Vom wahren Glauben und echten Zweifel

Vom wahren Glauben und echten Zweifel

Die Renaissance des Zweifels

Christen sollen Gott „voll Glauben bitten und nicht zweifeln“. Denn ein Zweifelnder, so Jakobus weiter, „ist wie eine Welle, die vom Wind hin und her getrieben wird“ und daher „unbeständig auf allen seinen Wegen“ (Jak 1,6–8). Zweifel ist definitionsgemäß die Ungewissheit, ob etwas wahr oder falsch ist. Im geistlichen Leben ist er ein Schwebezustand, der nicht auf Dauer aufrechterhalten werden kann. Zweifel muss angegangen und vor Gott gebracht werden, denn Menschen sollen zur „Erkenntnis der Wahrheit“ (1 Tim 2,4) kommen und im Glauben gewiss werden. Zweifel können überwunden werden, denn Jesus ist die Wahrheit, sagt die Wahrheit und führt in die Wahrheit.

Beatrice von Weizsäcker ist da anderer Überzeugung. Die Juristin, Tochter des Exbundespräsidenten, kann mit Kreuz und Auferstehung, Weihnachten und Ostern, Erlösung und einem göttlichen Jesus nichts anfangen. In Ist da jemand?: Gott und meine Zweifel (2012) fordert sie sogar „Heiligt den Zweifel!“ Im Interview mit „chrismon“ (08/2013): „Ich glaube nicht an einen personalen Gott. Gott ist für mich die Quelle, er ist mein Begleiter, und er schützt mich. Er ist da, egal wo ich bin und wie es mir geht. Dabei bin ich immer kritisch… Ich höre nur auf mein Inneres. Die Stimme meines Herzens ist die Stimme Gottes.“ Solch ein pan(en)theistisches Gottesbild qualifiziert heute für einen Sitz im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages.

Auch der christliche Philosoph Peter Rollins (Der orthodoxe Häretiker) leugnet, dass allein der Glaube das Ideal sei. Er bezeichnet sich als Gläubigen und Zweifler. In How (Not) To Speak of God ist ein Abschnitt vielsagend „Zweifel als Tugend“ überschrieben. Der Zweifel sei als unverzichtbarer Teil des Glaubens zu schätzen.

Der schon von manchen „Apostel des Zweifels“ genannte Nordire knüpft dabei vor allem an der Gottverlassenheit Jesu am Kreuz an (Mt 27,46). Jesus erfuhr die Gottesferne, zweifelte an seinem Vater, und daher sei Zweifel sogar göttlich (so der Untertitel seines Buch Insurrection: „To Believe is Human, to Doubt, Divine“). Glauben, so Rollins immer wieder, sei gar nicht so sehr das Problem; das könne und wolle jeder. Aber zweifeln wir auch richtig? Das ist für ihn der Schlüssel zum rechten Verständnis der richtigen Art zu glauben. Nur wer richtig zweifelt, glaubt richtig – paradox wie fast immer bei Rollins.

atheistFrank Schaeffer liebt das Paradoxe geradezu. In Why I am an Atheist Who Believes in God spricht der Sohn von L‘Abri-Gründer Francis Schaeffer von einer „gesegneten Ungewissheit“. „Heute halte ich an zwei Aussagen über Gott gleichzeitig fest:  er, sie oder es existiert, oder er, sie oder es existiert nicht.“ Schaeffer nennt sich nun „christlicher Atheist“ und bezeichnet Sicherheit als eine „geistige Krankheit“. Glauben, Nichtglauben und Zweifel fließen ineinander.

Inzwischen hat die Renaissance des Zweifels die evangelikale Welt erreicht. Torsten Hebel, einst Evangelist bei „JesusHouse“ und immer noch viel unterwegs auf Bühnen und Kanzeln des Landes, hat in Freischwimmer (2015) seine persönlichen Zweifel verarbeitet. Er verbreitet nun ebenfalls den Gedanken, dass der Zweifel in den Glauben gehört. „Ich würde mir wünschen, dass wir viel mehr zweifeln, als diesen teilweise phrasenhaften Glauben vor uns hertragen,“ so in einem Interview. Offensichtlich ist das Buch in eine Marktlücke gestoßen, denn im Herbst erschien schon die dritte Auflage bei SCM Hännsler.

