Wo ist die Hölle geblieben?

Wo ist die Hölle geblieben?

„Die Hölle ist weg. Keiner hat es bemerkt“

Der Philosoph Bertrand Russell meinte in Why I Am Not a Christian (Warum ich kein Christ bin, 1927) selbstsicher, Jesus habe einen „schweren Charakterfehler“ gehabt. Russell glaubte, dass niemand, „der zutiefst menschenfreundlich ist, an eine ewigwährende Strafe [in der Hölle] glauben kann.“ Und Christus „glaubte ganz gewiss an eine ewige Strafe“. „Rachsüchtige Wut“ finde sich in den Evangelien, aber nicht bei Sokrates. Die ganze Lehre von der Hölle sei eine „grausame Lehre“, ja sie habe sogar „die Grausamkeit in die Welt gebracht“.

Der Psychiater Franz Buggle, ein weiterer Atheist, schrieb in Denn sie wissen nicht, was sie glauben (1992) zur Hölle, diese sei „eine Strafandrohung, deren unheilvolle, psychisch verheerende Wirkung in der Geschichte des Christentums auf unzählbare Menschen gar nicht übertrieben werden kann… Kann ein ethischer und religiöser Lehrer…, kann ein solcher Mann heute noch als Verkörperung des absolut Guten, der absoluten Liebe, als Gott verkündet werden?“ „Ewig dauernde Qualen“ sind für ihn neben der Kreuzeslehre der eigentlich „unheilbare Skandal“ des Neuen Testaments.

Die Kritik der säkularen Kultur ist also äußerst massiv. So massiv, dass führende Kirchenvertreter im Westen sich nicht mehr zur Hölle bekennen wollen. Im Jahr 2013 interviewte der deutsche „Spiegel“ (30/2013) die bekannteste evangelische Pastorin des Landes, die ehemalige Hannoversche Bischöfin und EKD-Ratsvorsitzende (2009–2010) Margot Käßmann: „Glauben Sie eigentlich noch an Himmel und Hölle?“ Sie glaube an die Auferstehung, aber „ob es eine ewige Verdammnis der Sünde und eine Hölle gibt, diese Frage überlasse ich lieber Gott.“ Die lutherische Theologin kritisiert diejenigen, die den „strafenden Donnergott“ zurückhaben wollen. „Es gibt die Hölle auf Erden…“ „Aber als Jenseitsort?“ fragt „Der Spiegel“ bohrend zurück. Antwort: „Ich glaube, dass der Mensch für seine Taten nach dem Tod Rechenschaft ablegen muss. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott Menschen Jahrhunderte in irgendeinem Feuer brennen lässt. Das sind für mich eher die Vorstellungen von Leuten, die ihren Feinden das Schlimmste wünschen.“ „Die Idee der ewigen Verdammnis hat auch etwas Tröstliches“, wenden die Journalisten ein. So würde schlimmen Verbrechern Gerechtigkeit widerfahren. Käßmann sieht hinter so einem Denken allerdings nur „Rachebilder“.

Auf der gleichen Linie argumentiert Heinrich Bedford-Strohm, seit ein paar Wochen EKD-Ratsvorsitzender. In Wer’s glaubt, wird selig (Gespräche mit seinem Sohn) schreibt der Bischof der Ev.-luth. Kirche Bayerns zu den Bildern der Hölle im NT: „Ob wirklich passiert, wovon da gesprochen wird, dürfen wir getrost offen lassen.“ Es sei „völlig unbiblisch“ und „fundamentalistisch“, „die ewige Verdammnis anderer Menschen an die Wand zu malen“. Er will jedoch an einem Gericht und den Bildern als „Warnschildern“ festhalten. Ähnlich wie Käßmann bekräftigt Bedford-Strohm eine Art von Gericht nach dem Tod; dies führe vor allem zu „Scham über Böses“, und „diese Scham wird sein wie die Hölle“. Er ist sogar recht zuversichtlich: „Menschen, die Unrecht getan haben, müssen nicht in der Verdammnis bleiben“. Denn „da, wo diese Scham und damit die Anerkenntnis der Wahrheit deutlich wird, da öffnet sich die Tür ins Reich Gottes…“ Dies ist vermutlich bewusst undeutlich formuliert: die Allversöhnung wird nicht klar gelehrt, aber auf diese Weise bleibt nach dem Tod schlimmstenfalls eine Art reinigendes Fegefeuer übrig, und nach einer Zeit der ‘Besinnung’ gehen alle in Gottes Ewigkeit ein.

