Lizenz zum Töten?
In Deutschland gibt es die Freiwilligen Feuerwehren, das THW und tausende Schützenvereine. Ihre Mitglieder sind alle an ihren Uniformen zu erkennen. Aber nicht zufällig kennt die Bundesrepublik keine paramilitärischen Einheiten – Bürger in Tarnuniform und teilweise mit Waffen, die neben Polizei und Armee vor allem nach Innen ‘für Ordnung sorgen’. Die böse Erfahrung mit den SA-Schlägertrupps der Nazis in ihren braunen Uniformen schreckt immer noch nachhaltig ab.
In Litauen oder auch Polen gibt es dagegen solche Einheiten zur Unterstützung der Landesverteidigung. Die Mitglieder der „Schützenunion“ (lit. „šaulių sąjunga“, www.sauliusajunga.lt) haben mit den deutschen Sportschützen wenig gemein. Vor allem die Uniformen, die denen der regulären Armee zum Verwechseln ähneln und die auch von den minderjährigen Schützen getragen werden, kommunizieren die Grundidee des Verbandes: eine Organisation im Vorfeld der Armee zur Stärkung des patriotischen Geistes – und zur Militarisierung der Gesellschaft.
1919 mussten Litauer die Unabhängigkeit des gerade wiedergeborenen Staates gegen Polen und Rote Armee verteidigen. Im Zuge dieser Kämpfe wurde auch die Schützenunion gegründet. Zwischen den Weltkriegen erlebte der Verband seine Hochzeit, hatte 1939 über 60.000 Mitglieder, unterhielt zahlreiche Chöre, Theatergruppen, Orchester, Sportklubs und Bibliotheken. Im Januar 1923 waren übrigens die Schützen – im Auftrag der litauischen Regierung – federführend beim inszenisierten „Aufstand“ in Memel/Klaipėda, der zum Anschluss des Memellandes an Litauen führte. Viele Schützen waren auch an den Massenerschießungen von Juden (unter Aufsicht der Deutschen) im Sommer und Herbst 1941 beteiligt. Diese dunkle Seite ihrer Geschichte wartet noch auf ihre Aufarbeitung.
Seit dem Beginn des Krieges zwischen Russland und der Ukraine haben die Schützen stark an Popularität gewonnen. Die Mitgliedszahlen haben sich seit 2013 auf nun 16.000 verdoppelt. Nicht wenige Prominente wie Journalisten, Influencer und Politiker sind den Schützen beigetreten. Auch der Staat lässt sich nicht lumpen: das hauptsächlich von ihm getragene Budget der Schützenunion hat sich seit 2018 sage und schreibe verfünffacht. Der mehrtägige Kurs „Staatsbürgerkunde und Verteidigungsfähigkeit“, der seit vergangenem Jahr für alle Schüler Pflicht ist, wird ebenfalls von den Schützen durchgeführt. Dabei wird nicht nur das Überleben in der Natur trainiert, sondern auch an Waffen herangeführt.
Erste Hilfe, Drohnensteuerung, Psychologie, Logistik, Cyber-Sicherheit – das Kursprogramm der Schützenunion könnte auch Pfadfindern gefallen. Aber ein Teil der Schützen wird eben auch an scharfen Waffen und sogar zum Scharfschützen ausgebildet. Eine Elite der Schützen ist in Kampfeinheiten organisiert und nimmt an Wehrübungen teil. Und bedenkt man, dass die Schützenunion der Regierung unterstellt ist, machen sich mulmige Gefühle breit: Ziehen sich die Machthabenden hier eine Truppe fürs Grobe zur eigenen Verfügung heran? Eine bewaffnete Einheit, die im Ernstfall auch auf die eigenen Bürger losgelassen wird?

Dass dies kein Hirngespinst ist, zeigte ein viel diskutierter Podcast auf YouTube Ende Mai. Bei Laurynas Kasčiūnas, ehemals Verteidigungsminister und nun Chef der größten Oppositionspartei, der „Heimatunion“, war einer der bekanntestes Musiker des Landes zu Gast: Gabrielius Liaudanskas, Künstlername Svaras. Der Rapper der Gruppe „G&G Sindikatas“ ist einer der prominenten Schützen und sehr aktiv in Sachen Wehrtüchtigkeit und Patriotismus.
Svaras brachte das Gespräch auf die „Vaterlandsverräter, die sich auf die Demokratie, die Meinungsfreiheit oder etwas anderes berufen“, wenn sie ihre Sympathie oder gar Hilfe für den „Feind“ (sprich: Russland) Ausdruck geben. Solche Menschen müssten „bearbeitet“ werden. Man dürfe sich nicht von ihnen für dumm verkaufen lassen. Bevor es zu spät sei, müsse man „seinen Hof sauberkehren“. Der Ex-Minister berichtete dann von seiner Visite in der Ukraine; da sei man mit „illoyalen Personen, subversiven Gruppen und der fünften Kolonne“ fertiggeworden.
Svaras dann zum Politiker: „Wird ihnen [den angehenden Schützen] gesagt, dass man illoyale Bürger töten muss?“ „Ich hoffe doch“, so Kasčiūnas. Svaras warf ein, dass sicher nicht allen klar ist, dass im Krieg und Konfliktfall auch getötet werden muss. Und er zitierte den Chef der Schützenunion, Hauptmann Linas Idzelis, der (intern) sogar zu seinen Leuten gesagt haben soll „Ich brauche Killer von euch“.
Die allermeisten Schützen hegen sicher keine Gewaltphantasien und machen keine Anstalten, ihren Mitbürger nachzustellen. Doch Svaras selbst, der gerne von seinen „Jungs“ redet, gibt zu verstehen, dass andere – zu denen er sich natürlich auch zählt – schärfere Hunde sind, die nur darauf warten, von der Kette gelassen zu werden. Wer wie er sich offen kritisch zur Meinungsfreiheit positioniert und vom Aufräumen schwadroniert, kann anderen schon Angst machen.
Und man mache sich nichts vor: vieles deutet darauf hin, dass es tatsächlich Listen von „unzuverlässigen“ Bürgern gibt, die man im Ernstfall „bearbeiten“ müsste. Vor ein paar Monaten landeten an die zwanzig Parlamentarier auf einem Plakat als Mitglieder einer angeblichen „fünften Kolonne“ – vermeintlich russische Maulwürfe; aber nur deshalb, weil sie mal ‘falsch’ abgestimmt haben. Ist die Stimmung aufgeheizt, kann so etwas schnell aus dem Ruder laufen.
Es ist zu befürchten, dass ihre Vergangenheit die Schützen einholt. 1941 galten die Juden Litauens pauschal als illoyal und unzuverlässig, weil manche von ihnen ein Jahr zuvor die Sowjets willkommen geheißen hatten. Da halfen die Schützen den Deutschen gerne beim Aufräumen dieser Verräter, gleich Ende Juni 1941 ging‘s los. Viel zu viele nahmen sich damals die Lizenz zum Töten – innerhalb von ein paar Monaten fielen über einhunderttausend Juden in die Massengräber.
