er nicht in der Moderne lebte. Wie interessant.

Historisches Denken erkennt historischen Wandel und damit Bedingtheit unseres Lebens; alles kann auch anders sein. So viel ist herauszulesen, und dem kann man zustimmen. Konnte aber Platon nicht historisch denken? Weil er nicht Veränderung am eigenen Leib erlebt hat? Gewiss, es ging im vierten Jahrhundert v.Chr. nicht so dynamisch zu wie zweitausend Jahre später. Doch warum schrieb der große Grieche sein Hauptwerk, den Staat?

Heraklit (geb. um 540) hatte als erster die Idee der Veränderung entdeckt. „Bis zu seiner Zeit“, schreibt K.R. Popper in Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (u.a. über Platon), „hatten die griechischen Philosophen […] die Welt als ein riesiges Gebäude angesehen […], die Welt war die Totalität der Dinge – der Kosmos.“ Nach Heraklits Meinung ist die Welt nun aber kein stabiles Gebäude, sondern eher ein riesiger Prozess, „ein planlos aufgeschütteter Misthaufen“, wie einer seiner Aussprüche lautete. Heraklit sah die Welt nicht mehr als die Gesamtheit der Dinge, sondern der Ereignisse und Veränderungen an. Der berühmte Leitspruch seiner Philosophie heißt entsprechend: „Alles ist im Fluss und nichts in Ruhe“. Und als Urstoff aller Dinge betrachtete er daher – auch ganz konsequent – das bewegliche Feuer.

Heraklit hatte damit das wichtigste intellektuelle und soziale Problem seiner Zeit (und nicht nur seiner) entdeckt und formuliert: die Welt ändert sich ständig. Die alten Stammesaristokratien hatten sich in Demokratien verwandelt, die traditionellen Mythen wurden durch die kritische Philosophie ersetzt. Nichts hatte mehr seinen einzigen und festen Platz, nichts verlief mehr mit absoluter Notwendigkeit, das alles regierende Schicksal war entthront. Auf diese Herausforderung reagierte Platon mit seinem beachtlichen Werk, auf das hier gar nicht eingegangen werden soll.

Ähnliches ist zu Augustinus ein gutes halbes Jahrtausend später zu sagen. Auch er stand an einer Epochenwende, ja sie war noch viel dramatischer und folgenreicher. Die antike Ordnung brach unter dem Ansturm der germanischen Stämme zusammen, Rom war im Niedergang, der Siegeszug des Christentums setzte sich aber fort. 410 plünderten die Ostgoten unter Alarich Rom. Hat nicht die Abkehr von den alten Göttern diese Schmach verursacht?, so dachten viele dort. In dieser Situation schrieb der Bischof aus Nordafrika sein gewaltiges Werk Der Gottesstaat – eine breit angelegte Apologie des Christentums, die Augustinus in die gesamte Geschichte der Welt einbettete; diese wiederum ruht in seiner letztlich übergeschichtlichen Schau der Welt und der Geschichte.

In vielerlei Hinsicht ist Augustinus Werk natürlich nicht modern; er betrieb Historie anders als später dann in der Moderne. Doch er erlebte nun wahrlich massive Veränderungen am eigenen Leib und während der eigenen Lebensdauer und verarbeitete sie denkerisch, theologisch und auch historisch. „Was geschichtlich gewachsen ist, kann auch abgeändert werden“, so Zimmer über das historische Denken. Genau, würde Augustinus sagen: Die Heiden Roms behaupten, der geschichtlich gewachsene Kult muss beibehalten werden; ich dagegen will, dass Veränderung geschieht.

