Jay und Gofi verwirren die Welt

Jay und Gofi verwirren die Welt

Der Podcast „Hossa Talk“ von Jakob „Jay“ Friedrichs und Gottfried „Gofi“ Müller geht nun ins dritte Jahr. Erneuertes Erscheinungsbild, „Hossa App“ und diverse ‘Fan-Artikel’ im „Hossa Shop“ (Shirts mit Aufdruck „God gave Hossa Talk to you“) zeigen schon: Das Format ist in eine Marktlücke im (post)evangelikalen Sektor gestoßen und findet offensichtlich eine wachsende Hörerschaft. Zu den bekennenden Hossa-Hörern zählen prominente Christen wie Jürgen Mette oder Steve Volke. Inzwischen scharren die beiden in Live-Talks und Regio-Treffen eine Art Gemeinde von Hörern um sich. Im kommenden Monat wird eine Hossa-Israelreise stattfinden.

Die Hossa-Themen decken ein breites Spektrum ab, schließlich „erklären“ Jay und Gofi „die Welt“ (so immer noch im Jingle zu Beginn jedes Talks). Je nach Gesprächspartner wie jüngst mit Thorsten Dietz kann es auch mal recht niveauvoll werden. Sicher kann man bei Hossa aber  sein, dass jugendlicher Slang nicht zu kurz kommt; hier und da werden die unvermeidlichen Fäkalwörter eingestreut. Aber das stört ja sowieso nur die konservativen „Bibelstellenstapler“, denen sie „zuerst misstrauen“ und die gewiss nicht zur eigentlichen Zielgruppe von Hossa gehören.

Ein erster kritischer Beitrag im vergangenen Frühjahr hatte mir eine Einladung in den Hossa Talk eingebracht (#59: „Eine Lanze für Calvin“). Obwohl im Umgang immer freundlich können sich beide Gastgeber gerade in Abwesenheit von theologischen Opponenten über diese gehörig lustig machen (s.u. zu den Calvinisten). Auch im jüngsten Talk (#73) wollte Jay seine Wut über die Endzeit- und Entrückungslehre des Dispensationalismus nicht verbergen, griff zu Kraftausdrücken und redete sich in Rage. Man hätte gern eine Replik eines Vertreters dieser Strömung gehört.

Inzwischen glaube ich, dass die beiden Hessen (ein Wahl-Hesse darunter) nicht mit Samthandschuhen angefasst werden müssen. Sie misstrauen tendenziell allen und allem aus der konservativen Ecke. Ich misstraue den falschen, ja vergifteten Antithesen, die durch so manchen Talk wabern. Im Folgenden drei Beispiele. Die Welt wird so nicht erklärt, sondern nachhaltig Verwirrung gestiftet. Wahrscheinlich ist das „Hossarchie“-Zeichen, ein abgewandeltes Anarcho-A, nicht zufällig gewählt: ein Hoch auf die Zerstörung.

Anarchie

T-Shirt mit Hossarchie-Logo

Niemand hat die Wahrheit

Im Hossa Talk #69 („Ostern heißt: Fürchte dich nicht! Warum wir keine Angst vor Gott zu haben brauchen“) ging es überraschend wenig um Ostern. Die beiden Talker beackerten im Gespräch miteinander Grundsatzfragen. Vor allem die Wahrheitserkenntnis stand im Mittelpunkt.

„Jeder Christ ist der Ketzer eines anderen“, so Jay eingangs. Das soll natürlich heißen: Wenn jeder ein Ketzer ist, ist niemand ein Ketzer und damit die gesamte Kategorie der Irrlehre hinfällig. Ketzerei gibt’s nicht. Wir ringen um die Wahrheit, und „unser Irrtum ist vorprogrammiert“, so Gofi weiter, „der steht so was von fest“. Auch dies geht in die gleiche Richtung: Wenn Irrtum nicht nur unvermeidlich, sondern fast die Regel ist, was ist dann noch Irrtum?

Hier wäre zurückzufragen: Irrlehre ist nichts anderes als ernster theologischer Irrtum in Kernfragen des Glaubens. Kann dieser Irrtum in irgendeiner Weise erkannt und von der Wahrheit abgegrenzt werden? Was machen wir mit diesem Irrtum? Wie beseitigen wir ihn? Wenn Wahrheit und Irrtum aber gar nicht unterschieden werden können, findet dann ein Ringen um Wahrheit überhaupt statt? Wie sollen wir mit dem unvermeidlichen Irrtum umgehen? Uns nicht drum scheren?

