Die unheilige Allianz

Die unheilige Allianz

Russland befindet sich im Krieg mit der Ukraine, immer noch. Der Waffenstillstand im Donbass hat den Konflikt aus den internationalen Medien getragen, doch Granaten fliegen weiterhin auf die ukrainischen Stellungen, und das fast täglich. Putin führt einen verdeckten Krieg, um den großen Nachbarn im Süden in seinem Einflussbereich zu halten. Wie schon bei der zweiten Berlinkrise ab 1958/60, als Chruschtschow den USA vorwarf, einen Krieg anzetteln zu wollen, zeigt der Aggressor mit dem Finger frech auf den Westen: dieser führe einen Krieg gegen Russland; einen Krieg gegen die Familie und traditionelle Werte.

“The Christian saviors to the world”

Putins Truppe lügt in alter Manier völlig skrupellos das Blaue vom Himmel; wie schon unter den Sowjetführern wird auf internationalen Abkommen herumgetrampelt, gelten Garantien nichts mehr. Schon Chruschtschow war der vertragliche Berlin-Status egal; West-Berlin sollte „freie Stadt“ auf dem Gebiet der DDR werden. Auch heute hält niemand  Russland für einen Rechtsstaat. Doch die Rettung der Moral soll nun auf einmal vom „christlichen Russland“ ausgehen. Der russische Oligarch Konstantin Malofejew, Gründer der Stiftung „Sankt Basilius der Große“, beim „World Congress of Families“ (WCF) 2013 in Sydney: „Das christliche Russland kann helfen, den Westen vom neuen liberalen anti-christlichen Totalitarismus der politischen Korrektheit, Gender-Ideologie, Zensur der Massenmedien und neo-marxistischem Dogma zu befreien.“ Lawrence Jacobs, Vizepräsident des WCF, in einem Radiointerview: „Die Russen können die christlichen Retter der Welt sein; bei den Vereinten Nationen sie sind wirklich diejenigen, die für diese traditionellen Werte der Familie und des Glaubens eintreten.“

Der „World Congress of Families“ wird seit 1997 vom gleichnamigen 1995 gegründeten „WCF–The Howard Center“ aus den USA in Kooperation mit jeweils nationalen Trägern veranstaltet. Die achte Veranstaltung sollte in Moskau stattfinden, doch schon im Frühjahr wurde dies den Organisatoren wegen der Besetzung der Krim zu heiß; man setzte den Kongress einfach aus (s. diese Meldung). Auf der WCF-Seite ist sogar von Planungen für Treffen in Kiew und Gebet für die Ukraine die Rede. Sicher nicht akzeptabel für die Moskauer.

Jakunin

Wladimir Jakunin spricht auf der Veranstaltung in Moskau im September

Die Russen ignorierten dies einfach und veranstalteten ihr “International Forum Large Family and Future of Humanity“ prompt allein (der Zusatz im Namen der Veranstaltung „Every Child A Gift“ wurde einfach weggelassen; s. die Bilder o. und ganz o.). Träger des Kongresses am 10.–11. September waren nun „das Zentrum für Nationalen Ruhm und der Andrej-Perwoswany Fonds sowie die Wohltätigkeitsstiftung des Heiligen Hierarchen Wassilij Welikij veranstalten im Rahmen des Allrussischen Programms ‘Heiligkeit der Mutterschaft’ gemeinsam mit der Patriarchenkommission für Familie und den Schutz von Mutter und Kind sowie unter Mitwirkung russischer und ausländischer gesellschaftlicher Organisationen.“ Unkonkret wird nur die Mitarbeit ausländischer Organisationen erwähnt. Keine einzige internationale Organisation hatte also offiziell zu dem “Forum” eingeladen. Der schon zitierte WCF-Vertreter nahm teil, jedoch als Privatperson.

 „Für Diskussion und Fragen keine Zeit“

Gabriele_Kuby

Kuby

Besucher aus westlichen Ländern gab es dennoch. Bekannteste Teilnehmerin aus Deutschland war Gabriele Kuby (über ihren Besuch in Litauen hier). Sie beginnt ihren Artikel „Die demografische Katastrophe“ in der katholischen „Tagespost“ fast schon euphorisch (auf medrum.de s. hier): „Vor 25 Jahren, als im Staatspalast im Kreml noch der Oberste Sowjet unter dem Emblem von Hammer und Sichel tagte, hätte sich wohl niemand träumen lassen, was hier am 10. und 11. September 2014 geschieht: Mitten im Kreml, der Herzkammer Russlands, findet eine zweitägige internationale Konferenz statt zum Thema ‘Große Familien und die Zukunft der Menschheit’ – pro Life, pro Familie, für die Bewahrung des moralischen Fundaments von Familie und Gesellschaft.”