„Granatendoof“

Zimmers Ausführungen zum historischen Denken enttäuschen daher auf ganzer Linie. Der Boden ist bei ihm nun bereitet für ein aktuelles Beispiel. Er wendet sich natürlich wieder den konservativen Christen zu, denjenigen unter ihnen, die sagen, Frauen dürfen in der Gemeinde nicht leiten. „Jetzt gibt es tatsächlich fromme Leute, die meinen, man könne die Genderrolle der Frauen im Neuen Testament auch heute anwenden.“ Das sei ja wohl „granatendoof“. „Berücksichtigt den historischen Wandel! Der Fundamentalismus kann des net.“

Überredungskunst à la Zimmer. Die konservativen Christen, so die Unterstellung, können nicht historisch denken, weil sie die historische Bedingtheit des Lebens ignorieren, Beispiel Geschlechterrollen. Hier kann man dem Professor das Kompliment nur zurückgeben: granatendoof, dass es einem die Socken auszieht.

Zimmer tut so, als wollten diese Frommen das erste Jahrhundert kopieren bzw. 1:1 abbilden. Was Christen schon immer taten und bis heute tun, ist die Anwendung der biblischen Normen, Prinzipien, Vorgaben usw. in unserer Zeit. Zimmer reißt hier Gräben auf, die so gar nicht existieren. Auch evangelikale Theologie berücksichtigt natürlich den historischen Wandel! So ist das Verhältnis von Mann und Frau heute zweifellos ein anderes als in der Antike. Der Knackpunkt ist dabei einfach dieser: Gibt es in der Bibel Normen, die mit Autorität an uns herantreten? Hier einfach den historischen Wandel aus dem Zylinder zu ziehen, hilft nicht weiter. Das Eheleben hat sich so gewandelt, dass in vielen modernen Gesellschaften jede zweite Ehe geschieden wird. Dies ist in Theologie und Ethik, Predigt und Seelsorge natürlich zu berücksichtigen. Aber noch immer lehren und verkündigen die Christen, dass Gott – laut Bibel – will, dass Mann und Frau ein Leben lang zusammenbleiben. Würde Zimmer so jemand nun „das ist wohl granatendoof!“ entgegenschleudern?

Gibt es Ordnungen und Normen, die zeitlos gültig sind, die aber natürlich in unterschiedlichen Kulturen und Epochen unterschiedlich anzuwenden sind? Zimmer fängt dies an einer Stelle auf: „Natürlich gibt es Wahrheiten über den Menschen, die werden immer gelten.“ Jeder Mensch will geliebt sein; er hat Ängste Sorgen, Sehnsüchte – „das stimmt immer“, dies sind „tiefe Existenzwahrheiten“. Schön und gut, aber ist dies alles? Gibt es so etwas wie Offenbarungswahrheiten? Mehr als reine Existenzwahrheiten? Wie z.B., dass ein Herrscher einen Untertanen nicht nach Belieben töten darf, weil auch der König unter dem Recht steht? Hier ist natürlich an 2 Sam 11 zu denken (Davids Auftragsmord). Ist das etwa keine Wahrheit, die immer gilt?

In der nachaufklärerischen Theologie haben diese Offenbarungswahrheiten natürlich einen schweren Stand. Zimmer sollte hier mit offenen Karten spielen und seine Position klarstellen. Ich kann nicht erkennen, dass es unvernünftig sein sollte, dass ein personaler Gott sich personalen Wesen in Worten und Handlungen mitgeteilt hat, autoritativ mitgeteilt hat. Dies geht gewiss über Existenzwahrheiten, die der Mensch in sich selbst finden kann, hinaus. Jeder Mensch will nicht nur geliebt sein; die viel wichtigere Frage ist: Ist da ‘oben’ jemand, der mich liebt? Und was hat dies Wesen für einen Charakter? Hier gibt die Bibel eine definitive, ‘zeitlose’ Antwort.

Die Vernunft als Autorität

Zimmers vierter Schritt: Es entsteht eine neue Art von Wissenschaft. Nicht mehr die Tradition ist die oberste Autorität, „sie kann nicht mehr diese absolute, ständige Hilfe sein wie vorher“, wie im Mittelalter, wie bei Jesus. In der modernen Wissenschaft gibt es vor allem zwei Autoritäten; neben ihnen kann die Tradition noch eine dritte sein.