Jay setzt nun noch einen darauf: Ein Gedanke habe ihm Frieden gegeben: „festzustellen, dass ich die Wahrheit gar nicht erkennen kann; dass ich unfähig bin – als Mensch – tatsächlich zu sagen: so ist es. Fertig, Strich drunter, Ausrufezeichen dran“. Und weiter: „Der Mensch kann DIE Wahrheit, DAS Universum, DEN Gott nicht in seine kleinen Fingerchen kriegen. Geht nicht.“

„Das ist Demut“, so Jay. Und Gofi: „Hörst Du das? [Pause] Wie unsere calvinistischen Freunde gerade ihre Messer wetzen?“ Es folgt langes und lautes Gelächter der beiden. „Manche Christen haben damit echt einfach ein massives Problem.“

Tatsächlich hätten Christen über Jahrhunderte, ja Jahrtausende hinweg ein massives Problem mit dieser postmodernen Antithese gehabt, die dem Denken der beiden zugrunde liegt: Entweder wir haben irrtumsfreies Wissen über Gott und die Welt oder wir können Wahrheit gar nicht erkennen. Kaum jemand bestreitet, dass wir nicht Gott sind und all unser Wissen in gewissem Maße fehlerhaft ist. Aber ist wirklich die einzige Alternative, dass wir „die Wahrheit gar nicht erkennen“ können?

Die klassische Position – nicht nur die der Calvinisten, sondern so gut wie aller christlichen Denker – besagt, dass nur Gott umfassende und vollkommene Erkenntnis besitzt. Der Mensch als Geschöpf kann Wahrheit erkennen, aber dies war eben schon immer das begrenzte Wissen von begrenzten Wesen um Elemente von Wahrheit. Auch vor dem Fall konnten die Menschen Gott oder seine Welt natürlich nicht in die „kleinen Fingerchen“ bekommen. Aber dies schließt echte Wahrheitserkenntnis ja gar nicht aus.

Mit der Sünde kamen auch Lüge und Täuschung, Unwahrheit und Irrtum in die Welt. Alle Erkenntnis ist damit nicht nur begrenzt, sondern in Teilen auch mit Fehlern durchsetzt. Aber eben nur in Teilen. Wer wirklich glaubt, die Wahrheit sei gar nicht zu erkennen, der müsste seinen Mund ganz halten, dürfte gar nichts mehr sagen und sich aus dem Ringen um die Wahrheit ganz verabschieden.

Es gibt also eine Mitte zwischen vollkommener und nicht vorhandener Erkenntnis: echtes und ausreichendes Wissen von Wahrheit. Und natürlich werden auch bei Hossa Aussagen mit eindeutigem Wahrheitsanspruch vorgetragen wie z.B., dass Liebe wichtiger als die Wahrheit sei („Wenn die Wahrheit vor die Liebe tritt, kommt Angst“, so Jay). Oder man bezieht sich auf Siegfried Zimmer, der nur eine Definition Gottes zulassen will: die Liebe. Sie sei die einzige Antwort auf die Frage nach dem Wesen Gottes. Hier kein „Fertig, Strich drunter, Ausrufezeichen dran“? Oder Jay: „Gott liebt jeden Menschen“; „Gott sagt in Christus JA. Punkt, fertig, aus.“ Soll das nun nicht die Wahrheit sein?

Schließlich noch zu Ostern: Lass dir doch mal die Auferstehung gefallen, lass dich in sie hineinfallen, so die Talker an die Zuhörer. Ob sie nun tatsächlich geschehen ist oder nicht, spiele dabei nicht die entscheidende Rolle, denn dann ginge es ja wieder los, „das richtig und falsch“. Irrtum oder nicht – wurscht. Da haben wir den ganzen postmodernen Salat, der nur noch Raum für Autosuggestion lässt.

Nichtglaube als Gabe

Oder für mystische Erlebnisse. Zu Beginn von Hossa Talk #72 (Der innere Atheist – Was Jay an Gofi beneidet. Sind Zweifel was Gutes? Und was ist überhaupt Glaube?) philosophieren beide wieder über den „Abgrund des Nichtwissens“: Wir tun alle so, als wüssten wir was; man denkt sich die Welt irgendwie, aber ist nicht doch alles dummes Zeug? Halt geben da Gemeinschaftserlebnisse wie beim Regio-Treffen. Das „hat was Heiliges“, so Gofi. Er habe da den „Saum seines Gewandes berührt“, so Jay – Eindrücke von „heiligen Momenten“, die sich aber nicht festhalten ließen.