Mit dabei u.a. „Vladimir Yakunin [engl. Transkription], Vertrauter von Präsident Putin, und seine Frau Natalia Yakunina, Vorsitzende der Stiftung ‘Andreas der Erstberufene’, welche zu diesem Forum eingeladen hat.“ Kuby weiter: „Die Menschen in diesem Saal sind sich gewiss nicht einig in der Frage, wie das Handeln Putins im Ukraine-Konflikt zu beurteilen ist. Aber einig sind sie sich in der Erkenntnis, dass wir in einer anthropologischen, globalen Krise stecken, welche die Natur und Identität des Menschen angreift – und in der Entschlossenheit, dagegen aufzustehen.“

Die bekannte Autorin über den Ablauf: „Am Nachmittag gibt es zehn Round Tables mit je zwanzig und mehr Referenten. Das verlangt von jedem, seine Botschaft in sieben Minuten zu fassen. Für Diskussion und Fragen ist am Runden Tisch keine Zeit. Es geht den Veranstaltern wohl darum, das Wissen der internationalen Kämpfer für eine Kultur des Lebens für Russland verfügbar zu machen. Elena Mizulina meint: ‘Russland hat sich entschieden. Es hält an den traditionellen Familienwerten fest. Alle Religionen der Russischen Föderation sind für die Familie. 95 Prozent der Bevölkerung lehnen die gleichgeschlechtliche Partnerschaft ab. Aber die US und die westlichen Nationen führen einen ideologischen Krieg gegen uns’.“

Und gegen Ende: „Man kann nur staunen über die Migrationsbewegungen von Ideologie: 1884 erklärte Friedrich Engels den ‘Antagonismus zwischen Mann und Weib in der Einzelehe zum ersten Klassengegensatz’. 1917 setzte Alexandra Kollontai, erste weibliche Kommissarin im revolutionären Arbeiterrat der Sowjetunion, zur sexualpolitischen Zerstörung der Familie an. Aber sogar Lenin musste die Agenda bald zurückfahren… Heute wird die Deregulierung der sexuellen Normen im Dienste der Zerstörung der Familie von den UN, der EU und ihren globalen Netzwerken aus NGOs, Milliardärs-Stiftungen und Korporationen global durchgesetzt. Russland stellt unter dem Druck der demographischen Krise die Weichen neu in Richtung Familie.“

„Obszöner Schulterschluss mit dem Kreml“

Andreas Püttmann hat die Teilnahme von Kuby in der „Zeit“-Beilage „Christ und Welt“ heftig kritisiert. Dass Putin in einer orthodoxen Kirche Kerzen anzündet für „jene, die gelitten haben, als sie die Menschen in Neurussland schützten“, Kerzen also „für völkische Nationalisten, die in der Ukraine einen Bürgerkrieg anzettelten und, erdrückender Indizienlage nach, fast 300 Insassen eines malaysischen Zivilflugzeugs ums Leben brachten“, ruft bei ihm nur „moralischen Ekel“ hervor. Nachvollziehbar.

Dann aber noch schärfer: „Noch bestürzender ist die Einfalt jener Frommen, die sich im heraufziehenden europäischen Kulturkampf um Recht und Freiheit als ‘nützliche Idioten’ (Lenin) vor den Karren eines brutalen Machtmenschen mit imperialistischer Vision spannen lassen. Putins korrupter KGB-Staat tritt Bürgerrechte mit Füßen und lässt manipulierte Medien gegen die westlichen Demokratien hetzen. Doch das hält Katholiken mit Defiziten im christlichen Menschenbild nicht vom obszönen Schulterschluss mit dem Kreml ab.“

Püttmann prangert den „monothematischen Furor“ der „religiösen Rechten“ an, die sich „irrational in die angebliche ‘Homosexualisierung der Gesellschaft’ und notwendige ‘Rettung der Familie’ verbissen“ hat. „Die neuen Putin-Freunde lassen sich blenden von Russlands angeblicher christlicher Erweckung“, so dass „Putins Tausende Kriegstote, willkürlich Verhaftete, gefälschte Wahlen, notorische Lügen, manipulierte Gerichte, drangsalierte Menschenrechtler und ermordete, verschwundene oder ‘nur’ misshandelte Journalisten und Anwälte“ verblassen.