„Was ist in der Hölle los?“ fragte Eduard Kopp 2007 in „Chrismon“. „In den großen christlichen Kirchen von heute gibt es keine ausgefeilte Lehre über die Hölle, sie ist auch kein zentrales christliches Thema.“ Letzterer Satz stimmt natürlich. Nur manche der protestantischen Bekenntnisschriften enthalten Artikel zum Gericht und Schicksal der Verdammten wie das Augsburger (XVII) oder das Westminster-Bekenntnis (XXXIII,2). In einigen wird eine ewige Strafe nur kurz berührt (wie im Heidelberger Katechismus, 52). Calvin widmet dem Los der Verworfenen nur eine einzige Seite in seiner riesigen Institutio (III,25,12), Louis Berkhof in seiner Systematic Theology zwei Seiten – von rund eintausend.

Aber „keine ausgefeilte Lehre über die Hölle“? Von Ausfeilen kann allein schon deshalb keine Rede sein, da es eine eigentliche Lehre ja wohl schon Jahrzehnte überhaupt nicht mehr gibt. Selbst im kurzen Artikel zur Hölle im „Glaubens-ABC“ auf den Seiten der EKD heißt es: „In der Verkündigung der Kirchen spielt die Hölle so gut wie keine Rolle mehr.“ (Selbstkritisch wird hinzugefügt: „Damit ist freilich auch der biblische Gedanke in den Hintergrund getreten, dass sich Menschen für ihr Tun und Lassen vor Gott verantworten müssen.“ – Wohl wahr.) R. Albert Mohler von den Südlichen Baptisten in den USA hat gewiss recht: Die Hölle ist ein inzwischen ein „odium theologium – eine Lehre, die von der breiteren Kultur als abstoßend angesehen wird“. In „On Air Conditioning Hell“ zitiert er den englischen Autoren David Lodge: „Zu einem Zeitpunkt in den 60er Jahren ist die Hölle verschwunden. Keiner kann genau sagen, wann dies passiert ist. Erst war sie da, und nun ist sie weg.“ Und auch den Historiker Martin Marty, viele Jahre an der „University of Chicago“: „Die Hölle ist weg. Keiner hat es bemerkt“.

Kopp knüpft schließlich an Karl Barth an, der betonte, „wie wichtig es sei, gerade die gütigen Seiten Gottes in den Blick zu nehmen, seine Gnade wichtiger zu nehmen als die christliche Botschaft vom Gericht. Er riet den Christen, sich die Hölle nicht interessanter werden zu lassen als den Himmel. Das ist ein Ratschlag, der auch heute seine Bedeutung hat.“ Wenn nun aber das Verschwinden der Hölle unsere Situation kennzeichnet, warum dann noch diese Warnung? Wo stehen heute Christen und Theologen in der Versuchung, „sich die Hölle nicht interessanter werden zu lassen als den Himmel“?? Wäre es nicht im Gegenteil ratsamer, sich einmal wieder ernsthaft mit der Verdammnis zu befassen?

„Umfassende Hoffnung für alle“

Man muss keine großen theologischen Kenntnisse mitbringen, um zu bemerken: in der Bibel ist die Hölle ein Nach-dem-Tod-Phänomen. Zur Hölle heißt es jedoch abschließend in den „Multimedia-Clips“ auf den EKD-Seiten: „Wo Gott nicht ist, wo Menschen leiden und hoffnungslos sind – das ist die Hölle“. Ulrike Murmann erläutert dort, dass die Hölle ein Bild für Gottesferne, absolute Verzweiflung, existentielle Ängste sei – ein Bild für „menschliches Erleben“ hier und heute. Die Bilder vom heißen Höllenfeuer werden verworfen. Kommentar aus dem Off: „So hat die Kirche den Menschen Jahrhunderte gedroht. Das ist zum Glück vorbei.“

Murmann, Pröpstin in Hamburg, zitiert das Apostolische Bekenntnis: „hinabgestiegen in das Reich des Todes“. Jesus habe dort „die Toten auferweckt, d.h. mit Christus glauben wir daran, dass das, was Tod, Verzweiflung, Angst bedeutet, eigentlich überwunden werden kann.“ Man beachte jedoch, dass es – entsprechend der Umdeutung der Hölle – nicht um eine tatsächliche Höllenfahrt geht: Jesus habe die ‘Hölle’ bezwungen, indem er den Tod auf sich nahm und so als Gott den Menschen auch in ihren tiefsten Nöten und Todesängsten nahe war. Die Hölle ist kein irgendwie lokalisierbarer Ort mehr, so dass die Höllenfahrt eben auch nur ein Bild dafür ist, dass der tote Christus Solidarität mit den Toten zeigt.