Diese Autoritäten sind „erstens Vernunft, zweitens Erfahrung“. Die Vernunft ist „ein Friedensband, ein Verständigungsmittel“. Es bleibt uns heute „nur die Vernunft als Autorität, die jeder Mensch anerkennen kann“. Daneben steht außerdem die empirische Erfahrung. Die „moderne Erfahrung wird zum Kriterium des Wandels“. Nun muss sich alles an dieser Erfahrung messen, wohingegen früher die Erfahrung zur Tradition passen musste.

Zimmer spricht hier allgemein zur Wissenschaft, aber Theologie ist für ihn ja auch eine Wissenschaft. An einer Stelle lässt er hier, eher schon nebenbei, gleichsam die Hosen runter: „Die Bibel würde da auch zur Tradition gehören.“ Vernunft und Erfahrungen sind die beiden leitenden Autoritäten, Tradition nur dann, wenn… Auch im Hinblick auf die Bibelwissenschaft haben wir also zwei Leitsterne, Vernunft und Erfahrung, und daneben oder besser: darunter alles andere: Lehrtraditionen, Bekenntnisse und die Aussagen der Bibel selbst.

Das ist Theologie im tiefen Schatten der Aufklärung. Theologie des Modernismus und trotz allem Abstreiten durch Zimmer gewiss rationalistisch. (Wenn Evangelikale „die Moderne“ kritisch sehen, ist häufig dies gemeint!) Die heißen Probleme der heutigen Zeiten lösen sich da schnell auf. Ehe von homosexuellen Paaren? Kein Problem. Die Erfahrung zeigt uns doch, dass Mann und Mann und Frau und Frau sich auch lieben und zu Treue fähig sind. Und die Vernunft erhebt auch keine Einwände (mehr). Die Tradition – die hat sich zu fügen. Die widerspenstige Bibel natürlich auch. Und wer trotzdem den Mund aufmacht, dem schallt es entgegen: Beachte den historischen Wandel!

„Beachte den historischen Wandel!“, auch gepaart mit Vernunft und Erfahrung, kann ein ganz gefährlicher Slogan werden, mit dem jede überkommende Norm niedergewalzt werden kann. Im totalitären Kontext kommen dann diejenigen, die an diese veralteten Werte glauben, schnell gleich mit unter die Räder. Die Marxisten hatten auch solche Sprüche auf den Lippen. Der historische Zug gen Kommunisten fährt – wer will diesen unvermeidlichen historischen Wandel aufhalten? Das ist doch töricht. Lasst uns dem Prozess etwas nachhelfen. Menschenwürde von bourgeoisen, konterrevolutionären Elementen? Das war einmal, brauchen wir nicht mehr, diese Tradition steht im Weg. – Wenn sich der Mensch auf den Thron erhebt, sich der angeblichen Last der Vergangenheit entledigt und objektive ethische Normen – damals, heute, morgen gültige – zur Seite schiebt, dann muss man sich auf das Schlimmste gefasst machen.

In der griechischen und römischen Antike konnte man ungewünschte Neugeborene lange auf dem Müllhaufen entsorgen oder im Wald aussetzen. Eine damals gängige Praxis, die keinerlei Entrüstung auslöste. Die Vernunft hatte keine Einwände, ja als Methode der Begrenzung des Nachwuchses war es durchaus rational. Und die Erfahrung? Tja, man wird sich irgendwie daran gewöhnt haben. Nun haben sich die Zeiten gewandelt, wir praktizieren so etwas nicht mehr. Warum sollten wir aber auch in Zukunft Neugeborene nicht töten? Warum ist und bleibt dies objektiv falsch und böse? Zimmer kann dies auf Grundlage seiner Voraussetzungen nicht ausschließen. Womöglich wird sich unser Denken und Empfinden ja wandeln.