„Ein Paukenschlag der Umkehr“

Kuby weist die Vorwürfe in einem Interview mit kath.net zurück:

„Herr Püttmann hat katholische Kollegen an den Pranger gestellt – nicht zum ersten Mal. Das ist seine Eintrittskarte bei manchen Medien.“ Sie kritisiert diese Stigmatisierung durch die Linken. Noch einmal hebt sie hervor, dass das Forum „an Orten mit maximalem Gewicht in Russland“ stattfand. „Auf dem Podium saßen Menschen, die in Russland etwas bewegen können“. Und zu den Teilnehmern: „rund tausend Multiplikatoren aus Russland und 250 Teilnehmer aus westlichen Ländern, viele von ihnen key players im Kulturkampf unserer Zeit“. Wieder ist sie geradezu begeistert über den „Paukenschlag der Umkehr, die wir in unserem Land nicht weniger brauchen als in Russland.“

„Wenn Russland es tatsächlich geschafft hat, in den letzten fünf Jahren die Geburtenrate von 1,3 auf 1,7 Kindern pro Frau zu heben, sollte uns das interessieren“, so Kuby. Die Zahlen stimmen soweit, doch Kubys Haltung offenbart ein wichtiges Problem. In allen postkommunistischen Ländern ging die Geburtenrate nach Höhen um 1990 im folgenden Jahrzehnt in den Keller – und steigt nun praktisch überall wieder, vor allem wegen recht guter wirtschaftlicher Entwicklung. Das Durcheinander der Wendejahre hat die Menschen wegen allgemeiner Unsicherheit vom Nachwuchszeugen abgehalten. Auch insgesamt steigt die Geburtenrate in Gesamteuropa leicht (wenn sie auch noch deutlich zu tief liegt).

Was hat also Russland tatsächlich „geschafft“? Abtreibung ist in den ersten drei Monaten immer noch völlig legal, auch wenn die Werbung dafür eingeschränkt wurde. Putin hat einfach die Notbremse gezogen, weil die demographische Entwicklung Russlands tatsächlich äußerst düster war und immer noch ist (von 1996 bis 2012 ist die Einwohnerzahl um sieben Millionen gesunken!). Dank eines noch vollen Staatshaushaltes kann er nun aber Familien für ihre Kinder mit Geld geradezu überschütten. So einfach ist das, und gewisse Resultate schafft dies sicher auch. Der Kongress diente gewiss nicht dazu, Wissen von internationalen Experten verfügbar zu machen, wie Kuby schreibt. Und was im Westen von solch einem Anheben zu lernen sei, ist fraglich. Dass es dort mit Geldsegen allein nicht getan ist, ist wohl unstrittig. Man sollte mal wieder nach Russland blicken, wenn das Budget des Staates anders aussieht – Putin wird sein Land nämlich wirtschaftlich an die Wand fahren, und dann ist es mit dem Segen für Familien auch ganz schnell vorbei.

Kuby ist offensichtlich beeindruckt von der Durchsetzungskraft in Russland („bewegen können“, „maximales Gewicht“, „Paukenschlag“). Da passiert was! Da wird gehandelt! Muss man sich im Westen mit Auftritten in den Medien begnügen und ewig herumstreiten, so dass wenig Frucht des eigenen Einsatzes zu sehen ist, so zeigt sich dort ein anderes Bild: Einheit und Klarheit, eine Vision der großen Worte, das Ruder wird umgelegt. Es sollte dabei jedoch nicht vergessen werden, dass dies schon immer eine Trumpfkarte von allen Diktatoren war. Sie bringen etwas zustande, so scheint es, und in den liberalen Demokratien das ewige Hickhack, Kleinklein und Rumgequatsche. Und wenn die Unholde dann noch von Tradition und Werten, Moral und Tugenden reden, schmilzt jede Skepsis nur zu schnell dahin.

Demokratien haben den langwierigen, schwierigen und holprigen Weg der politischen Auseinandersetzung gewählt, der oftmals nur mühsam zu Ergebnissen führt. Dann sind solche gereiften Beschlüsse aber meist viel tragfähiger als in Diktaturen, da Mehrheiten der Bevölkerung sie mittragen. Dieser demokratische Weg ist letztlich in der Achtung vor der Würde der einzelnen Person, vor dem Individuum, begründet.

Es ist genau dieses Individuum, das in Russland heute nicht viel zählt. Genau deshalb war, wie Kuby ja selbst einräumt, „für Diskussion und Fragen keine Zeit“. Wozu auch? Debatten und kritische Fragen konnte dort niemand gebrauchen. Es ist ja alles so schön dort: so gut wie alle seien orthodoxe Christen, patriotisch und moralisch gesinnt. Und wehe, du bist es nicht und fällst aus diesem Schema heraus. „Russland hat sich entschieden“, so Mizulina. Wirklich? Die Bürger? In ihrer Mehrheit? Haben die sich wirklich für ‘das Leben’ entschieden? Bürger, die noch 2011 knapp eine Million Abtreibungen [!] durchführen ließen (bei 1,8 Mio Geburten). Dass Russland nach 70 Jahren Kommunismus eine zutiefst verstörte, ja traumatisierte Gesellschaft ist, wird verdeckt (etwa 62% lehnen Abtreibung eindeutig ab, die aber immer noch massenhaft praktiziert wird – was sagt dieser Zwiespalt über den inneren Zustand eines Volkes?). Dass die Achtung vor dem Leben und der Familie nicht mal ebenso von oben dekretiert werden kann, wird da schnell vergessen. Es kümmert den völlig amoralischen Putin eben ganz und gar nicht, in der breiten Bevölkerung eine ethisch-moralische Wende herbeizuführen.