Murmann knüpft hier wohl an Hans Urs von Balthasar an. Der katholische Theologe betrachtete die ‘Gegenwart’ Christi im Totenreich als heilsrelevant. Von Balthasar entmythologisierte die Höllenfahrt und glaubte, dass die Solidarität des toten Christus mit den Toten deren Lage von Grund auf verändert hätte. In dieser Deutung ist recht deutlich ein Heilsuniversalismus angelegt, eine „umfassende Hoffnung für alle“.

Was bleibt, ist ein recht diffuses Bild. Klare Aussagen sind Mangelware; man flüchtet sich meist in einen demütig klingenden Agnostizismus: wir wissen kaum etwas über das ewige Schicksal der Ungläubigen; man überlässt dies gerne Gott; oder man formuliert diplomatisch wie der Katholik Claude Geffré „Ich glaube, dass die Hölle als Ort der Qualen wahrscheinlich nicht existiert“. Einig ist man sich, dass Gott niemanden aktiv bestraft und sicher nicht in die Hölle wirft; allein die Menschen selbst entscheiden sich für die Gottesferne (Geffré: „Wenn die Hölle eine Bedeutung haben sollte, dann als Strafe, die wir uns selbst zufügen“). Gewiss steckt darin Wahrheit. C.S. Lewis: „Alle, die in der Hölle sind, erwählen sie“ (Die große Scheidung). Keiner ist in der Hölle gegen den eignen Willen; die Türen der Hölle werden zuerst von innen verschlossen, so Lewis. Aber es ist eben auch niemand gegen Gottes Willen in der Hölle.

Dies zeigte schon Jürgen Moltmann vor 50 Jahren in Theologie der Hoffnung: „Die Logik der Hölle scheint mir nicht nur inhuman, sondern extrem atheistisch zu sein: hier der Mensch in seiner freien Entscheidung für Hölle oder Himmel – dort Gott als der Ausführende, der diesen Willen vollstreckt. Gott wird zum Diener des Menschen degradiert. Wenn ich mich für die Hölle entscheide, muss Gott mich dort hinstecken, obwohl es nicht sein Wille ist. Drückt sich so die Liebe Gottes aus? Und wo bleibt die Allmacht Gottes? Menschen würden selbst ihrem Schicksal überlassen, sie brauchen Gott eigentlich nicht, denn nur der Mensch bestimmt, was passiert.“ Moltmann geht wie selbstverständlich davon aus, dass ein liebender Gott niemanden in der Hölle haben will. Er lehrte daher konsequenterweise einen Heilsuniversalismus: Am Ende werden alle gerettet, eine ewige Verdammnis gibt es nicht, denn Gottes Liebeswillen setzt sich gewiss durch.

Da Gottes Heilswillen universal ist und alle Menschen umfasst, mag es vielleicht eine Hölle geben, aber sie wird effektiv leer bleiben. Viele bedeutende Theologen des 20. Jahrhunderts tendierten zu dieser universalistischen Richtung (Paul Tillich, Karl Rahner, Karl Barth, John A.T. Robinson und eben Jürgen Moltmann). Und auch Evangelikale wie Clark Pinnock, John Sanders, Brian McLaren zeigen hier eindeutige Sympathien. Meist ist dieser Ansatz verbunden mit einem universalen Sühneopfer Christi: Jesus ist in jeder Hinsicht tatsächlich für alle gestorben, der Hl. Geist wohnt daher in allen (s. auch W.P. Youngs Die Hütte und C. Baxter Krugers Revisiting the Shack).