Dieses Aufblitzen von etwas Transzendentem fordert den inneren Atheisten in Jay heraus. Der zur Skepsis neigende Jay hält die Gründe, nicht an Gott zu glauben, oft für nachvollziehbar. Gofi sieht sich dagegen mehr auf Glauben gepolt, bezeichnet sich als „nicht angemessen genug kritisch“.

An ihren Veranlagungen anknüpfend nähern sich die beiden dem Thema Glaube und Zweifel. Es wurde ja schon das eine oder andere Mal bei Hossa angerissen. Laut Jay und Gofi gibt es Hossa sowieso „nur wegen Gemeinden, in denen Fragen nicht gestellt werden können“. Wegen Gemeinden, die den Zweifel ignorieren und nicht darauf eingehen.

Für die beiden ist Zweifeln hingegen eine Gabe, die nicht verurteilt werden dürfe, wozu aber manche Menschen leider tendieren. Laut Gofi dürfe man Zweifel, ja selbst Nichtglauben nicht zum Vorwurf machen. Dummerweise geschieht dies aber „auch in den biblischen Geschichten“.  Jesus würde ihm „in dem einen oder anderen Evangelium“ da widersprechen, aber „lasst uns den Nichtglauben lieber als Gabe sehen“.

Glaube und Nichtglaube seien zusammen als Gabe zu betrachten – da merken die Talker selbst, dass sie sich „damit nicht auf biblischem Boden“ befinden. Jay versucht dennoch, die Kurve zu bekommen. Er verweist auf biblische Stellen, wo der Zweifel nicht negativ gedeutet wird; wie Jesus auf ihn eingeht. Der Glaube wird ja von Gott geschenkt, „dafür kann man nichts“ – sollte das dann nicht auch für den Zweifel gelten?

Beide betonen, dass es ein weites Spektrum zwischen Glauben und Zweifel gibt. Es sei eben nicht so, dass Zweifel böse und Glaube gut ist. Wer nicht glaubt, der hat nicht, ja die ganze Unterscheidung von Glaube und Nichtglaube, diese Dichotomie, dies Entweder-Oder – „das wird der Realität nicht gerecht“, „das passt hinten und vorne nicht“.

Echter Glaube sei gar nicht zu identifizieren: „Was soll das denn sein, bitteschön?“ Was soll dann aber, bitteschön, die Frage der Überschrift („Und was ist überhaupt Glaube?“)? Warum überhaupt über dies Thema reden und den Leuten die Welt erklären, wenn da letztlich nichts zu erklären ist? Wenn eh alles eine Gabe Gottes ist, auch der Zweifel gut ist und es sowieso keinen wesentlichen Unterschied macht, ob ich glaube oder zweifle?

Die hier zugrunde liegende falsche Antithese: Entweder der Zweifel wird verdammt oder er ist eine Gabe, die willkommen zu heißen ist. Natürlich haben die beiden darin recht, dass viele Gemeinde mit Zweifelnden und ihren Anfragen nicht richtig umgehen, den Zweifel in Bausch und Bogen verurteilen, ja verdammen. So eine Reaktion ist nicht angemessen, ja falsch. Zweifel sollen ernstgenommen werden, man muss sie angehen und dafür erst einmal anerkennen, d.h. wahrnehmen. Hier hilft es tatsächlich nicht weiter, jeden Zweifel vom Tisch zu fegen. Aber dies heißt doch noch lange nicht, dass Zweifel und Unglaube eine Gabe sind!     

Unglaube, der Nichtglaube an Gott, soll eine Gabe sein – eine Gabe Gottes? Wie tief sind wir hier eigentlich im Sumpf der Postmoderne, die sich um Widersprüchlichkeiten nicht mehr kümmert, versackt? Gewiss, ich kann auch die Argumente von Atheisten und Unglauben im Allgemeinen als eine Gabe ansehen und zwar in dem Sinne, dass ich daran den Glaube und seinen Wert besser erkenne usw. Insofern ist selbst das Böse eine Gabe, weil ich im Vergleich damit das Gute noch mehr schätze und Tugenden entwickeln kann.