Das ist ja das Absurde: der Lebensschutz lebt gleichsam von den Individualrechten, aber das Individuum geht in Russland heute nur zu leicht unter die Räder. Jakunin redet gegenüber internationalem Publikum auch gerne auf dieser Schiene (s.u.), „Recht und Gerechtigkeit“ geht ihm glatt über die Lippen. Doch wo ist heute diese Achtung vor dem gleichen Recht für alle in Russland? Im Westen argumentieren Abtreibungsgegner für die Universalität von Menschenrechten – auch der Embryo, jeder Embryo auf der ganzen Welt, genießt ein Recht auf Leben. Gleiches Recht für alle, nämlich für jeden Einzelnen – dafür setzen sich Kuby und viele anderen im Westen ein. Und in Russland?

„Es gibt keine universellen Werte“

Man höre nun jedoch einmal auf Alexander Dugin, Kopf der Eurasischen Bewegung und vermutlich ein „Zuflüsterer“ Putins, in jedem Fall in Moskau sehr einflussreich. Mitte Juli im „Spiegel“-Interview: „Unterschiedliche Gesellschaften haben unterschiedliche Werte. Es gibt keine universellen Werte. Die, die dafür gehalten werden, sind eine Projektion westlicher Werte. Die westliche Zivilisation ist eine rassistische, ethnozentrische Zivilisation. Jeder Westler ist ein Rassist – kein biologischer, wie Hitler, aber kulturell. Deswegen denkt er, es gebe nur eine Zivilisation – oder Barbarei. Und diese Zivilisation beruhe auf Demokratie, Fortschritt, Menschenrechten, freier Marktwirtschaft und individueller Identität. Die Barbarei aber negiere dies alles, aus irgendwelchen religiösen Gründen. So denken die Westler, deswegen sind sie kulturelle Rassisten.“

Dann bringt er es auf den Punkt: „Im Westen stehen die Menschenrechte über denen des Kollektivs, in der islamischen Welt steht die Religion höher als das Recht des Einzelnen, in Russland sind es die Rechte der Gemeinschaft, kollektive Rechte“. Tatsächlich skizziert dies einen Grundkonflikt: Ja, im Westen stehen die Menschenrechte über denen des Kollektivs. Genau das ist christlich und biblisch gut begründet. Und nur so ist der Lebensschutz als Maxime zu rechtfertigen. Wenn „kollektive Rechte“ die Oberhand nehmen, dann muss mit dem Schlimmsten gerechnet werden. Denn dann geraten die Schwächsten und die Unliebsamen unter die Räder.

Noch ein Auszug aus dem wahrlich interessanten Gespräch: „Sie sagen: ‘Es gibt keine Kritiker des putinschen Kurses mehr. Und wenn es sie gibt, dann sind das psychisch Kranke, und man muss sie ärztlicher Überwachung übergeben. Putin ist alles, Putin ist unersetzbar.’ Ist das wirklich von Ihnen? Dugin: Ja. SPIEGEL: Psychisch krank? Dugin: Diejenigen, die Putin angreifen, greifen die Mehrheit an. Das ist psychisch anormal, ein Abweichen von der Norm. Muss man Normabweichungen dulden? Man muss. Muss man Anomalität zur Norm machen? Nein. Deswegen sind Leute, die Putin nicht unterstützen, psychisch nicht normal. Aber psychisch Kranke haben ein Recht auf Heilung, auf Unterstützung.“

Man erinnere sich daran, dass man unliebsame Regimegegner in der UdSSR und anderswo im Ostblock gerne in Psychiatrien wegsteckte. Den politischen Gegner und Dissidenten für krank zu erklären und sie dann auch so zu behandeln, ist alte Sowjettradition. Multiplikatoren wie sie Kuby nennt haben in diesem System bis heute nicht die Aufgabe, einzelne Bürger zu überzeugen; sie sollen Beschlüsse von oben her durchdrücken. Und wer das nicht so sieht, versündigt sich am Kollektiv und ist krank.

