Ein historischer Gottesdienst

Ein historischer Gottesdienst

Sandomierz, deutsch Sandomir, ist heute eine Kleinstadt an der Weichsel im Südosten Polens. Vor fünfhundert Jahren hatte der Ort viele größere politische Bedeutung, auch kirchlich spielte er in der Reformation eine wichtige Rolle. Mitte April 1570 trafen sich dort Delegierte von drei evangelischen Kirchen aus Polen-Litauen. Neben Lutheranern und Reformierten waren die Böhmischen Brüder vertreten, deren Namen auf die tschechischen Wurzeln (die Anhänger von Jan Hus) hinweist. Alle drei Kirchen legten ihre Bekenntnisse vor und hofften darüber zu einer Bekenntniseinheit zu kommen. Aber wie schon vierzig Jahre zuvor beim Religionsgespräch in Marburg 1529 konnten die unterschiedlichen Auffassungen zur Gegenwart Christi im Abendmahl nicht überbrückt werden. So war auch in Polen-Litauen die Einigung auf ein gemeinsames Bekenntnis nicht möglich. Eine evangelische Nationalkirche konnte somit nicht gebildet werden.

Sandomir im 17. Jahrhundert

Die drei Kirchen behielten ihr jeweils eigenes Bekenntnis, eine eigene Kirchenordnung und getrennte Gottesdienste. Im „Konsens von Sandomir“ vereinbarte man aber gegenseitige Anerkennung und Hilfe – „eine ökumenische Pionierleistung ersten Ranges“. Die Kirchenvertreter kamen überein, dass sie in der Rechtfertigungslehre sowie in anderen grundlegenden Glaubensfragen übereinstimmen. Die Kirchengebäude stellte man einander für Gottesdienste zur Verfügung. Außerdem anerkannte man die Ordinationen der Pfarrer und erlaubte gegenseitig die Teilnahme an der Abendmahlsfeier.

Die Vereinbarung über Beistand in Notlagen wurde z.B. Mitte der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts konkret: Die lutherische Kirche lieh den jungen Pfarrer Reincholdas Moras für rund zehn Jahre an die reformierte Gemeinde in Biržai aus. In der reformierten Kirche des Landes war in den 70er Jahren nur noch der 1889 (!) geborene Povilas Jašinskas als Pfarrer tätig. Ihm folgte 1981 der auch schon sechzigjährige Petras Čepas nach, der alters- und krankheitsbedingt nicht sehr aktiv sein konnte. Bis heute wird eine lutherische Konfirmation auch in der reformierten Kirche anerkannt, lutherische Pfarrer können Amtshandlungen in der anderen Kirchen übernehmen. Immer noch ist „Sandomir“ die Grundlage dafür.

Trotz dieser historisch gewachsenen Verbindung haben sich die beiden alten evangelischen Kirchen Litauens eher voneinander entfernt. In der lutherischen Kirche wird nun schon seit einigen Jahrzehnten das Lutherische ganz groß und das Evangelische hingegen klein geschrieben. Dies wird deutlich an ihrer sehr starken Betonung der Sakramente (z.B. Betonung der Taufwiedergeburt) und einer Verkürzung der Predigtlänge auf fünfzehn Minuten und weniger. Das Abendmahl wird wöchentlich gefeiert und kniend entgegengenommen. In Mode ist außerdem die Bekreuzigung gekommen.  Vor etwa fünfzehn Jahren kehrte man zu den traditionellen liturgischen Gewändern zurück (bis trugen die luth. Pfarrer – wie weiterhin die reformierten Kollegen – den schwarzen Talar). Der Bischof – mit Ring, Stab und Mitra – wird seit einer Weile mit „Exzellenz“ angeredet. Und an eine Wiederbelebung des einst reichen pietistischen Erbes (vor allem im Memelland) denkt leider niemand. Inzwischen sehen sich die Lutheraner Litauens tatsächlich dichter an der katholischen Kirche als an allen anderen Evangelischen.

Die alte Partnerkirche der Reformierten driftet also immer weiter weg – weswegen diese sich um neue Kooperationen bemühten und bemühen. Im Geist von „Sandomir“ vereinbarten 2016 die Ev.-reformierte Kirche Litauens und der freikirchliche „Bund evangelischer Gemeinden Litauens“ (LEBB) eine Übereinkunft zu theologischen Grundsatzfragen – ebenfalls eine Anerkennung als evangelische und rechtmäßige Kirche. Eine gemeinsame Arbeitsgruppe verabschiedete das Dokument am 3. Mai 2016; im Sommer bzw. Herbst bestätigten die Synoden beider Kirchen die Gültigkeit. 