Im Buch fragt Hebel die Theologin und Autorin Christina Brudereck: „‘Gibt es Gott?’ Wie gehst du mit dieser Gottesfrage um? Zweifelst du auch manchmal, ob es Gott gibt, oder nie?“ Die einstige Kollegin von „JesusHouse“: „Mir ist es nicht so wichtig! … Denn ich weiß es nicht. Und wie könnte ich es auch wissen, ich bin ja ein Mensch.“ Man kann nur Wirkungen Gottes sehen, nur eine „leise Ahnung“ haben. „Ob es Gott gibt? … Nee, keine Ahnung“. Ihre Zusammenfassung des Glaubens, die ähnlich auch Rollins gibt: „Die Liebe ist stärker als der Tod.“ Das habe ihr „sehr viel Energie“ gegeben. Liebe tut der Welt gut – darum geht‘s. „Ob das alles wahr ist, ist gar nicht mein erstes Thema.“ So wundert  schließlich der Hang zum Universalismus kaum noch: „In jeder Religion findest du die, für die das Herz der Religion die Liebe ist.“

„Die höchste Kunst in der Christenheit“

Nach dem Sündenfall ist der Zweifel tatsächlich nicht aus der Glaubenspraxis zu verbannen. Martin Luther hatte erkannt, dass dies selbst für Theologen, ja gerade für sie gilt. Anfechtung (lat. tentatio) ist für ihn eines der Kennzeichen der Theologie. Denn wer mit dem Wort Gottes umgeht, der wird angefochten. Sobald einem „Gottes Wort aufgeht“, wird „der Teufel heimsuchen“, so der Reformator 1539 in der Vorrede seiner deutschen Schriften. Umgekehrt treibt aber diese Anfechtung am Wort wieder ins Wort hinein. Wenn der Teufel also mit der einen Zweifel säenden Frage „sollte Gott gesagt haben?“ (Gen 3,1) verunsichert, so ist letztlich immer mit dem „so steht geschrieben“ (Mt 4,4) Jesu zu entgegnen.

Johannes Calvin stellte ebenfalls nüchtern fest, dass „in allen Gläubigen der Glaube stets mit Unglauben vermischt ist“ (Inst. III,2,4). Wegen der „verschiedensten Zweifel“ kommt „das Gemüt der Frommen selten zur Ruhe“ (Inst. III,2,37). Die gute Nachricht ist aber, dass auch der schwache Glaube rettender Glaube ist. Die Bibel zeigt uns genug Beispiele. „Abram glaubte dem Herrn, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit“ (Gen 15,6). Der Patriarch ist Glaubensvorbild und das wohl wichtigste Glaubensmodell im AT für Christen (s. Gal 3), doch zwei Verse später plagt ihn schon wieder Mangel an Vertrauen: „Herr, mein Gott, woran soll ich merken, daß ich‘s [Kanaan] besitzen werde?“

Ein Christ ist tatsächlich ein Glaubender und ein Zweifler. Leider! Hier ist nichts, wessen ein Christ sich brüsten könnte. Denn in die Glaubensdefinition gehört der Zweifel nicht hinein. Die Reformatoren bezeichneten alle ähnlich wie Calvin den Glauben als eine „feste und gewisse Erkenntnis des göttlichen Wohlwollens gegen uns…“ (Inst. III,2,7). Der Heidelberger Katechismus spricht in Fr. 21 („Was ist wahrer Glaube?“) ebenfalls von „zuverlässiger Erkenntnis“ und „herzlichem Vertrauen“.

Diese Unterscheidung von Glaubensgrundlage und –definition auf der einen und Glaubenspraxis und –erfahrung auf der anderen Seite kennzeichnet unser gesamtes irdisches Leben. Das Ringen mit dem Zweifel wird uns daher immer begleiten.