“World domination, built by one superpower”

Nun war Dugin bei dem Forum in Moskaus wohl nicht dabei und im Kreml regiert er nicht direkt mit. Doch die Sprüche Dugins sind eben kein Einzelfall. Kuby: „Die Einladung, an diesem Kongress als Sprecherin teilzunehmen, bekam ich von der Stiftung ‘Andreas der Erstberufene’. Der Kongress wurde in Zusammenarbeit mit Vertretern des World Congress of Families veranstaltet“. Kuby musste wissen, dass der WCF nicht offiziell Mitveranstalter war. Und die einladende Stiftung, benannt nach Apostel Andreas, ist unschwer als Propagandainstrument des Kremls zu erkennen.

Hinter der Stiftung steht Waldimir Jakunin mit seiner Frau, die Kuby ja auch erwähnte. Jakunin ist Chef der russischen Eisenbahn und ein Intimus Putins, Teil des obersten Machtzirkels Moskaus (womöglich auch ein alter Kumpan aus KGB-Zeiten). Auf den Seiten der Stiftung über ihn: „zweifellos einer der einflussreichsten Menschen in Russland“. Dort stößt man auch schnell auf eindeutige Äußerungen Jakunins. In einem Interview: „Die St. Andreas der Erstberufene-Stiftung … fördert die Interessen der orthodoxen Kirche und des Kremls. Durch die Förderung der Erhaltung der russischen Traditionen und durch den Schutz der Rolle der Familie und der christlichen Werte ist diese Stiftung zu einem zentralen Element des Systems geworden, das sich um den Schutz der russischen Werte gegen den antagonistischen Einfluss westlicher Ideen des Liberalismus und der Demokratie bemüht.” Die üblichen Kreml-Sprüche: “Heute geht es in der Ukraine darum, Russen zu töten, nur weil sie Russen sind. Und die ganze Welt schweigt! Wenn dies nicht Nazismus oder Faschismus ist, sagen Sie mir, was es ist dann?! Wir sind der Ansicht, dass wir zum Schutz der Souveränität und der Rechte der Kulturen da sind.“

Dann geht er über zum alten Antiamerikanismus: “Der Krieg in der Ukraine ist nicht ein kleiner, isolierter Krieg. Es gab zuvor den Irak, Libyen, Syrien, Ecuador, Vietnam. Es gibt hier nichts Einzigartiges. Weltherrschaft von einer Supermacht aufgebaut führt unweigerlich zu einem Zusammenprall der Kulturen. Wenn die Menschen weiterhin diese Herrschaft akzeptieren, werden wir in eine sehr dunkle Welt gehen.” Jakunins Fazit:

“Wir müssen nicht nur eine stärkere Wirtschaft, sondern auch eine stärkere Gesellschaft und einen Staat, der durch christliche Werte geeint wird, aufbauen. Wir müssen neue Partner in der Welt unter denen finden, die nicht von der durch die USA unterstützten Finanzoligarchie zerstört werden wollen. Dies ist der einzige Weg, Krieg zu vermeiden. Während des Kalten Krieges war es der Besitz eines mächtigen Kernwaffenarsenals, das Angriffe auf die Sowjetunion und ihre Verbündeten verhinderte. Ein starkes Russland ist eines der Mittel zum Schutz des Friedens, denn dies ist die einzige Kraft, die die US-Aggression wieder stoppen kann… Die beste Option wäre die Zusammenarbeit der Europäischen Union und Russland, die es ermöglichen würde, sich der amerikanischen Konkurrenz zu widersetzen, aber leider fehlen dem heutigen Europa echte Führungskräfte, die bereit sind, ihre Zivilisation zu verteidigen, anstatt den Anordnungen einer fremden kapitalistischen Oligarchie zu folgen.“

Was für eine Rhetorik! Was für eine Verschwörungstheorie! Amerika wollte schon im Kalten Krieg den Warschauer Pakt angreifen, aber dank der russischen Atomraketen konnte das verhindert werden. Und jetzt wollen die Amerikaner uns wieder an die Gurgel. Es ist immer das gleiche, nun aber noch mit einer Prise „christliche Werte“, was sich immer gut macht. In der zweiten Berlinkrise griff die UdSSR nach Westberlin, warf aber Kennedy Kriegstreiberei vor. Heute werden die Krim und die Ostukraine besetzt, und wieder sind die kapitalistischen Amis die Bösewichte. Wer denn sonst! Sätze wie diese machen klar, dass keinerlei moralische Kehrtwende im Kreml und dessen Dunstkreis stattgefunden hat. Nichts dergleichen! Noch immer wird mit den alten Methoden des Verdrehens, Manipulierens und Lügens gearbeitet. Wie kann man bereit sein, mit so einer Stiftung etwas zu tun zu haben? Hat Kuby sich die Mühe gemacht, so etwas einmal zu lesen?