„Beinahe nichts“

Bekanntlich spricht Jesus selbst in der Bibel am häufigsten in der Hölle (wie ja auch Russell und Buggle bemerkt haben, s.o.). Paulus gebraucht das gr. Wort gehenna für Hölle nicht. Aber auch bei ihm findet sich die grundlegende Unterscheidung von ewigen Heil und Verdammnis. Der Apostel betont, dass es für alle Menschen ein letztes Gerichtsurteil geben wird; alle müssen „vor dem Richterstuhl Christi erscheinen“ (2 Kor 5,10, s. auch Röm 2,2–3.5.16; 3,6; 5,16; 14,10; 1 Kor 5,13; 1 Thes 4,6; 2 Thes 1,5; 1 Tim 5,24; 2 Tim 4,1). Diejenigen, die die Verdammung erwartet, werden „zugrunde gehen“ (gr. apollymi; Röm 2,12; 1 Kor 1,18; 15,18; 2 Thes 2,10) und gehen auf die „Vernichtung“ (apooleia) zu (Röm 9,22; Phil 1,28; 1 Thes 5,3; 2 Thes 1,9). In 2 Thes 1,9 beschreibt Paulus explizit, was auf dieses Gericht folgt: Sünder sind für die „ewige Vernichtung“ bestimmt.

Wie kann man sich diese Vernichtung vorstellen? C.S. Lewis widmete der Hölle ein Kapitel in Über den Schmerz. „Es gibt keine Lehre, die ich lieber aus dem Christentum tilgen möchte als diese – wenn es nur in meiner Macht läge. Aber sie wird sehr eindeutig durch die Heilige Schrift gestützt und vor allem durch die Worte unseres Herrn selbst; sie ist von der Christenheit niemals aufgegeben worden; und auch die Vernunft stimmt ihr zu.“ Lewis betont, durchaus im Einklang mit dem biblischen Zeugnis: „In den Himmel kommen heißt, menschlicher werden, als es einem je auf Erden gelang; in die Hölle kommen heißt, vom Menschsein ausgeschlossen werden, Was in die Hölle geworfen wird (oder sich selbst hineinstürzt), ist nicht ein Mensch, sondern dessen ‘Überbleibsel’.“ In der Hölle befinden sich damit nicht Menschen in vollem Sinne – eben nur Überreste, weshalb er fragt: „Wenn die Seele zerstört werden kann, muß es da nicht auch den Zustand ‘eine-menschliche-Seele-gewesen-sein’ geben?“

Auf dieser Linie nennt Lewis auch in Die große Scheidung die Verdammten Schattenwesen, „menschgestaltete Flecken“ („was von einst Lebenden übrig blieb“), die mehr und mehr vergehen; „eine verdammt Seele ist fast nichts. Sie ist geschrumpft, in sich verschlossen“. Lewis will die Hölle sicher nicht zur Fiktion erklären, aber ihr Status als Wirklichkeit ist ein begrenzter: sie ist „beinahe nichts“ oder an anderer Stelle: „Die ganze Hölle ist kleiner als ein Kieselstein eurer irdischen Welt.“ Im Gegensatz zu den fast schon unwirklichen Verdammten haben die Erretteten in der Erzählung feste Körper. Sie sind wirklich im vollen Sinne und leben in der wahren Wirklichkeit: „Himmel ist Wirklichkeit selbst. Alles, was ganz wirklich ist, ist himmlisch.“

Lewis hat in dem Büchlein fiktive Dialoge aufgezeichnet, die natürlich in ihrer Interpretation des Jenseits über den biblischen Text hinausgehen; insofern sollte man sie nicht als Theologie im eigentlichen Sinne lesen. Ihm ist aber geglückt, eine populäre Vorstellung zu hinterfragen: alles Derbe und Materielle der Hölle zuzuordnen und den Himmel gleichsam in einen luftigen Raum der Geistigkeit zu verwandeln. Zurecht können wir ja sagen, dass der Himmel, das Neue Jerusalem, nicht weniger leiblich, fassbar, konkret oder eben wirklich ist als der Ort der Verdammnis, ja dass das Prädikat Wirklichkeit in erster Linie diesem zukommt.

In Die große Scheidung gibt es keinerlei augenscheinliche Qual oder gar Folter. In Apr 14,9–11 ist jedoch eindeutig von Qualen die Rede (gr. Verb basanidzo). Dort geht es um die Anhänger des Antichristen. An anderen Stellen wie Lk 16,24, Mk 9,44–48 oder Apr 20,15 sind sicher alle Nichtgläubigen gemeint, und auch hier tauchen die gleichen Bilder von Feuer auf – dies höllische Feuer ist ewig, unauslöschlich und bedeutet eine ewige Strafe (Mt 3,12; 5,22; 18,8; 25,46). Andere Stellen sprechen von Dunkelheit (Mt 25,30; 2 Pt 2,17), was eine allzu wörtliche Deutung der Feuer-Stellen nicht zulässt und deutlich macht, dass es sicher hier um Straf-Bilder handelt.