Aber Jay und Gofi gehen weit über dies hinaus: Unglaube ist gut. Das ist nun wahrlich mit der Bibel nicht in Einklang zu bringen und verdient auch das Etikett „christlich“ nicht mehr („der christliche Unglaube“ macht ja wohl wenig Sinn). Doch wenn nun schon „entweder du bist Christ oder du bist keiner“ eine „total dumme Aussage“ sein soll (wie sich Torsten Hebel in einer ERF-Radiosendung verbreiten durfte), dann überrascht die Heiligsprechung des Unglaubens auch nicht mehr.

Nach dem Sündenfall ist der Zweifel tatsächlich nicht aus der Glaubenspraxis zu verbannen. Ein Christ ist ein Glaubender und ein Zweifler. Leider! Hier ist nichts, wessen er oder sie sich brüsten könnte. Denn in die Glaubensdefinition gehört der Zweifel nicht hinein. Die Hossa Talker erkennen diese Unterscheidung leider überhaupt nicht (wen wundert’s bei all der Polemik gegen alles Unterscheiden unter den Postevangelikalen).

Die Reformatoren bezeichneten alle ähnlich wie Calvin den Glauben als eine „feste und gewisse Erkenntnis des göttlichen Wohlwollens gegen uns…“ (Inst. III,2,7). Der Heidelberger Katechismus spricht in Fr. 21 („Was ist wahrer Glaube?“) ebenfalls von „zuverlässiger Erkenntnis“ und „herzlichem Vertrauen“. Dies bedeutet nun aber nicht, dass Zweifel ignoriert werden sollen. Schließlich kommen z.B. in vielen Psalmen echte Zweifel zum Ausdruck. In ihnen werden „verwirrte Gefühle“, so Calvin, angesprochen. David und andere Psalmisten litten jedoch daran. Wir sollen gewiss nicht viel mehr zweifeln, denn Zweifel ist nicht das Ideal, keine Tugend und schon gar keine Hängematte, in der man sich ausruhen kann. Der Zweifel ist eine ernste Sache, aber nicht als Teil des Glaubens wertzuschätzen. Gerade die Psalmen zeigen, wohin er gehört: in das Gebet, ja auf diese Weise auch in den Gottesdienst der Gemeinde.

Diese Unterscheidung von Glaubensgrundlage und –definition auf der einen und Glaubenspraxis und –erfahrung auf der anderen Seite kennzeichnet unser gesamtes irdisches Leben. Das Ringen mit dem Zweifel wird uns daher immer begleiten. Die postmodern geprägten Neuerer wie auch Jay und Gofi haben diese Spannung jedoch elegant aufgelöst – mit fatalen Konsequenzen. (Mehr zu Glaube und Zweifel hier.)

Noch ‘ne Baustelle

Im Podcast #73, aufgenommen beim Regio-Treffen in Köln am 20. Mai, kommen auch Teilnehmer zu Wort. Eine Fragestellerin gleich zu Beginn bezieht sich auf Gofis Äußerungen über die Bibel – einerseits sei sie etwas Heiliges, aber dennoch „nicht fehlerfrei, von Menschen geschrieben“. Für sie stellt sich damit aber diese Frage: „Woran mache ich noch fest, was aus der Bibel fehlerhaft – weil von Menschen geschrieben – und was heilig ist?“ Wenn das Kriterium nicht mehr ist „von Gott gegebenes Wort“ und der pure Subjektivismus (was für mich allein Sinn macht oder nicht) „auch nicht funktioniert“, „was ist dann noch das Kriterium?“ Wie entscheide ich, was in der Bibel gilt, was also heute Autorität hat? Wie trenne ich die Spreu vom Weizen?

Eine sehr gute Frage, die gleich ins Schwarze trifft. Gofi, ganz Hossa-demütig: „Das ist für mich auch noch ‘ne Baustelle. Ich hab‘ darauf keine klare Antwort, ich habe kein System…“ Er erwähnt ein anderes Gespräch vom Vortag mit einem Mann, der die Hossa Talker fragte, wo sie Halt und Gewissheit finden. „Für ihn war das die von Gott gegebene heilige Schrift“, er habe dann aber wieder „angefangen zu schwurbeln“. Klare Antworten – es sei denn, sie haben etwas Progressives an sich! – sind wohl schon etwas Unanständiges geworden.