Im Westen wird leider häufig unterschätzt, dass die Machthaber im Kreml alle Register, aber wirklich auch alle Register ziehen, um ihre Propaganda in Europa zu verbreiten und störend und verstörend zu wirken. Im Baltikum ist manches davon zu sehen und zu spüren. Skrupel kennt der Kreml nicht, und auch an Kreativität mangelt es nicht. Dafür frisst der Wolf, wenn nötig, kiloweise Kreide.

Der Mythos Eurasien

Eines von Jakunins Projekten ist das „World Public Forum ‘Dialogue of Civilizations’“ (WPFDC), das auch das „Rhodes Forum“ organisiert (Aushängeschild ist ein Österreicher). Dies fand in der vergangenen Woche wieder auf der Insel Rhodos statt. Man braucht nicht lange in die Abschluss-Statements hineinzuhören, und purer, penetranter, ja abstoßender Antiamerikanismus umweht einen. Jakunin schwadronierte über die „Weltherrschaft eines einzigen Landes über die gesamte Arena der Weltpolitik“, geißelte „Messianismus und die Ideologie einer amerikanischen Sonderstellung“, sprach vom „neo-liberalen Totalitarismus“. Es gibt eben nur einen Schuldigen für alle Probleme auf der Welt. (Hier gibt es weichgespülte Presse-Propagandameldungen.)

WPFDC

Jakunin beim WPFDC-Rhodes Forum Ende September: Anti-Amerikanismus pur

In Rhodos saß Jakunin auf dem Podium, und dort traf er sich wieder mit Matthias Platzeck, ehemals Regierungschef in Brandenburg und nun Leiter des Deutsch-Russischen Forums. Schon im Mai veranstaltete das Forum in Kooperation ausgerechnet mit dem WPFDC eine internationale Konferenz in Berlin zum Thema „Europe: Lost in Translation“. Die „Idee des großen gemeinsamen Europas“, so Platzeck damals, sei irgendwo nach dem Ende des Kalten Krieges verlorengegangen. „Der gemeinsame Wirtschafts- und Kulturraum von Lissabon bis Wladiwostok ist über die Theorie nicht hinausgekommen“. Und nun in Rhodos: Russland dürfe nicht bestraft und damit von Europa weggetrieben werden, das sei sehr gefährlich. Er sehe seine Aufgabe darin, Brücken wieder aufzubauen. Platzeck sprach sich für einen Dialog des Westens mit Russland aus und kritisierte zugleich das bisherige Vorgehen der Europäer. „Wir hätten Russland ernster nehmen sollen“. Man habe Russlands nationale Interessen zu wenig respektiert.

So etwas wollen Jakunin und Co. nur hören! Russland und nicht die USA sei der „natürliche Partner“ Westeuropas. „Wir leben gemeinsam auf dem eurasischen Kontinent “, so Jakunin jüngst, weswegen wir diesen Kontinent gemeinsam gestalten müssen. Stattdessen unterwerfe sich Westeuropa den USA und versuche, Russland westliche Werte aufzudrücken. Die westlichen Länder müssten sich entscheiden, ob sie über einen Dialog gegenseitiges Verständnis suchen oder lieber „nach der Pfeife der USA tanzen“ wollten. „Von dieser Entscheidung hängt das Wohl Europas ab“, meint der Russe.

Es geht ganz offensichtlich darum, einen Keil zwischen die Europäer und vor allem zwischen sie und die USA zu treiben. Der Tenor ist immer der gleiche: „Die Sanktionen [der EU gegen Russland] führen zu einer Verhärtung”, so leider auch der tschechische Präsident Zeman, der ebenfalls in Rhodos beteiligt war. Wir brauchen Dialog, Gespräche, Brücken. Russland bestrafen zu wollen, so Platzeck, sei eine „gefährlichen Tendenz“ und treibe das Land nach Asien.

Platzeck

Spiegel Online-Artikel; Platzeck und Jakunin im Mai in Berlin

Die guten Kumpels

Im Mai plauderte Platzeck im „Spiegel“ (21/2014) über seine Erinnerungen an die Rote Armee in der DDR. Der russische Stadtkommandant von Potsdam hätte zu einem Umweltfest Gulaschkanonen geschickt. Gunnar Schupelius treffend dazu in der „Berliner Zeitung“: „Es klingt so, als seien schon die Sowjets gute Kumpels gewesen. Das waren sie aber nicht. Sie waren 44 Jahre lang die brutalen Unterdrücker Osteuropas. Das ist auch Matthias Platzeck bekannt. Ihm nehme ich seine Anekdötchen deshalb übel, weil er weiß, was politische Unterdrückung bedeutete.“

Platzeck gehört nun wahrlich zu den „nützlichen Idioten“, die Püttmann anklagte. Er müsste es nämlich besser wissen. Sein Glück ist, dass er zum linken Lager gehört, also wird auf ihn nicht so eingedroschen wie auf Kuby, die natürlich Rechtsaußen verortet wird. Jakunin und Co. ist all das egal, ob von links oder rechts – Hauptsache, Putin wird in netteres Licht getaucht: Ja, er hat Flecken, und er mag auch kein lupenreiner Demokrat sein, aber was hat er nicht alles erreicht… Und reden muss man ihm. Mit jemandem, der aufrührerische Tschetschenen in (O-TonWladimir Wladimirowitsch) Jauchegruben ersäufen und auf dem Klo erschießen will – na, ein wenig gar zu derb. Darüber hinweg hilft den westlich-sensiblen Ohren ein Werte-Kongress und ein „Paukenschlag für die Familie“.