Insgesamt fällt die knappe Schilderung der Bibel auf; unsere Neugier wird in keiner Weise befriedigt. Qualen, die den ganzen Menschen (oder eben das, was von ihm übrig bliebt) betreffen; Trennung von Gott, geistige Schmerzen (gewiss die Scham, von der Bedford-Strom, s.o., spricht); Einsamkeit und Entfremdung von anderen (Lewis geniale Eingangsszene in Die große Scheidung: die Verdammten befinden sich in ewigem Streit) – all das, aber wohl noch mehr. Da jedoch die Frage ein Stück weit offen bleibt, was für ein Bewusstsein genau die „Reste“ (mit Lewis gesprochen) von Menschen noch haben, sollte man sich mit Ausmalungen dieser Qual zurückhalten.

Der Koran dagegen hat hier jede Zurückhaltung fallengelassen und ein äußerst deutliches Bild der Qualen der Verdammten (ich folge hier C. Schirrmachers Islam). Sie bekommen „heißes Wasser zu trinken. Sie haben eine schmerzhafte Strafe zu erwarten“ (6,70), ihnen bleiben Speisen „im Hals stecken“ (73,12), und „die Höllenhitze… versengt ihnen die Haut“ (74,27.29). Besondere Schmerzen verursacht das Essen des Saqqum-Baumes; er ist „wie geschmolzenes Metall“ und kocht in ihren Bäuchen wie heißes Wasser“ (44,43–46; 37,62–68). Die Ungläubigen tragen „Kleider aus Feuer“; ihnen wird „heißes Wasser über den Kopf gegossen“ (22,19). Sie werden auf dem Gesicht zur Hölle geschleift (25,34) und mit Stücken bedroht, im Feuer zu verbleiben (22,21–22).

Die Bibel kennt, wie wir sahen, durchaus auch das Bild des Feuers. Doch es wird mit Gott selbst direkt verbunden. Gottes Herrlichkeit erscheint als Feuer (Ex 24,17); Gott selbst ist ein „verzehrendes Feuer“ (Hbr 12,29; s. auch Off 19,12). In Mal 3,19 wird am Tag des Gerichts ein vernichtendes Feuer erscheinen, gleich im nächsten Vers heißt es aber: „Für euch aber, die ihr mir treu gewesen seid, wird an diesem Tag die Sonne aufgehen. Sie wird euer Recht an den Tag bringen und alle Wunden heilen“. Für die Glaubenden ist Gott die lichtbringende (Off 21,23), ja heilende Sonne; für die anderen ist dieselbe Sonne ein vernichtendes Feuer.

Gott ist in der Hölle auf der einen Seite abwesend, was durch das Bild der Dunkelheit ausgedrückt wird (Mt 8,12); die Verdammten sind fern von Gott, die Seligen genießen seine Gemeinschaft. Auf der anderen Seite ist es Gottes Strafe, dem in gewisser Weise selbst in der ewigen Verdammnis nicht zu entkommen ist, was durch das Bild des Feuers, seines Feuer, deutlich gemacht wird. Damit ergibt sich ein Paradoxon der Hölle, ein echtes biblisches Paradoxon: Gottes Abwesenheit und Gottes strafendes Handeln.

Manche evangelikalen Theologen lehnen jedoch die Vorstellung von ewiger Strafe und Qual ab. John Wenham nimmt kein Blatt vor den Mund: „Unendliche Qualen zeugen für mich  von Sadismus, nicht von Gerechtigkeit” (Facing Hell: An Autobiography). Auch Clark Pinnock (1937–2010) war überzeugt, dass diese Lehre geändert werden muss; ein so strafender Gott ähnele mehr Satan als Gott, der zu einem „blutrünstigen Monster“ gemacht wird, der ein „ewiges Auschwitz für seine Opfer unterhält, denen er nicht erlaubt, zu sterben“. Bei Pinnock fallen strenge Begriffe zur Lehre von der Hölle (bad, outrageous); auch der bekannte anglikanische Evangelist Michael Green nennt ewige Höllenqualen „barbarisch“.