Zimmer setzt auf dem Höhepunkt seines Vortrags Vernunft und Erfahrung über alle Tradition mitsamt der Bibel und damit alle autoritative Offenbarung. Die Autoritätsfrage ist damit letztlich geklärt. In seinem Schema ist es nicht mehr möglich, dass sich klare biblische Normen über die Vernunft und die moderne Erfahrung hinwegsetzen und diese korrigieren. Es ist vielsagend, dass Zimmer den Rationalismus zu einem Phänomen der Vergangenheit erklärt. So kann er dann um so leichter seine Version der Überschätzung der Vernunft unters Volk bringen.

(Dieses Vorgehen scheint mir symptomatisch zu sein. Spricht man z.B. landeskirchliche Pastoren auf die Prinzipien der historischen Kritik nach Troeltsch wie Kritik, Analogie und Korrelation an, wird mitunter reflexhaft geantwortet, dass Troeltschs Lehre ja wohl ein alter Hut sei und die Theologie längst weitergeschritten ist. Sicher hat sich die modernistische Theologie gewandelt; der heutige Liberalismus ist nicht der von vor einhundert Jahren. Meist wird jedoch das Element der Kontinuität unterschlagen. Oft wird auch nicht unterschieden zwischen theologischen und philosophischen Schulen im engeren Sinne, die teilweise ihr Fachgebiet über einen gewissen Zeitraum dominieren, und längerem Einfluss bzw. andauernder Prägekraft, was beides natürlich schwankt. So ist der klassische Liberalismus Vergangenheit, und auch der Kritische Rationalismus ist nicht mehr ganz in Mode; wie Zimmer ja feststellte ist auch die postmoderne Philosophie eher auf dem Rückzug. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass diese Strömungen gleichsam ausgestorben sind!)

Die Bibel sprechen lassen

Schließlich macht Zimmer Ausführungen zum Begriff der Kritik, „der Leitbegriff der modernen Wissenschaft“. Er betont den neutralen Wortgebrauch im Sinn des sorgfältigen Unterscheidens. Kritisch sein heißt, dass man die unterschiedlichen Zeiten berücksichtigt, die Dokumente in ihrer historischen Eigenart würdigt. Wenn man das versteht, so Zimmer, „öffnet sich die Tür zur modernen Bibelwissenschaft, sonst nicht“.

Auch die biblischen Dokumente muss man „aus ihrer Zeit heraus verstehen“, und zwar unter der Leitfrage „Was wollte der Autor ursprünglich seinen Leser sagen?“ Zimmer betont: „Die Bibel muss erst mal ihr Wort sagen dürfen.“ Ähnlich heißt es auch im Begleittext: „Eine 1:1-Übertragung biblischer Texte in die Gegenwart greift nicht nur zu kurz, sie ist nicht nur zu leichtfertig, sie stellt ganz klar einen gravierenden Missbrauch dar. Stattdessen muss genau berücksichtigt werden, in welcher Zeit, in welcher Kultur und mit welcher Intention ein Text ursprünglich entstanden ist. Alles andere führt in Sackgassen und mitunter zu schweren Missverständnissen.“

Ist man im Vortrag soweit gekommen, ist völlig klar, wer diesen „gravierenden Missbrauch“ betreibt – die dummen konservativen Christen natürlich, die sich auch noch als böse herausstellen (Missbrauchsvorwurf). Dabei sind auch die bibeltreusten und beinhart konservativen Theologen hier ganz bei Zimmer: genau berücksichtigen, in welcher Zeit, in welcher Kultur und mit welcher Intention ein Text ursprünglich entstanden ist – ja sicher doch! Daran arbeiten wir genauso! Wo ist denn unser Missbrauch?! (Auch die ‘fundamentalistischen’ Chicago-Erklärungen betonen klar die Notwendigkeit einer grammatisch-historischen Schriftauslegung, s. die Chicago Erklärung zur biblischen Hermeneutik, 1982.)