Seit 2012 arbeiten beide Kirchen im Evangelischen Bibelinstitut (EBI) zusammen. Dekan der Ausbildungsstätte ist Darius Širvys, Pastor der Evangelischen Gemeinde in Vilnius (in deren Räumlichkeiten auch die Vorlesungen des EBI stattfinden), Holger ist seit ein paar Jahren Rektor und unterrichtet in jedem Semester. Auch das von beiden Kirchen 2016 in litauischer Sprache herausgegebene Westminster-Bekenntnis (1647) hat eine Art Brückenfuntion. In dem Grundlagendokument wurde ebenfalls auf dies presbyterianische Bekenntnis zurückgegriffen. Außerdem wurden Passagen aus der „Chicago-Erklärung zur biblischen Irrtumslosigkeit“ (1978) verarbeitet. Schließlich ist noch der New City Catechism zu nennen, dessen Übersetzung ins Litauische 2015 erschien. Zusammen mit der „City Church“ gaben beide Kirchen ihn heraus.

2023 beschloss die reformierte Kirche auf ihrer Jahressynode auch den letzten wichtigen Schritt in der Zusammenarbeit: die volle Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft. Allerdings kam es in den vergangenen Jahren noch nicht zum Schritt vom Kirchenrecht zur Praxis, also einer tatsächlichen gemeinsamen Abendmahlsfeier. Daher schlug Holger vor, am 3. Mai dieses Jahres zum zehnten Jahrestag der Überkunft von Panevėžys einen gemeinsamen Gottesdienst in Vilnius zu feiern.

Gesagt, getan. Am Abend des ersten Sonntags im Mai trafen sich in der reformierten Kirche der Hauptstadt erstmals Geschwister aus beiden Kirchen zu einem gemeinsamen Gottesdienst. Jeweils vier Pastoren bzw. Pfarrer nahmen an der Liturgie teil, es predigten Ramūnas Jukna von der evangelischen Gemeinde in Panevėžys und Holger. Es ging um die Einheit der Evangelischen, der Menschen des Evangeliums, und der Freude an der Verkündigung des Evangeliums. Lesungen übernahmen Älteste aus beiden Kirchen. Die Abendmahlsliturgie leiteten Pfr. Rimas Mikalauskas aus Biržai, Vizesuperintendent der reformierten Kirche, und Gabrielius Lukošius aus Kaunas, Hauptpastor der Evangelischen Gemeinden. Hirten und Laien aus den Kirchen teilten Brot und Wein aus.   

Auch beim Liedgut gab es schnell eine Einigung – etwas überraschend, unterscheiden sich beide Kirchen doch in musikalischer Hinsicht nicht wenig: hier wird meist zu Orgelmusik aus einem alten Gesangbuch gesungen, dort steht eine Lobpreis-Gruppe auf der Bühne. Das Musikteam aus der Vilniuser evangelischen Gemeinde verzichtete auf jede Verstärkung und brachte einige neuere Lieder von Keith und Kristyn Getty ein; das reformierte Team mit Orgel und Geige begleitete die litauische Version eines der ältesten evangelischen Kirchenlieder überhaupt: „Es ist das Heil uns kommen her“ von Paul Speratus (1523, im EG 342). Eine musikalische Brücke bilden die Psalmen, von den zwei gesungen wurden. Den Abschluss bildete John Newtons „Amazing Grace“.

An die 90 Besucher kamen an dem Abend mit sommerlichen Tempaturen in der 1835 gebauten reformierten Kirche von Vilnius zusammen. Durch ein langes Wochenende (der 1. Mai ist Feiertag) und auch noch den Muttertag in Litauen wurden sicher einige vom Gottesdienst abgehalten. Noch 20 oder 30 Besucher mehr, und die Kirche wäre rappelvoll gewesen. Aber auch so war dieser historisch zu nennende Gottesdienst ein voller Erfolg. Alle Teilnehmenden waren hocherfreut über das gemeinsame Gotteslob, noch lange tauschten sich viele nach dem Gottesdienst aus.

Wohl erstmals kamen in Litauen Christen aus einer alten und einer jungen Kirche zu einer wirklich gemeinsam zelebrierten Abendmahlsfeier zusammen (die reformierte Kirche wurde 1557 gegründet, 1988 entstanden die ersten evangelischen Gemeinden, damals als „Wort des Glaubens“). Wir hoffen, dass dieser erlebte Durchbruch nun endlich zu weiteren gemeinsamen Gottesdiensten und Veranstaltungen wie Bibelwochen, Lobpreisabenden, Evangelisationen, Freizeiten usw. führen wird.

Begrüßung der Gottesdienstbesucher (Pastor Darius Širvys und Superintendent Raimondas Stankevičius)
EBI-Rektor (l.) und EBI-Dekan
Pastor Giedrius Ažukas (Jonava), Pfarrer Dainius Jaudegis (Kaunas) und Pastor Gintautas Gruzdys (Elektrėnai)

Das gemeinsame Singen klappte gut
Die Lobpreis-Gruppe der Vilniuser evangelischen Gemeinde (mit Holger)
Pastor Ramūnas Jukna (Panevėžys) predigt
Gemeinsames Abendmahl
Ludvic und Rasa an der Orgel