John Stott drückte sich vorsichtiger aus und fragte sich, wie man mit so einer Lehre leben kann. 1988 erschein Essentials: A Liberal-Evangelical Dialogue (mit D.L. Edwards). Darin äußerste sich der bedeutende evangelikale Theologe erstmals eindeutig zu diesen Fragen. Stott findet die Vorstellung annehmbar, dass die Unbußfertigen einst vernichtet und nicht zu ewiger bewusster Strafe verdammt werden. Er glaubt, „dass es am naheliegendsten ist, die Wirklichkeit, die hinter diesen Bildern [wie Feuer] steht, so zu verstehen, dass am Ende alle Feindschaft und aller Widerstand gegenüber Gott zerstört werden.“

Vielleicht hören die Verdammten irgendwann auf zu existieren? So fragen die Anhänger der Position des sog. „Annihiliationismus“ (von lat. annihilare – vernichten) – Wenhams, Stotts und Greens Standpunkt. Sie. betonen, dass das ewige Leben eine Gabe Gottes für die ist, die an ihn glauben; nicht etwas, was von Natur aus zum Menschen gehört. Nur Gott ist ‘an sich’ unsterblich (Röm 1,23; 1 Tim 6,15–17); Unsterblichkeit wird also vom Menschen erworben bzw. ihm geschenkt (Röm 6,3; 2 Tim 1,10) – und den Verdammten eben nicht. Diese Lehre der „bedingten Unsterblichkeit“ ist meist mit dem Annihiliationismus verbunden.

Stott und andere Annihiliationisten sehen sich im Rahmen der Basis der Evangelischen Allianz von 1970 (s.u. mehr dazu). Dort ist von der ewigen Folgen der Sünde die Rede, und dies muss nicht unbedingt heißen: ewige bewusste Strafe. Ihnen zufolge meinen die biblischen Texte, die von ewiger Verdammnis reden, die Unumkehrbarkeit des Gerichts (seine Folgen lassen sich in Ewigkeit nicht mehr korrigieren), nicht jedoch die Fortführung einer bewusst erlebten Strafe. (Auch Lewis denkt wohl in diese Richtung in Über den Schmerz: „Aber ich stelle fest, dass der Herr, während Er mit schonungsloser Strenge von den Schrecken der Hölle spricht, in der Regel nicht ihre Dauer betont, sondern ihre Endgültigkeit.“)

Seit etwa den 30er Jahren des 20. Jahrhundert  wird die Ansicht vertreten, dass die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele griechisch-platonistischen Ursprung sei und die Bibel selbst vielmehr – dem hebräischen Denken folgend – den sog. Ganztod lehre, d.h. die Seele stirbt mit dem Leib. Tatsächlich hat nur Gott Leben und Unsterblichkeit in sich selbst, und auch die griechische Abwertung der Leiblichkeit ist abzulehnen. Aber aus gewissen Ähnlichkeiten zum griechischen Denken ist noch keine Ablehnung der weitergehenden Existenz von Geist bzw. Seele gegeben. Die allermeisten evangelikalen Theologen betonen, dass der Mensch von Gott als dessen Ebenbild auf die Ewigkeit ausgerichtet oder angelegt ist.

Der Annihilationismus hatte den einen oder anderen Vorläufer in der Theologiegeschichte, doch die Ablehnung überwiegt deutlich. Schon Tertullian wandte sich gegen den Annihilationismus. Der bedeutendste Vertreter der Ansicht, dass man in der Hölle ewige Qualen leiden muss, war unter den Kirchenvätern Augustinus (Der Gottesstaat, XXI). Auch Thomas von Aquin verwarf den „Irrtum derjenigen, die behaupten, dass die Strafen der Gottlosen irgendwann beedet sein werden“ (Summe gegen die Heiden, III,144). Die Reformatoren folgten dieser Linie, wobei sie die ewige Entfremdung der Ungläubigen vom ihrem Schöpfer in den Mittelpunkt rückten. Das Zweite Helvetische Bekenntnis formuliert eindeutig: „Die Ungläubigen aber und die Gottlosen werden mit den Teufeln zur Hölle fahren, wo sie ewig brennen und nie mehr aus ihrer Qual erlöst werden können“. Verworfen werden die, die lehren, dass die Gottlosen „einst noch gerettet werden, und ihre Strafe werde ein Ende haben.“ (XI,13–14)