Jay übernimmt die Stafel und erläutert: „Jeder, der die Bibel liest, interpretiert sie – immer“; „niemand liest sie so wie sie ist“. Jeder habe ein System, in dem die Bibelstellen verschieden gestapelt werden. Alle ringen mit dem Text, „der mit mir arbeitet“. Ein Text, „der mich auf dem Weg begleitet, den ich mit Gott gehe“, der inspirieren, herausfordern, unterbrechen, ermutigen, verstören will – „all das macht was mit mir“. Die Bibel sei kein „Regelbuch“, sondern ein „Lebensbuch“, und zwar „gerade weil sie sich widerspricht“. Die Konservativen dagegen meinen: „Schlag auf, hier isses, nun hast die Antwort“. Jay: „Muss ich da noch mit dem Text kämpfen oder nicht?“ Zur Frage nach dem Kriterium: Was wir in der Bibel finden „ist, was es ist“. Menschen haben sie aufgeschrieben, „und das lass ich jetzt mal mit mir arbeiten“. In und durch dieses Arbeiten wirkt dann der Heilige Geist.

Das ist die Hossa-Hermeneutik in a nutshell. Wenn Gofi das Bild der Baustelle gebraucht, dann würde ich sagen, dass schon beim Guß des Fundaments des Gebäudes irgendetwas fürchterlich danebengegangen ist. Die Antithese im Untergrund lautet hier: Entweder die Bibel wird nicht interpretiert oder sie ist bloß ein Begleiter (von vielen) auf einer spirituellen Reise.

Auch in diesem Fall ist die erste Behauptung in dem Satz abzulehnen. Natürlich hat Jay recht: Jeder interpretiert die Bibel. Denn sie besteht aus Wörtern und Sätzen, die gedeutet und ausgelegt werden wollen. Nun ist es aber nicht so, dass ernsthafte Theologie, und sei sie noch so konservativ, dies jemals geleugnet hätte. Natürlich gab und gibt es Debatten um den Grad des „Biblizismus“ und der genauen Art und Weise, wie biblische Texte theologische Lehren bestimmen, beeinflussen oder prägen; was genau eine biblische Begründung ist und wie mit Bibelzitaten umzugehen ist.

Wenn aber jemand mit einem Bibelvers nach dem anderen kommt (sind das die „Bibelstellenstapler“?), dann kann dies schlechte, weil ungenügende Theologie sein. Kann, muss aber nicht. Je nach Kontext kann es auch mal Sinn machen, eine lange Reihe von Bibelversen zu einem bestimmten Thema zusammenzustellen, um das Gewicht einer einzelnen Aussage deutlich zu machen und zu bewerten. Wenn S. Zimmer zum Urteil kommt, das Wesen Gottes sei nur mit Liebe zu beschreiben (s.o.), dann ist er dazu sicher auch dadurch gekommen, dass dies in seiner Sicht allein mengenmäßig eine Hauptaussage der Bibel ist. Er hat also seine Bibelstellenstapelei vorgenommen. Wenn’s um Armut und Gerechtigkeit geht, stapeln die Linksevangelikalen bekanntlich auch gerne Bibelstellen – gleich über dreitausend aufeinander (Stichwort Gerechtigkeitsbibel). Wieso misstrauen die Hossa-Jungs denen eigentlich nicht?

Konservative Theologen haben natürlich auch immer (mehr oder weniger intensiv) mit den biblischen Texten gerungen – was denn sonst? Luther und sein „Turmerlebnis“ ist ja nur ein prominentes Beispiel. Warum sollte alles ganz einfach werden, wenn man die Bibel für ganz von Gott inspiriert und fehlerfrei hält? Bis weit in die Neuzeit haben so gut wie alle Theologen daran festgehalten, und bei ihnen ist nun wahrlich so gut wie nichts von der üblen Karikatur des „Schlag auf, hier isses, nun hast die Antwort“ zu finden. Sicherlich sind auch solche Zeitgenossen zu finden, die einem nur die Bibel um die Ohren hauen. Aber dieser Missbrauch bedeutet doch noch nicht, dass die klassische Lehre von der Bibel als wirkliches Wort Gottes falsch ist.

Bei Hossa ist man sich über eins gewiss: Die Bibel ist nicht „von Gott gegebenes Wort“, natürlich hat sie Fehler und enthält Widersprüche. Irgendwie kann sie noch als heiliger Text bezeichnet werden; oder sie wird zu solch einem. Ansonsten wird die Frage nach der Identität der Bibel weitgehend umschifft. Dass sie zu interpretieren ist, sagt ja nichts darüber aus, ob sie in Gänze Gottes Wort ist. Dass das Bibelwort „ist, was es ist“, hilft ja auch nicht weiter.