Ja, die meisten Russen sprechen sich für konservative Werte aus. Das ist in vielen zentraleuropäischen Ländern ähnlich. Russland schleppt jedoch noch viel totalitären Ballast mit sich herum. Die Schriftstellerin Elena Chizhova, die in St. Petersburg lebt, in ihrem lesenswerten NZZ-Artikel „Die Freiheit aber weicht nicht“:

„Als die Talkshow ‘Obras Rossii’ des ersten staatlichen Fernsehkanals das Publikum noch ‘vor der Krim’ die grösste historische Persönlichkeit aller Zeiten wählen liess, gewann Stalin mit grossem Abstand. Diesem Sieg vorausgegangen war eine verhältnismässig behutsame Propaganda. Die Opfer und die Greueltaten des Diktators erwähnten seine Apologeten nur widerstrebend, stattdessen betonten sie dessen historische Verdienste: die Vernichtung Hitlers und die ökonomischen Erfolge, die das einstige ‘Bastschuh-Russland’ unter seiner weisen Führerschaft erzielt hatte. Die generelle Schlussfolgerung lautete: ‘Stalin war ein effektiver Manager’, sein Bild darf nicht in so düsteren Tönen gezeichnet werden, wie es ‘Liberale und Demokraten’ unentwegt tun.“

„Wir sind moralisch krank“

Was ist das für eine moralische Wende in Russland, was ist das für eine christliche Nation, was sind das für Retter und Erlöser, die immer noch den Massenmörder Stalin schätzen?!

Natürlich wird einem nun entgegnet, dass es im Westen auch viel zu bemängeln gibt und es mit der Moral dort nicht weit her ist. Natürlich. Wir könnten auch fragen, was für eine christliche Nation die USA sind, die Massenabtreibungen zulässt. Und viele zentraleuropäische Länder kämpfen mit ähnlichen inneren Problemen wie Russland, haben mit Korruption, hohen Scheidungszahlen, Abtreibungen usw. zu ringen. Etwa ein Drittel der Litauer blickt noch mit großer Nostalgie gen Sowjetzeit.

havel_prisahax

Havel bei der Vereidigung am 29.12.1989

Ein sehr wichtiger Unterschied zum heutigen Russland wird aber deutlich, wenn man die große Neujahrsansprache von Vaclav Havel, gehalten am 1. Januar 1990, liest. Der drei Tage zuvor gewählte Präsident der Tschechoslowakei setzt sich gleich eingangs ausdrücklich von den kommunistischen Lügen ab und sagt offen: „Unser Land steht nicht in voller Blüte.“ Und dann kommt er zur Sache: „Am schlimmsten ist es, dass wir in einer verschmutzten moralischen Umwelt leben. Wir sind moralisch krank geworden, weil wir es uns angewöhnt haben, etwas anderes zu sagen, als wir dachten.“ Und nun zeigte er eben nicht auf die bösen Amis und noch nicht einmal auf die bösen Parteibonzen oder wen auch immer: „Ich rede über alle von uns. Wir haben uns alle an das totalitäre System gewöhnt und akzeptierten es als eine unveränderliche Tatsache… Wir alle sind, wenn auch natürlich in unterschiedlichem Ausmass, verantwortlich für den Betrieb der totalitären Maschinerie. Keiner von uns ist nur Opfer“. Havel spricht von der „Sünde, die wir an uns selbst begangen haben“.

Von diesem Geist der grundlegenden Selbstkritik ist bei Putin rein gar nichts zu sehen. Diese Selbstkritik zeichnet immer noch die westlichen Staaten aus. Leider halten wir dies schon für selbstverständlich, so dass es zu selten auffällt. Natürlich gibt es auch in den westlichen Medien Probleme; manche Meldungen werden unterschlagen, bestimmte Leute in Talksendungen nicht geladen usw. Doch man hüte sich vor Pauschalurteilen über angeblich Zensur o.ä. Man vergleiche nur einmal westliche Nachrichten- und Politiksendungen mit denen aus Moskau. Als vor einem Monat bei „Maybritt Illner“ Richard David Precht die Rhetorik des Bundespräsidenten „extrem gefährlich“ nannte, entgegnete ihm Katja Gloger, die viele Jahre für den „Stern“ in Russland gearbeitet hatte: „Schauen Sie drei Stunden russisches Staatsfernsehen, und dann wissen Sie, was giftige Rhetorik ist.“ Reine selbstgerechte Propaganda, die die westliche Selbstkritik nur als Schwäche auslegt.