D.A. Carson widmete ein Kapitel in The Gagging of God den Fragen des ewigen Heils („On Banishing the Lake of Fire“). Er betont gegen die Annihilationisten, dass „Tod“ in der Bibel an keiner Stelle mit Ganzvernichtung gleichgesetzt wird. Das bleibende Entferntsein von Gott wird so beschrieben (Mt 8,22; 1 Tim 5,6; Jak 2,26). Feuer führt natürlich, so Carson, zu einer Zerstörung, aber damit wird nicht unbedingt eine völlige Auslöschung der Existenz gelehrt; das Feuer in Mt 18,8 ist ja ausdrücklich ein ewiges. Er greift drei Abschnitte heraus, die die Annihilationisten nur äußerst schwierig deuten können: neben Mt 25,46 aus der Offenbarung 14,10–11 und 20,10–15, wo es ausdrücklich heißt, dass die Strafe „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ (14,11) währt. Carson warnt deutlich vor allzu scharfen Ausdrücken wie gerade bei Pinnock, denn wenn die Annihilationisten nicht recht haben (Stott z.B. will ja die Möglichkeit einer ewigen bewussten Strafe keineswegs ausschließen; er hält den Annihilationismus nur für möglich), dann stimmen sie in den Chor von Russell, Buggle und Dawkins ein, die Gott des Sadismus anklagen. Denn es ist ja nicht nur eine Lehre von der ewigen Höllenqual, die von ihnen abgelehnt wird. Es geht immer auch um das Gottesbild und damit Gott selbst.

„Eternal condemnation to the lost“

Die Hölle kam in den vergangenen eineinhalb Jahrhunderten unter Beschuss. Was sagen die Bekenntnisse der evangelikalen Bewegung aus diesem Zeitraum zu dem umstrittenen Lehrpunkt?

Die Evangelische Allianz lehnte in ihrer ersten Glaubensgrundlage von 1846 den Universalismus eindeutig ab. Der achte Artikel behandelt dort die Eschatologie, also die Zukunft. Gelehrt wird „die Unsterblichkeit der Seele“, die zukünftige Auferstehung, Jesu Weltgericht, die ewige Seligkeit der Gerechten und „die ewige Strafe der Verdammten [oder Bösen]“ (eternal punishment of the wicked). Der Inhalt dieses Punktes fand sich noch nicht in einem Entwurf, den eine Kommission 1845 verfasst hatte. Er wurde vor allem auf Drängen der Amerikaner im Jahr 1846 hinzugefügt, um sich von den Unitariern abzugrenzen. Diese Antitrinitarier breiteten sich damals stark in den USA aus; sie lehrten, d.h. alle Menschen schließlich gerettet werden, weshalb sie natürlich auch Höllenstrafen ablehnten.

Die Britische Allianz unternahm ab 1967 eine deutliche Redaktion der „Basis of Faith“. Federführend wirkte hier auch John Stott mit. Der neue Text mit acht Artikeln wurde 1970 offiziell angenommen. Der alte, rechte lange achte Artikel zur Eschatologie wurde verkürzt zum Bekenntnis der Erwartung „der persönlichen, sichtbaren Wiederkunft des Herrn Jesus Christus in Macht und Herrlichkeit“ (The expectation of the personal, visible return of the Lord Jesus Christ, in power and glory). Eine Aussage zum Schicksal der Nichtglaubenden fehlt also ganz (in anderen Artikeln ist von Gottes Zorn und den ewigen Folgen der Sünde die Rede). Man muss wohl davon ausgehen, dass sich in dieser Formulierung schon damals Stotts vorsichtiger Annihilationismus ausdrückte.

1951 wurde erstmals ein organisatorischer Dachverband der weltweiten Allianzen ins Leben gerufen (die Gründung der EA 1846 war noch bewusst keine Organisation im eigentlichen Sinne geschaffen worden): die „World Evangelical Fellowship“, die sich 2001 umbenannte in „World Evangelical Alliance“ (WEA). Bei der Gründung 1951 wurde eine Glaubensgrundlage („Statement of Faith“) angenommen, die sieben Artikel umfasst und an einigen Stellen eigene Akzente setzt. So ist am Ende ausdrücklich von einer „Auferstehung zur Verdammnis“ die Rede (The Resurrection of both the saved and the lost; they that are saved unto the resurrection of life, they that are lost unto the resurrection of damnation).

