Flagge rauf, Flagge runter

Flagge rauf, Flagge runter

Der erste Januar wird in Litauen offiziell als „Tag der litauischen Flagge“ begangen. An allen öffentlichen Gebäuden muss an diesem – wie an jedem Gedenktag – die Trikolore des Landes in den Farben Gelb, Grün und Rot gehißt werden. Besitzer von Privathäusern sind dazu nur an den drei nationalen Feiertagen (16. Februar, 11. März und 6. Juli) verpflichtet. An jedem 1. Januar wird die Flagge auf dem Gediminas-Turm in Vilnius feierlich eingeholt. Regierungsvertreter überreichen sie traditionell einer Schule, die sich im Bereich Zivilgesellschaft und geschichtlichem Erbe verdient gemacht hat. Anschließend hissen Soldaten ein neue Flagge, die im ganzen angebrochenen Jahr über der  Hauptstadt wehen wird.

Der Neujahrstag hat in Litauen diese Bedeutung, weil die Nationalfahne erstmals am 1.1.1919 auf dem Turm des Gediminas-Hügel wehte. Der Turm ist der Rest der Burg, die in den Kämpfen mit Russland im 17. und 18. Jahrhundert weitgehend zerstört wurde, und symbolisches Zentrum der Nation (ähnlich dem Brandenburger Tor in Deutschland; der stilisierte Turm ist nun das Logo der Stadt Vilnius).

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Nationalflagge und Historische Flagge Litauens

Im Früjahr 1918 hatte der Litauische Rat die Trikolore in den drei Farben verabschiedet – eine Neuschöpfung. Die historische litauische Flagge, der Ritter zu Roß mit gezogenem Schwert (Vytis) auf rotem Grund, wurde für eine Landesflagge als zu kompliziert angesehen. Wie in so vielen Ländern strebte man eine einfache Lösung mit breiten Farbbalken an. Auf Rot und Grün einigte man sich schnell, beide Farben finden sich auch schon in der älteren Fahne Klein-Litauens (litauisches Ostpreußen). Schließlich kam noch das Gelb hinzu.

Die deutsche Besatzung im Jahr 1918 tolerierte die neue Fahne nur, ließ sie natürlich nicht als Symbol eines souveränen Staates wehen. Im Dezember, nach Ende des Krieges, zogen die deutschen Truppen aus Vilnius ab. Im folgenden Durcheinander konnte die litauische Flagge ein paar Tage auf dem Gediminas-Turm wehen. Doch am 6. Januar besetzten die Kommunisten die Stadt und machten sie zum Regierungssitz der Litauisch-Weißrussischen Sowjetrepublik (ab Februar 1919, kurz „LitBel“). Die Bolschewiki im Moskaus betrachteten das Baltikum als wichtiges Sprungbrett der Revolution nach Westen.

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Vilnius im 15. Jahrhundert. Von der Burg auf dem Hügel, benannt nach dem Stadtgründer Fürst Gediminas, steht nur noch der linke Turm.

Die kommunistischen Truppen wurden aus Litauen gedrängt. Polnische Einheiten befreiten Vilnius schon im April 1919. Mit der Sowjetunion, die dringend Entlastung im Bürgerkrieg und gegen Polen suchte, erreichte Litauen 1920 einen günstigen Friedensschluss, der Vilnius und das gesamte Hinterland der Stadt (nicht geringe Teil des heutigen Weißrusslands) der jungen Republik überließ. Im Juli mussten die polnischen Einheiten vor der Roten Armee aus der Stadt weichen. Am 26. August des Jahres konnte die litauische Trikolore in Vilnius wieder gehisst werden. Doch wieder nur für kurze Zeit: Eine polnische Armee unter General Zeligowski besetzte die Stadt, die kurzlebige Republik „Mittellitauen“ wurde gegründet, die 1922 in Polen aufging. Bis 1939 residierte die litauische Regierung in der provisorischen Haupstadt Kaunas.

Nach der Zerteilung Polens durch Hitler und Stalin übergab die Sowjetunion gnädigerweise Vilnius wieder an Litauen, wohl wissend, dass man sich bald das ganze Baltikum holen würde. Ende Oktober 1939 kehrten Gelb-Grün-Rot nach Vilnius zurück – für ein gutes halbes Jahr. Im Juni 1940 besetzte die Rote Armee Estland, Lettland und Litauen; im August schlossen sich die Länder mit ihren eingesetzten kommunistischen Führungen der UdSSR an. Die litauische Trikolore musste der Flagge der Litauischen Sowjetrepublik weichen.

Im April zogen Einheiten der „Litauischen Sonderverbände“ (lit. Vietine rinktine) in Vilnius ein. Unter der Führung des litauischen Generals Povilas Plechavicius sollten diese Hilfstruppen der Wehrmacht gegen die Armia Krajowa, die polnische Heimatarmee, vorgehen. Noch ein viertes Mal kam die litauische Flagge für einen Monat zurück. Im Frühsommer 1944 besetzte die Rote Armee wieder Vilnius – und blieb für viele Jahrzehnte.

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Flagge der Sowjetrepublik Litauen (1953–88)

In Sowjetlitauen war die alte Nationalflagge streng verboten, selbst die Farbkombination Gelb-Grün-Rot durfte nirgendwo verwendet werden. Die Reform- und Unabhängigkeitsbewegung „Sajudis“ machten die „Säulen des Gediminas“ (Gedimino stulpai), wohl das älteste heraldische Wappen des Landes, sowie die alte Flagge zu ihrem Symbol. Ab dem Sommer 1988 wurde die litausche Trikolore wieder gezeigt, und auf dem Großdemonstrationen massenhaft.

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Die kommunistische Führung unter ZK-Sekretär Songaila sah sich zu Zugeständnissen gezwungen und führte mit Beschluss vom 6. Oktober 1988 Gelb-Grün-Rot wieder als Flagge ein – wohlgemerkt: noch als Flagge der Sowjetrepublik Litauen. Am 7. Oktober wurde sie wieder auf dem Hügel über Stadt gehisst und weht dort bis heute. Noch Im Oktober wurde Algirdas Brazauskas neuer Parteichef der litauischen Kommunisten – der Wunschkandidat von „Sajudis“. 17 Monate später erklärte Litauen die Unabhängigkeit von Moskau.

Der litauischen Flagge ähneln übrigens die von Myanmar (früher Birma) – weißer Stern auf Gerb-Grün-Rot –  und die der dänischen Insel Ærø.

(Foto ganz o.: Alfredas Pliadis, KAM)