Die genannten postmodern geprägten Neuerer haben diese Spannung jedoch elegant aufgelöst – mit fatalen Konsequenzen. Sie polemisieren mitunter heftig gegen „unterscheiden, abgrenzen, ausgrenzen, trennen, werten, urteilen, richten“ wie Brudereck im letzten Herbst beim „Emergent Forum“. All dies sei „die gedankliche Basis für Rassismus, Sexismus, Krieg, Apartheid, Homophobie und Vorurteile. Abgrenzung ist ein mieser Götze.“ Hebel setzt denselben Akzent. Für ihn ist die unterscheidende Feststellung „entweder du bist Christ oder du bist keiner“ eine „total dumme Aussage“ (so in einer ERF-Radiosendung).

Dummerweise wird hier das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Bei dem Anrennen gegen jedes „dualistische Denken“ bleiben so entscheidende Grundunterscheidungen auf der Strecke wie die oben genannte oder vor allem auch die zwischen Gesetz und Evangelium. Luther nannte das Lehren und Begreifen dieses Unterschiedes mehrfach „die höchste Kunst in der Christenheit“. In den Tischreden: „Das Gesetz ist das, was wir tun sollen; das Evangelium aber handelt von Gott, von dem, was Gott geben will. Das erste können wir nicht tun; das zweite können wir annehmen, und zwar mit dem Glauben.“ Das Gesetz ist gebietendes, forderndes Wort, denn es drückt Gottes moralischen Willen aus. Das Evangelium zeigt die Erfüllung dieser Forderung in Christus, ist daher befreiendes Wort. Das Gesetz sagt: „tu dies“, das Evangelium antwortet: „dies ist getan“.

Wird diese Unterscheidung nicht beachtet, wird das Evangelium moralisiert und verschwindet damit. Das menschliche Tun, die Ethik, wird mit dem Zuspruch Gottes vermengt, so dass sich der Mensch doch wieder selbst erlösen muss. „So zu leben wie Jesus“ – eine ethische Forderung! – soll bei Hebel das Evangelium sein. Brian McLaren bezeichnet die beiden Gebote der Liebe in Mt 22,34f als die „Grundlage des Glaubens“ oder an anderer Stelle in A Generous Orthodoxy als „rettende Lehre“.  Gebote, und sei es das Liebesgebot, sind aber kein Evangelium, denn sie retten eben nicht.

Wer Gesetz und Evangelium vermischt, der öffnet dem Zweifel Tür und Tor. Wenn es wesentlich und zuerst auf die Lebenspraxis ankommt, dann wird der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen. Schließlich kann man sich nie sicher sein, dass man schon genug getan und geliebt hätte oder empathisch genug und Jesus ausreichend ähnlich geworden sei.

Aus dem liebenden Gott wurde die Liebe als Gott, aus dem in Liebe geschenkten Evangelium unsere Liebe als Evangelium. So hat die Evangelische Kirche von Hessen-Nassau jüngst in ihrer Bierdeckelaktion die Gesamtbotschaft der Bibel in drei Imperative gefasst: liebe Gott, liebe dich selbst, liebe die anderen. Das ist, reformatorisch gesprochen, Gesetz und nicht Evangelium.

Rückkehr ins Mittelalter

In engem Zusammenhang damit steht die Unterscheidung von Rechtfertigung und Heiligung. Das Muster ist in der Bibel immer das gleiche: Gott hat sein Volk von Sünden erlöst; deshalb sollen Befreite ihm und seinen Geboten folgen. Oder mit anderen Begriffen: er hat uns gerechtfertigt; deshalb sollen wir ein geheiligtes Leben führen.

Gott hat uns in Christus bereits für vollkommen rein erklärt, hat uns in den Stand der Heiligen, der Kinder Gottes, versetzt, hat uns definitiv die Vergebung zugesagt. Christus ist ein für alle Mal gestorben, wir haben ein für alle Mal den Geist erhalten, was durch das griechische Wort hapax ausgedrückt wird (z.B. 1 Pt 3,18). Auf der anderen Seite gilt den Christen die Aufforderung, Christus immer ähnlicher zu werden, immer mehr Früchte des Geistes hervorzubringen – gr. mallon. Unsere Rechtfertigung in Christus ist hapax, unsere Heiligung in ihm dagegen mallon (z.B. Phil 1,9; 1 Thess 4,1.9–10).