Die deutsche Allianz übernahm bald im Wesentlichen die britische Redaktion, fügte aber zum letzten Artikel dies hinzu: Wir bekennen uns „zum Fortleben der von Gott gegebenen Personalität des Menschen; zur Auferstehung des Leibes zum Gericht und zum ewigen Leben der Erlösten in Herrlichkeit.“ (Auf der Internetseite der Allianz heißt es übrigens, dass die Glaubensbasis von 1972 gegenüber der von 1846 nur „sprachlich überarbeitet“ sei, was sicher nicht ganz korrekt ist, da es auch inhaltliche Veränderungen gab.)

Der internationale Verband der evangelikalen Studentenbewegung, IFES, orientiert sich in der Glaubensgrundlage am britischen Vorbild (The expectation of the personal return of the Lord Jesus Christ). Denselben Wortlaut hatte auch die Grundlage der Bewegung in den USA, InterVarsity. Seit einer Überarbeitung im Jahr 2000 wird deutlich breiter formuliert: Man bekennt sich zur „siegreichen Herrschaft und zukünftigen persönlichen Wiederkunft Jesu Christi, der alle Menschen mit Gerechtigkeit und Barmherzigkeit richten, die Unbußfertigen der ewigen Verdammnis übergeben und die Erlösten in das ewige Leben aufnehmen wird.“ (The victorious reign and future personal return of Jesus Christ, who will judge all people with justice and mercy, giving over the unrepentant to eternal condemnation but receiving the redeemed into eternal life). Ähnlich seit ein paar Jahren auch die britische IFES-Bewegung UCCF (The Lord Jesus Christ will return in person, to judge everyone, to execute God’s just condemnation on those who have not repented and to receive the redeemed to eternal glory).

Die britische Allianz, immerhin ja die ‘Ur-Allianz’ (die bis heute einfach nur Evangelical Alliance heißt), hat sich vor etwa zehn Jahren ebenfalls wieder an eine komplette Überarbeitung gemacht. Seit 2005 gilt in der dortigen Allianz eine Glaubensgrundlage mit elf Artikeln (eine Änderung, die, so scheint mit, in Deutschland weitgehend unbeachtet blieb). Die Lehre vom Menschen wurde erweitert: nun wird auch die Menschenwürde genannt (the dignity of all people); die Kirche wird präziser beschrieben (local and universal); der Person Christi wird nun ein eigener Artikel gewidmet (The incarnation of God’s eternal Son, the Lord Jesus Christ born of the virgin Mary, truly divine and truly human, yet without sin). Am Schluss wird die Wiederkunft Christi deutlich erweitert: die Auferstehung aller zum Gericht, ein neuer Himmel und eine neue Erde sind hinzugekommen; und recht eindeutig: Gott wird den Erlösten „das ewige Leben“ und den Verlorenen „die ewige Verdammnis“ bringen. (The personal and visible return of Jesus Christ to fulfil the purposes of God, who will raise all people to judgement, bring eternal life to the redeemed and eternal condemnation to the lost, and establish a new heaven and new earth.)

Die britische Allianz hat hier eine heute notwendige Klarstellung vorgenommen, die sich erfreulicherweise nicht vor klaren Kanten fürchtet: der Mensch schließt sich nicht einfach nur selbst vom Heil aus; Gott ist im letzten Satz der Aktive, der Heil und Verdammnis bringt. Ganz anders als in vielen kirchlichen Stellungnahmen kommt der große Dualismus, die große Scheidung oder – noch einmal Lewis – das große „Entweder–Oder“ gut zur Sprache. Die Verwischung dieser Scheidung hält Lewis „für einen verhängnisvollen Irrtum“. Die ewige Verdammnis muss nicht in mittelalterlichen Bildern ‘realistisch’ vor Augen gemalt werden; wir sehen schließlich, so Lewis, nur wie durch ein „umgekehrtes Fernrohr“. Aber die Weggabelung muss gut sichtbar vor Augen gestellt werden. Und der eine Weg führt eben leider nicht in ein diffuses Nirwana, sondern in die Hölle.

(Bild o.: Szene aus dem Weltgericht von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle)