Der Friedensschürer
Wie ist das Universum entstanden? Wer oder was stand am Anfang? Was ist der tiefste Grund von allem? Welche Werte bilden das Fundament unseres Daseins? Seit Jahrtausenden treiben diese Fragen die Menschen um.
Wohl im späten 2. Jahrtausend v. Chr. wurde das Enuma Elisch, der babylonische Schöpfungsmythos, in Keilschrift auf Tontafeln festgehalten. Darin liest man wenig Erbauliches über die Urzeit: Götter, die Böses hegen, Vergeltung üben und sich gegen andere Götter zusammenrotten. In einem Refrain heißt es: „Sie bringen Krieg, sie beben vor Zorn, sind wütend“. Der Urgottheit Tiamtu (oder Tiamat) wird die Kehle durchschnitten und der Schädel eingeschlagen. Die himmlischen Helden der Babylonier sind „waffenstarrend, erbarmungslos, furchtlos im Kampf“. Aus dem Blut des Gottes Kingu werden die Menschen erschaffen. Ihre Bestimmung: „Sie sollen die Bürde der Götter tragen, damit diese ruhen können“.
Bei den antiken Griechen findet sich ein ähnliches Bild. In Hesiods Theogonie (die „Erschaffung der Götter“) aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. sind Krieg und Gewalt allgegenwärtig. Wir lesen zum Beispiel von Kronos, dem jüngsten Sohn von Gaia und Uranos, dem Vater von Zeus. Angestiftet von seiner Mutter entmannt dieser Titan seinen Vater mit einer Sichel und wirft das Glied ins Meer. Aus den aufgeschäumten Wellen steigt Aphrodite empor. Schon der Philosoph Xenophanes bemerkte kritisch: „Alles haben Homer und Hesiod den Göttern angehängt, was bei Menschen Schimpf und Schande ist: Stehlen, Ehebrechen und sich gegenseitig betrügen!“
Ob nun im ägyptischen Osirismythos (der Gott Osiris wird von seinem Bruder Set ermordet), in den Veden der Inder (Shiva, „der Zerstörer“) oder in der Shambhala-Legende des tibetanischen Buddhismus (wo das Blut nur so fließt): überall stand ganz am Anfang der blutige Kampf, das wütende Gemetzel, der urzeitliche Krieg. Die vielfach variierte Botschaft ist im Kern immer dieselbe: Gewalt gehört zum Ursprung der Dinge; Krieg war schon immer; Zwietracht, Mißgunst und Hass sind ewig. Die Folge: die menschliche Gewalt der Gegenwart wird durch diese Ur-Gewalt gerechtfertigt.
Die biblische Sicht ist radikal anders: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (Gen 1,1). Die Welt ist nicht aus einem Götterkampf hervorgegangen wie im Enuma Elisch. Sie entstand nicht aus Chaos oder Konflikt, vielmehr hat Gott hat die Welt gewollt. Er schuf sie aus freien Stücken, ohne Gewalt, nur durch die Macht seines Wortes. Himmel und Erde sind weder göttlich noch dämonisch, weder ewig wie Gott selbst, noch sinnlos und nichtig. Sie sind sein gutes Werk, an dem er Wohlgefallen hat.
Im Neuen Testament wird dann noch klarer: Der tiefste Grund allen Seins ist ein Gott, der Liebe ist – das Gegenteil von Krieg und Konflikt, Hass und Gewalt. „Du hast mich geliebt, ehe die Welt gegründet war“, sagt Jesus zu seinem Vater (Joh 17,24). Am Anfang des Daseins steht die liebevolle Einheit der drei Personen Vater, Sohn und Hl. Geist. Das Universum ist daher aus Liebe entstanden, wurde von Liebe geformt und ist für liebevolle Beziehungen geschaffen. Vor dem Sündenfall war die Schöpfung in all ihrer Vielfalt mit sich selbst und Gott im Einklang.
Deshalb sind Frieden, Harmonie und Liebe ursprünglicher und grundlegender als Krieg und Gewalt. Diese sind in die einst völlig gute Schöpfung zu deren Verderben eingedrungen. Gewiss muss nun das Böse in einer gefallenen Welt bekämpft werden; Verbrechern drohen Justiz, Polizei und Militär. Doch der Frieden und die Vermeidung bzw. Verringerung von Gewalt bleiben das Ideal. Daher sind es auch die auf Zusammenarbeit, Vertrauen und gegenseitige Hilfe gegründeten Ordnungen Gottes, die das Böse in erster Linie einschränken: die Arbeit (der freie Austausch von Gütern), die Familie und die Kirche. Die Abschreckung durch die Obrigkeit tritt zu diesen Formen der Zügelung von Eigensinn und Sünde nur hinzu.
Der Atheist Friedrich Nietzsche erkannte diese Zusammenhänge genau – und lehnte sie konsequent ab. In Zur Genealogie von Moral (1887) lobte der Philosoph „Krieg [!], Abenteuer, Jagd, Tanz, Kampfspiele“, sprach von der „verderbenden Kraft“ des Kreuzes Jesu. Der Sohn Gottes, „das leibhafte Evangelium der Liebe“, habe nicht „aristokratisch-ritterliche“ Werte gepredigt, sondern sich – oh Graus! – auf die Seite der Elenden und Armen, der Leidenden und Niedrigen gestellt. Er sei die „Verführung in ihrer umheimlichsten und unwiderstehlichsten Form“ gewesen. Für den „zahmen Menschen“ und die „Mitleidsmoral“ hatte Nietzsche nur Verachtung übrig, sein Kampf galt dem „schlechten Gewissen“ und der „Sklavenmoral“ des Christentums. Das „Raubtier“ sei wieder zu adeln, denn von Zeit zu Zeit brauche es eine „Entladung“: „das Tier muss wieder heraus, muss wieder in die Wildniss zurück“. „Kriegstüchtigkeit“ – Nietzsche hätte das Wort geliebt.
Je weiter man sich vom Gott des Friedens (Ri 6,4) und dem Friedefürsten (Jes 9,5) entfernt, desto tiefer versinkt man in einer dämonischen Kriegsgläubigkeit. So führt von Nietzsches Gottlosigkeit eine Linie zu Hitlers Kriegsreligion (s. Thomas Schirrmacher, Hitlers Kriegsreligion, 2 Bd., 2007, dem die folgenden Zitate entnommen sind). „Gott hilft dem Stärkeren, dem Kämpfenden, dem an den Sieg Glaubenden“, so der Diktator. Sein Gott hatte mit der christlichen Dreieinigkeit, mit dem Gott der Liebe, nichts zu tun: „Weh dem, der schwach, ist! […] Der darf von niemand irgendeine Hilfe erwarten, der wird immer nur ausgenützt.“ Für Hitler war der Kampf „der Vater aller Dinge; der Kampf in der Natur ist das Abspalten und Vernichten des Schwächeren“. Die Menschheit sei „im ewigen Kampfe groß geworden – im ewigen Frieden geht sie zugrunde“. Ja „wenn die Menschen im Garten Eden lebten, würden sie verfaulen“. Und Christus sei „der hehrste Kriegsheld aller Zeiten“!
Hitler glaubte daher, „daß ein längerer Friede wie 25 Jahre jeder Nation schadet. Die Völker brauchen einen Blutverlust zu ihrer Regeneration wie der einzelne Mensch“. Ganz so offen drückt sich heute kaum jemand aus. Doch vor einem Jahr gab ein angesehener Historiker Litauens in seinem Buch über Krieg und Frieden zu verstehen: ein Krieg alle 30 Jahre sei das Normale. Zu lange Friedenszeiten führten dazu, dass die Wachsamkeit abnimmt, man sich nicht auf Gefahren einstellt und keine „Verantwortung für die Zukunft“ übernimmt. Die „Entwöhnung von der Waffe schwächt die Hände“, und Stärke brauchen wir ja wohl! – Das ferne Echo Nietzsches.
Wer sich derzeit in Litauen grundsätzlich für Frieden ausspricht, gerät sofort in den Verdacht, mit den Russen unter einer Decke zu stecken. Ende November schrieb ein junger Politologe und Dozent im Hinblick auf die Friedensgespräche zur Ukraine sogar, das „Schüren von Frieden“ sei gefährlich und „unmoralisch“ – und das nicht in einer dunklen Ecke des Internets, sondern auf dem Portal des öffentlich-rechtlichen Senders LRT. Das inflationäre „Nazi!“-Geschrei in Deutschland – „Russofaschisten!“ in Litauen –verdeckt nur zu leicht, dass nicht nur die üblichen Verdächtigen, sondern vieler der gottlosen Elite in West wie Ost wie einst Hitler sich nach dem fortwährenden Krieg sehnen.
Der christliche Gott ist ein Friedensschürer. Er hetzt die Menschen und Völker nicht gegeneinander auf, sondern durchbrach den Kreislauf des ununterbrochenen Tötens – nicht durch das Recht des Stärkeren, sondern durch das Opfer des Sohnes. Dieser kam nicht „zur Gewaltherrschaft, um Furcht und Schrecken zu verbreiten“, wie es Brief an Diognet aus dem II. Jahrhundert heißt. Keineswegs, „sondern in Milde und Sanftmut schickte er ihn, […] zur Erlösung schickte er ihn, zur Überzeugung, nicht zum Zwang; denn Zwang liegt Gott ferne. Er sandte ihn, um zu rufen, nicht zum Verfolgen; er sandte ihn in Liebe, nicht zum Gerichte“. „Friede auf Erden“ (Lk 2,14) – die Weihnachtsbotschaft – wird dann Raum gewinnen, wenn Menschen, Herrscher insbesondere, dem Sanftmütigen, Schwachen und Ohnmächtigen von Krippe und Kreuz folgen.