Bei Luther bilden das lat. statim (‘alles mit einem Mal’) der Rechtfertigung und das paulatim (‘allmählich’) der Heiligung das Paar. Rechtfertigung beseitigt ganz die Schuld der Sünde, Heiligung ihren Schmutz – und das nicht vollkommen, denn „selbst die frömmsten Menschen [kommen] in diesem Leben nicht über einen geringen Anfang des Gehorsams hinaus“ (Heidelberger Katechismus, Fr. 114).

Diese klaren Unterscheidungen gehören zu den größten Errungenschaften der Reformation. In der spätmittelalterlichen Theologie galt hingegen, dass der Mensch die Rechtfertigung erst nach und aufgrund eines Lebens in der Heiligung erlangt. Der Gläubige wird mehr und mehr gerecht gemacht und so geheiligt. Rechtfertigung und Heiligung laufen parallel. Rechtfertigung geschieht also stufenweise und hängt von der Kooperation mit der göttlichen Gnade ab. Gott kann nur die für gerecht erklären, die es innerlich auch tatsächlich geworden sind.

Damit darf sich ein Christ (bis auf Ausnahmen) seiner Rechtfertigung durch Gott auf Erden nie sicher sein. Glaube ist gefordert, doch genauso ist der Zweifel in diesen Glauben miteingebaut. Luther trieb diese existentielle Heilsunsicherheit bis hin zu seinen reformatorischen Entdeckungen. Er entdeckte vor allem die Glaubensgewissheit. Gott rechtfertigt Sünder; die Annahme bei Gott hängt nicht vom Grad unserer Heiligung ab. Wir sind hier und jetzt vollkommen gerechtfertigt durch den Glauben. Nicht zufällig verdammte das Konzil von Trient diese protestantische Erkenntnis mit scharfen Worten. Und wer nun alles Unterscheiden verwirft, der geht auch hinter die Reformation zurück und droht wieder im theologischen Mittelalter zu landen.

Verwischung aller Unterschiede

Zweifel am eigenen Heil band die Menschen damals an die Institution Kirche und ihre Riten, ließ manche wie Luther ins Kloster gehen. Die heutige Lösung sieht anders aus. Alle Polaritäten werden relativiert, abgeschwächt oder in der Liebe zum Paradoxen ganz aufgelöst. Wahrheit und Falschheit – nicht so wichtig; Gottes Existenz oder Nichtexistenz – laut Rollins „keine christliche Frage“; Glaube im Ringen mit dem Zweifel – was für ein Ringen?

Wird alles Unterscheiden verworfen, löst sich natürlich auch der Konflikt zwischen Glaube und Zweifel wie von selbst auf. All die Forderungen nach mehr Zweifel wie bei Hebel entlarven sich so als Wortspielerei und Augenwischerei. Der Zweifel wird gerade nicht ernst genommen, er erledigt sich einfach, wird irrelevant.

Traditionell hat sich die katholische und protestantische Apologetik mit Anfragen an den Glauben beschäftigt und mehr oder weniger gute Antworten gegeben. Hebels Glaubenskrise wurde nun aber gar nicht durch schlüssige Antworten auf ernste Fragen behoben. Auch seine Gesprächspartner im Buch haben ihm da wenig weitergeholfen bzw. wollten es gar nicht. Sein Weg war vielmehr das Eintauchen ins Göttliche, so dass alles Kategorisieren und damit auch die Kategorie Zweifel einfach verschwand.

Im Mai 2015 habe er, so im Podcast „Hossa-Talk“, zu einem neuen „Frieden in meiner Seele“ gefunden und eine „Vereinigung mit Gott“ oder dem Göttlichen erlebt: „Das, was wir suchen, ist schon längst da und in uns“. Hier kommt das Bild hinter Freischwimmer in den Blick. Das „große, weite Mehr“ des Untertitels ist auch das Meer (nicht zufällig bildet Wasser den Bildhintergrund der Titelseite). Er befindet sich gleichsam nicht mehr im abgegrenzten Swimmingpool, sondern im Ozean des Göttlichen. Das Meer ist so groß, „dass man es gar nicht verlassen kann“. Ähnlich drückte er sich auch im Interview mit „idea“ aus (6/2016): „Ich bade in der Präsenz Gottes: Gott in dir und du in Gott. Es geht weniger um den Verstand, sondern darum, die Präsenz Gottes zu spüren und zu erleben.“

Hebel nennt das Buch Pure Präsenz des Franziskanerpaters Richard Rohr und das neue, nämlich „mystische Gottesverständnis“, das er nun gefunden habe. Das Bild des Wassers und des Meeres, das Eintauchen und Schwimmen, sich ganz umgeben von etwas fühlen, ja darin aufgehen und sich auflösen – all das passt zu Kernvorstellungen der Mystik, die das Einswerden und die Verschmelzung mit dem Göttlichen anstrebt. Hebel folgt damit Rollins, Rob Bell und vielen anderen Postevangelikalen, die – ganz wie von Karl Rahner einst vorhergesagt – in der Mystik die Zukunft der Christenheit sehen.

Abraham Kuyper war da nüchterner. 1892 warnte er im langen Aufsatz „Verwischung aller Grenzen“ vor dem Gift des Pantheismus, der damals unter Philosophen und Literaten en vogue geworden war. Für die Theologie und den Glauben, so der große Neocalvinist, kann dies nur fatale Folgen haben. „Glaube an den lebendigen Gott steht oder fällt mit der Aufrechterhaltung oder Beseitigung von Grenzen. Er selbst hat die Grenzen geschaffen. Er selbst ist die letzte Grenze für seine Schöpfung. Wer Grenzen beseitigt, beseitigt damit schließlich auch die Idee Gottes.“ Wer alle Unterscheidungen verwirft, der landet beim für Christen seltsam agnostischen „Gibt es Gott?… Keine Ahnung“.

Einheit mit Christus

Das Eintauchen ins Wasser ist nur im mystisch-pan(en)theistischen Paradigma ein Bild für Heil. In der Bibel steht das Meer viel eher für eine Bedrohung, sind Sturm und Flut ein Zeichen des Gerichts (s. auch eingangs Jak). Entsprechend wird das Heil mit der Rettung aus dem wilden Meer verglichen. Heinrich Bullinger im Zweiten helvetischen Bekenntnis: „Wie außerhalb der Arche Noahs keine Rettung war, als die Menschheit in der Sintflut umkam, so glauben wir, dass außerhalb Christus, der sich den Erwählten in der Kirche zum Genuss darbietet, kein gewisses Heil vorhanden sei.“ (XVII,13)

Der Reformator vergleicht hier die Kirche mit der Arche, einem Schiff. Das rettende Schiff im stürmischen Wasser war damals ein beliebtes Symbol der Kirche, gerade unter den verfolgten Reformierten. Auch heute befindet sich im Logo des Weltrats der Kirchen ein Kreuz in einem Boot. Die Implikation dieses Bildes ist eindeutig: außerhalb des Schiffes ist man im tosenden Meer dem Untergang geweiht.

Das Kreuz Christi bildet den Masten. Das ganze Schiff, so Bullinger, ist Christus selbst. Im Schiff sein bedeutet in Christus sein. Die große Alternative zum Sichauflösen im Göttlichen ist die personale Einheit mit Christus. John Stott: „Christsein heißt in erster Linie, mit Jesus Christus vereint zu sein.“ (Life in Christ)

Die Segnungen Christi erhalten wir nur in ihm, so die klare Botschaft des Neuen Testaments (en Christo 83 und en kurio 47 Mal bei Paulus). Wir sind schon gekreuzigt mit Christus (Gal 2,20), gestorben mit Christus (Kol 2,20), begraben mit Christus (Röm 6,4), lebendig gemacht mit Christus (Eph 2,5), auferweckt mit Christus (Kol 3,1), wir haben gelitten mit Christus und werden mit ihm verherrlicht (Röm 8,17).