Die Bibel erst mal ihr Wort sagen lassen – was heißt denn das? Es geht letztlich, wie schon gesagt, um die Autoritätsfrage. Zimmer kommt zu dem Schluss, dass dies und jenes in der Bibel damals so und so gesehen wurde. Er würde wohl eingestehen: In der Bibel stellte man sich damals das Zusammenleben einzig zwischen Mann und Frau vor. Die Geister scheiden sich nun an der Frage, ob Gott in und durch sein damaliges Wort immer noch mit bindender normativer Kraft zu uns heute spricht. Die nachaufklärerische Theologie verneint dies tendenziell, und ihr ist natürlich Zimmer verpflichtet. Die traditionelle Theologie bekräftigt dies, über die Konfessionsgrenzen hinweg.

Krebsvorsorge

In dem „Basis-Vortrag“ wurde „thematisiert, warum Worthaus entstanden ist“. Wenn dieser Vortrag gleichsam das Fundament der ganzen Reihe sein soll, dann steht „Worthaus“ wahrlich auf tönernen Füßen und wackelt gewaltig. Die durchaus professionelle Machart und die im Eigenlob suhlende Selbstdarstellung – hier nun kommen, endlich, der wahrhaft unverstellte Blick und der gewaltige Bildungsschub! – müssen diese Baumängel übertünchen.

Offensichtlich geht es darum, konservativ und evangelikal geprägte Christen subtil mit der einzig wahren Bibelwissenschaft, der historischen Kritik, zu infizieren. Inzwischen würde ich Zimmer (und Genossen) rundheraus als Rattenfänger bezeichnen, der seine Melodie geschickt spielt, doch die falschen Töne sind deutlich herauszuhören. Der selbsterkläre Bibel-Fan macht die evangelikalen Ausbildungsstätten systematisch schlecht, um in die Fittiche der angeblich allein Bildung befördernden und Wissenschaft betreibenden Universitätstheologie zu locken. Auf die Dauer nerven diese Seitenhiebe gewaltig (in einem anderen Vortrag: „Ist übrigens universitäre Bibelwissenschaft. Könnt ihr nur an der Universität lernen. Weil da wird wirklich geforscht.“). Seine überspielte Arroganz kommt mir offen gesagt langsam zum Halse heraus. Nein, „ viele gesunde Erkenntnisse“ sind für den Glauben in solchen Vorträgen nicht zu finden, und wer sich um Bildung bemüht, sollte schleunigst einen großen Bogen um das „Worthaus“ machen! Alternativen gibt es für alle des Englischen halbwegs Mächtigen in den Weiten der Internet-Welt allemal.

Die Sache ist aber noch ernster. Im Begleittext in der Mediathek wird der Vortrag mit „eine[r] Art Prostatakrebsvorsorge-Untersuchung für den christlichen Glauben“ verglichen. Vor dieser Untersuchung „haben viele Männer Scheu. Dabei tut sie nicht wirklich weh, ist aber unangenehm.“ Nach Abschluss der Untersuchung könne man seinen Gesundheitszustand „klarer einschätzen und muss nicht im Vagen verbleiben. Ganz ähnlich wird es der konservativen Christenheit mit diesem Vortrag gehen.“

Das Bild der Krebsvorsorge ist gar nicht schlecht. Ich würde es nur anders anwenden. Die konservative, evangelikale Christenheit, die sich u.a. durch ihre Treue zum biblischen Wort und dessen Autorität definiert, sollte sich wirklich ab und an abtasten lassen: Ist eine fremde Theologie eingedrungen, deren Folgen so fatal wie Krebs sein können? Wenn eine Aushängeschild der Evangelikalen wie Andreas Malessa in T. Hebels Freischwimmer dies schreibt, dann sollte die Spitze der Bewegung über Vorsorge nachdenken: „Im Studium haben mich jene Dozenten am meisten fasziniert, dir mir kein ‘verbalinspiriertes, irrtumsloses, widerspruchsfreies’ Schriftverständnis um die Ohren gehauen haben, sondern solche, die auch Fragen hatten […]. Dadurch habe ich ein positives und geistlich hilfreiches historisch-kritisches Schriftverständnis bekommen […].“

Die Theologie des Modernismus – hilfreich und inspirierend. Für die Konservativen hat der Baptist dagegen, Zimmer hier erschreckend ähnlich, oft genug nur Spott übrig, wenn er z.B. gegen die „mit den Füßen in ihre Traditionen und Überzeugungen einbetonierten Standpunktfetischisten und Lordsiegelbewahrer des Glaubens“ polemisiert.