Der gesamte Schwerpunkt wandert hinüber zur Wirkung: Die Bibeltexte machen etwas mit dem Leser. Das stimmt. Aber ‘machen’ nicht alle Text etwas mit ihren Lesern? Und wie ist es zu bewerten, wenn andere heilige Texte nachhaltige Eindrücke bei Lesern hinterlassen? Ist die Bibel noch objektiv etwas Besonderes und Einzigartiges? Warum sollten wir die Bibel lesen? Vielleicht passiert in mir bei ganz anderer Lektüre noch viel mehr? Warum noch die Bibel als exklusiver geistlicher Reisebegleiter? Weil wir darin Jesus finden? Ich könnte aber ein Dutzend Jesus-Bücher aus diversen ketzerischen und esoterischen Ecken nennen, die auch inspirierend wirken.

Jay und Gofi therapieren die Welt

Beim Hossa Talk #59 habe ich gegen Ende bemerkt, dass die unterschiedliche Stellung zur Bibelautorität die christlichen Lager sehr wahrscheinlich auch weiter auseinanderdriften lassen wird. Die beiden Hossa Talker wollen das nicht, sehen sich irgendwie auch als Brückenbauer. Doch wieder und wieder muss man erkennen, dass sich an der Frage „wie hältst du’s mit der Bibel?“ die Geister scheiden.

Verbal geht’s hier ja mitunter schon zur Sache, und man könnte hier Malessa, Zimmer und andere zitieren. Jay und Gofi attestieren den Konservativen auch schon mal eine „theologische Schieflage“. Blogger Georg Breitfeld freut sich in seinem Post, dass „sich Jay und Gofi nicht die redseligen Münder verbieten“ lassen. „Das ist gut so! Denn wir sollten uns nicht länger den Mund verbieten lassen von den Souveränen, den sattelfesten Dogmatikern und Bibelauswendigkennern – von denen, die so ganz genau wissen was Glaube darf und was nicht.“

Mit großer Souveränität und ganz sattelfest und jenseits aller Zweifel wird einem evangelikalen Publikum bei Hossa wieder und wieder weißgemacht, dass die Bibel natürlich Fehler und Widersprüche hat; manche scheinen es ganz genau zu wissen, dass sie nicht von Gott inspiriert und tatsächlich Gotteswort ist. Den Progressiven wird schon lange nicht mehr der Mund verboten. Es nähern sich aber die Zeiten, in denen homophoben, intoleranten, dogmatischen und fundamentalistischen Unverbesserlichen das Maul gestopft werden wird.

Es wäre ja nett, wenn z.B. auch bei Hossa die unterschiedlichen Lager miteinander um die Wahrheit ringen würden und wirklich ringen. Doch trotz aller verbalen Diskussionsbereitschaft war bisher – wenn ich dies recht überblicke – nur ein Gast bei Jay und Gofi, der klar die konservative theologische Position (im Sinne der Irrtumslosigkeit) vertritt. Die Ex-Evangelisten, Progressiven, Linksevangelikalen und Post-wer-weiß-was bleiben weitgehend unter sich. Ulrich Parzany kommt deswegen nicht zu Hossa, weil er nicht eingeladen wird!

Dies zeigt ja, dass es auch bei Hossa nicht um Welterklärung und um Fortschritte in der Wahrheitserkenntnis geht (noch einmal: die innerlichen Frieden bringende gute Nachricht von Jay: ich kann die Wahrheit gar nicht erkennen). Breitfeld hat es auf den Punkt gebracht: „So ist Hossa Talk eine Art Therapiestunde und [sind] Jay und Gofi unsere Therapeuten geworden. Sie sind für alle da, denen der Glaube der Altvorderen zu eng geworden ist und die einfach mal über alles reden müssen.“

Hier schließt sich der Kreis. Im letzten Podcast #73 ging es auch um Kirche und Gottesdienste. Gofi kann mit den herkömmlichen Gottesdienstformen nichts mehr anfangen – einer steht vorne und sagt, wo’s langgeht. Die Alternative ist da die therapeutische Sitzung. Das freudsche Sofa statt Kirchenbank. Das altvordere Kirchenverständnis wird hossarchisch zerstört, aber was tritt an seine Stelle? Tja, darüber sollte man tatsächlich auch einmal reden.