Christus hat uns „seiner selbst teilhaftig gemacht“, so Calvin. Die Einheit macht möglich, was Luther den „fröhlichen Wechsel“ nannte. Der Genfer Reformator weiter: „Gewiß, wenn du dich selber anschaust, so ist die die Verdammnis sicher. Aber Christus hat sich dir mit der ganzen Fülle seiner Güter derart zu eigen gegeben, dass alles, was sein ist, nun dein sein soll, dass du sein Glied und auf diese Weise mit ihm eins wirst! Seine Gerechtigkeit macht deine Sünden zunichte, sein Heil tut deine Verdammnis ab, mit seiner Würdigkeit tritt er selbst bei Gott für dich ein…“ (Inst. III,2,24)

Selbsterlösung durch Werke ist damit nicht nur verworfen – sie ist sinnlos: „Sobald du also durch den Gauben in Christus eingefügt bist, bist du bereits zum Kinde Gottes, zum Erben des Himmels, zum Mitgenossen an der Gerechtigkeit und zum Besitzer des Lebens geworden! Du hast… damit nicht die Möglichkeit erhalten, die Verdienste zu erwerben, sondern du hast alle Verdienste Christ erlangt, weil du an ihren Teil gewonnen hast!“ (Inst. III,15,6) Es geht daher auch nicht nur darum einst in den Himmel zu kommen, sondern, so Paulus in Phil 1,23, „bei Christus zu sein“.

Soll ich daran zweifeln, dass „ich durch den Glauben ein Glied Christi bin“, ja „an seiner [Christi!] Salbung Anteil habe“, weil dies in den Glauben gehört? (Heidelberger Katechismus, Fr. 32) Sollen wir etwa den Zweifel heiligen, dass wir in Jesus Christus von Gott als Kind angenommen, in „die Zahl der Kinder Gottes“ aufgenommen worden sind? Reicht es, bloß eine leise Ahnung zu haben vom Vater „niemals verstoßen [zu] werden“? (Westminster-Bekenntnis, XII) „Ein Christ ist jemand, der Gott zum Vater hat“ (J. I. Packer, Gott erkennen) – sollen wir dies glauben und daran zweifeln? Hebel widmet Freischwimmer seinen beiden Kindern – wäre es etwa angemessen, sie würden ernsthaft an seiner Vaterschaft zweifeln?

„Verborgen mit Christus“

Das Band, das Gläubige an den himmlischen Vater bindet, ist ein „unzerreißbares“, so Calvin. Die Adoption wird nicht wieder rückgängig gemacht. Gleichzeitig besteht aber Raum für eine Dynamik: Christus „wächst durch eine wundersame Gemeinschaft von Tag zu Tag mehr mit uns zu einem Leibe zusammen, bis dass er ganz mit uns eins wird“. In diesem Prozess kann der Glaube jedoch „zuweilen gewissermaßen eine Unterbrechung erleiden“ (Inst. III,2,24). Das Auf und Ab entspricht den Krisen, die wir auch in irdischen Familien durchmachen. Der Glaube an die Güte der Eltern kann bei Kindern schon mal aussetzen. Ideal ist dies nicht, aber der Status des Kindschaft wird damit ja nicht gefährdet.

Die Annahme als Kind Gottes ist Wirklichkeit, das neue Leben definitiv geschenkt, doch es „ist verborgen mit Christus in Gott“ (Kol 3,3). Christus ist zwischen Himmelfahrt und Wiederkunft leiblich und sichtbar für uns verborgen. Die Segnungen des Heils sind durch den Hl. Geist mitgeteilt, doch im Glauben ist die Sehnsucht nach Vollendung des Heils eingebaut. Solange wir „im Glauben“ wandeln „und nicht im Schauen“ (2 Kor 5,7), wird die Spannung zwischen den „erleuchteten Augen des Herzens“ (Eph 1,18), von Jesus selbst durch Geist aufgetan (Apg 26,18), und den Augen, die sichtbares Licht empfangen und dann „sein Angesicht sehen“ werden (Off 22,1), bestehen bleiben.