Die KBA, die „Konferenz Bibeltreuer Ausbildungsstätten“ mit über drei Dutzend Mitgliedern im deutschsprachigen Raum und Hort der zimmerschen Konservativen, formuliert im ersten Punkt der gemeinsamen Glaubensgrundlage, dass man an „die göttliche Inspiration und die Unfehlbarkeit der ganzen Heiligen Schrift“ glaubt. Nun gibt es hohe Verantwortliche in Werken der KBA, die „Worthaus“ ganz toll finden, empfehlen und verlinken. Obwohl Zimmer und Co. mit der Unfehlbarkeit nun wahrlich wenig anfangen können, wie wollen sie auch. Schließlich haben sie die „‘gesicherten’ Erkenntnisse der theologischen Wissenschaft“ auf ihrer Seite. – Wer sich auf die „Worthaus“-Theologie einlässt, der wird an der göttlichen Inspiration und die Unfehlbarkeit der ganzen Heiligen Schrift kaum festhalten können. Die Evangelikalen müssen tatsächlich die Kritik lernen, die Kunst der sorgfältigen Unterscheidung!

Der Vergleich im Begleittext von „Worthaus“ gibt zu verstehen, dass die konservative Christenheit krankt. Das mag wohl sein, doch der Diagnose aus der Praxis von Dr. Zimmer und Kollegen kann man gewiss nicht zustimmen. Denn das liefe darauf hinaus (um in der Medizin zu bleiben), einen Homöopathen zu Antibiotika Stellung nehmen zu lassen – mit wenig überraschendem Ergebnis. Folgt der konservative Patient dem Rezept Zimmers, wird er einen siechenden Tod erleiden. Es ist anders herum: Der Krebs ist eine Theologie, die die Autorität der Bibel der Vernunft und der Erfahrung kategorisch unterordnet – und die Moderne diktiert dies ganz und gar nicht. Diesen Krebs muss man beobachten, behandeln, unter Umständen herausschneiden. Dann bestehen gute Heilungschancen. Das wohl beste Gegenmittel ist eine gute Dosis traditioneller und alter Theologie – je mehr, desto besser: Patristik, Scholastik und Reformation, Puritaner, Pietisten und Prediger, bis hin zu den Großen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts – Bavinck und Kuyper, Vos und Berkof, Lütgert und Schlatter, Warfield und Heim. Und das kommt noch nicht einmal einer unangenehmen Chemotherapie nahe, dies ist vielmehr „der frische Wind der Jahrhunderte“ (C.S. Lewis), den wir durch unsere Köpfe wehen lassen sollten. Und nicht zu selten sollte man auch auf „Laiengeblök“ zu hören (Lewis genialer Essay zu den Verfehlungen der liberalen Theologie – ein Muss für jeden Theologiestudierenden!). Fenster auf und den Gegenwartsmuff von „Worthaus“ raus! Der Bildung wird‘s nicht schaden, im Gegenteil.

PS: Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis die Vorträge von Worthaus 6, aufgenommen im Mai, online gehen. Thema Reformation. Denn natürlich versuchen Zimmer und Co. auch die Theologiegeschichte für sich zu vereinnahmen. Luther wird, wir kennen es schon, zu einem Vater des historischen Kritik. Der frische Wind wird da schnell zu einem Säuseln. Da hilft nur das eigene Studium der alten Texte.

Übrigens konnte „Worthaus“ als (zukünftige) Referenten auch zwei Vertreter des evangelikalen Lagers gewinnen: Thorsten Dietz von der Evangelischen Hochschule Tabor, Mitglied im Arbeitskreis Evangelikale Theologie, sowie Peter Zimmerling, ehemaliger OJC-Pfarrer, Pietismus- und Bonhoefferexperte und Stammredner bei SMD-Veranstaltungen.