Dieser Geist führt dazu, dass auch auf den Anderen gehört wird, vor allem auch dann, wenn er eine andere Meinung hat. Nie werde ich vergessen, wie sich Valdas Adamkus im litauischen Präsidentschaftswahlkampf 1997 verhielt. Im vollen Kinosaal in Šiauliai drohte die Stimmung bei einer Wahlveranstaltung mit dem Kandidaten zu kippen: eine ältere Dame vertrat eine Position, die der großen Mehrheit (und auch Adamkus) völlig gegen den Strich ging, Buh-Rufe sollten sie am Reden hindern; Tumult lag in der Luft. Daraufhin ging Adamkus quer durch den Saal resolut zu ihr, gab ihr sein Mikro in die Hand und meinte zu allen: „Hier darf jeder seine Meinung vortragen“. Eine Lektion in Bürgersinn für alle.

Warum ist diese Meinungspluralität und -freiheit so wichtig? Wegen der Wahrheit. Auch in den westlichen Demokratien gibt es genug Lügner, bis in die Staatsspitzen hinein. Doch jeder muss damit rechnen, dass Lügen entlarvt werden und von Anderen die Wahrheit gesagt wird. Wird die Meinungsfreiheit massiv eingeschränkt, hat es die Lüge leichter. So verfährt auch Putin. Man kann sich völlig sicher sein, dass er für die Wahrheit nichts als Verachtung übrig hat – in alter Bolschewiki-Tradition. Wie kann man dann behaupten, dass er in Fragen der Ethik und der Werte „Recht“ hat? Setzt dies nicht ein gewisses Maß an Wahrhaftigkeit voraus? Wir haben doch im Westen vor Jahrzehnten der Friedenspropaganda des Ostblocks auch deswegen nicht geglaubt, weil diese Wahrhaftigkeit ganz abwesend war. Und nun soll Putin der ehrliche Vorkämpfer von Moral sein? (Selbst Franklin Graham tappte in diese Falle, s. hier: “In my opinion, Putin is right on these issues [protecting children from any homosexual agenda or propaganda]”.)

Die Kultur der Freiheit, von der Adamkus (ab 1998 und dann wieder ab 2004 Präsident) zutiefst geprägt ist, ist ein hohes Gut. Wir sollten skeptisch sein, wenn von der Moral schwadroniert wird. Das kann jeder. Wie sieht es mit der Freiheit aus? Denn Moral ohne Freiheit ist eine Illusion. Diese Freiheit ist auch im Westen umkämpft. Darauf spielt der Untertitel von Kubys Buch Die globale sexuelle Revolution an: „Zerstörung der Freiheit im Namen der Freiheit“. Tatsächlich untergräbt der Westen vielfach seine eigene Ordnung. Aber dort können Lebensschützer wie Kuby noch in Fernsehsendungen auftreten und ihre Position vertreten; kann frei demonstriert werden; können Machthaber, Medien und alle Leiter in Wirtschaft, Kirche und Gesellschaft scharf kritisiert werden. Die Freiheit ist umkämpft, gewiss, aber ist sie auch schon zerstört?

Deshalb ist auch die Kriegsrhetorik mit äußerster Vorsicht zu genießen. Wir wissen, was gemeint ist, wenn Kuby von einem „globalen Krieg für die Deregulierung der sexuellen Normen“ spricht. Tatsächlich ist die Auseinandersetzung scharf, die Gegner verbal militant, und hier und da wird schon darüber hinausgegangen. Es liegt vieles im Argen im Westen, welcher Christ wüsste das nicht. Aber gefährlich wird es, wenn die kollektive Lexik von Jakunin und anderen Konsorten übernommen wird. Denn dann glaubt man bald tatsächlich an einen Krieg der „UN, der EU und der USA“ gegen uns und an Bündnisgenossen im Kreml. Dann fehlt nicht mehr viel, und Putin wird Obama vorgezogen.

Man muss jedoch unbedingt begreifen: Die Front verläuft quer durch alle Länder. Überall müssen sich Christen für Moral und Freiheit aller einsetzen und sie schützen. Überall sind das moralische Fundament und Menschenrechte gefährdet. Und wenn die Freiheit mit Füßen getreten wird, dann sollte man der Einladung in eine unheilige Allianz ausschlagen und auf die Liebesgrüße aus Moskau nicht reagieren.