Echte Gotteserkenntnis und Gewissheit sind dank Offenbarung möglich. Aber selbst Christen sehen die geistlichen Tatsachen wie „durch einen Spiegel“, so Paulus in 2 Kor 13,12; sie erkennen nur „ein dunkles Bild“ (die EÜ und NGÜ: „rätselhafte“ Umrisse bzw. Bilder); alle Glaubenserkenntnis ist „stückweise“. Dies ist erstaunlich nüchterne, aber angemessene Sprache. Die Segnungen des Sohnes, das Wirken des Geistes, die Vorsehung und Lenkung des Vaters – das Handeln der Personen der Dreieinigkeit bleibt uns noch in vielerlei Hinsicht ein Rätsel, weil uns so viel verborgen ist. Daher wird auf dieser Erde bis zur Wiederkunft Jesu die Möglichkeit des Zweifels und echter Zweifel bestehen bleiben.

„Verwirrte Gefühle“

Die Glaubensgewissheit kann „erschüttert, geschwächt und unterbrochen werden“ (Westminster-Bekenntnis, XVIII,4), aber es gibt auch Wege, um sie wiederherzustellen. Der Kurze Westminster-Katechismus spricht von „äußeren und ordentlichen Mittel“ (Fr. 88), gemeint sind die sog. Gnadenmittel: das gepredigte Wort, die Sakramente und das Gebet. Ihnen allen geht es darum, die Gläubigen „aus sich selbst heraus zu treiben und sie zu Christus zu ziehen“ (Großer Westminster-Katechismus, Fr. 155). Aus dem Zweifel  werden wir von außen durch das Wort herausgerufen. Es ist eben nicht „das Innere“ oder die „Stimme meines Herzens“ (s. von Weizsäcker eingangs), die uns retten. G.K. Chesterton kritisierte die Lehre vom „inneren Licht“ in Kap. V von Orthodoxy scharf und bemerkte dort: „Die grässlichste Religion ist der grässliche Kult um den Gott im Inneren“. Die biblische Religion dagegen richtet „den Blick nach außen“, auf ein „äußerliches Licht“.

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Neben dem von außen zugesagten hörbaren Wort sind es vor allem die Sakramente, sichtbares Wort, die, so die reformatorischen Bekenntnisschriften an vielen Stellen, unserer Schwachheit entgegenkommen und als sichtbare Zeichen unsere Sinne ansprechen, das Evangelium besser verständlich und uns gewiss machen. Sie sind „lebendige Bilder“ und „beeindrucken unsere Sinne besser“ als das verkündigte Wort allein (Calvin und Bullinger im Consensus Tigurinus). Sie erbauen, gründen, festigen und stärken gegen Versuchungen.

Ein weiteres wichtiges Gnadenmittel ist das Gebet. Das Gebets- und Gesangbuch der Kirche sind vor allem die Psalmen, die die Reformierten ins Zentrum der gottesdienstlichen Anbetung gerückt haben. Calvin in seinem Kommentar des biblischen Buches: „Ich bin gewohnt, dieses Buch eine Anatomie aller Seelenteile zu nennen, weil es kein Gefühl des Menschen gibt, das nicht hier wie in einem Spiegel dargestellt wäre. Sogar, um es noch besser zu sagen, der Heilige Geist hat hier alle Schmerzen, Traurigkeiten, Ängste, Zweifel, Hoffnungen, Besorgtheiten, Bestürzungen bis bin zu den verwirrten Gefühlen, von denen der Geist der Menschen gewöhnlich bewegt ist, sehr scharf gekennzeichnet.“

In vielen Psalmen kommen echte Zweifel zum Ausdruck. In ihnen werden „verwirrte Gefühle“ angesprochen. David und andere Psalmisten litten daran. Wir sollen gewiss nicht viel mehr zweifeln, denn Zweifel ist nicht das Ideal, keine Tugend und schon gar keine Hängematte, in der man sich ausruhen kann. Der Zweifel ist eine ernste Sache, aber nicht als Teil des Glaubens wertzuschätzen. Gerade die Psalmen zeigen, wohin er gehört: in das Gebet, ja auf diese Weise auch in den Gottesdienst der Gemeinde. Viele verzweifeln an ihrer Kirche; Zweifel entsteht (zu) oft in der Kirche. Aber in der Kirche ist auch Linderung des Zweifels zu finden. Ein schönes Paradox für die Apologeten des Zweifels.

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(Bild o.: Hendrick ter Brugghen, der ungläubige Thomas, ca. 1622, Rijksmuseum, Amsterdam)