Nizäa und die Verkündigung des Evangeliums

Nizäa und die Verkündigung des Evangeliums

Was ist das wichtigste säkulare Ereignis in der Geschichte der Menschheit nach der Domestizierung von Tieren und Pflanzen vor Tausenden von Jahren? Laut der Wirtschaftshistorikerin Deirdre McCloskey aus Chicago ist dies „The Great Enrichment“: der beispiellose und weitreichende Anstieg von Produktivität, Wohlstand und Einkommen seit 1800. Bis dahin lebten die meisten Menschen in mehr oder weniger bitterer Armut. Heute bevölkern achtmal mehr Menschen die Erde, und die überwiegende Mehrheit von ihnen kann ein längeres, gesünderes und viel wohlhabenderes Leben führen als fast alle Menschen noch vor einigen Jahrhunderten.       

Was könnte das wichtigste säkulare Ereignis der nicht allzu fernen Zukunft sein? Kürzlich veröffentlichte der britische Datenwissenschaftler und Demograf Stephen Shaw eine aktualisierte Ausgabe seines Dokumentarfilms „Birthgap“. Seine Hauptbotschaft ist aufrüttelnd: Die meisten Länder der Welt sehen sich mit einem beispiellosen Rückgang der Geburtenraten konfrontiert. Nicht nur in der westlichen Welt, sondern auch in den meisten Ländern Lateinamerikas und Asiens liegt die Fertilitätsrate der Frauen mittlerweile unter dem Reproduktionsniveau. Eine wachsende Zahl von Erwachsenen, die niemals Eltern werden, eine bald schrumpfende Bevölkerung und eine sich immer weiter vergrößernde Geburtenlücke werden viele Länder heimsuchen.      

Dank des historisch beispiellosen Wohlstandsniveaus sind wir heute materiell gut gestellt und müssen nicht mehr ums Überleben kämpfen. Dennoch gründen immer weniger junge Menschen eine Familie, bleiben kinderlos, und die Zahl der älteren Menschen steigt stetig an. Dieser demografische Trend verstärkt eine Entwicklung, die bereits seit einigen Jahrzehnten im Gange ist und vor allem auf den technologischen Wandel und die Auswirkungen von Erfindungen wie Fernsehen, Internet und Smartphone zurückzuführen ist: Wir verbringen weniger Zeit mit anderen Menschen, mehr Zeit allein als je zuvor.  

Vor 25 Jahren beschrieb Robert D. Putnam in seinem Buch Bowling Alone den Verlust des Sozialkapitals und den Verfall des gemeinschaftlichen Lebens. In diesem Jahr fasst der Untertitel von Nicholas Carrs neuem Buch Superbloom die Lage auf paradoxe Weise so zusammen: How Technologies of Connection Tear Us Apart – „Wie Technologien der Verbindung uns auseinanderreißen“. Kulturanalysten und Sozialwissenschaftler sprechen nun oft von selbstgewählter Einsamkeit als einem der wichtigsten sozialen Phänomene in westlichen Gesellschaften, manche wollen sogar eine „Epidemie der Einsamkeit“ erkennen.

Natürlich leiden viele ältere Menschen unter Einsamkeit. Aber dieses Virus breitet sich auch unter der jüngeren Generation aus. Studien zeigen, dass diejenigen, die soziale Medien am häufigsten nutzen, sich auch am ehesten einsam fühlen. In Umfragen unter Studierenden hier in Litauen rangiert Einsamkeit immer unter den wichtigsten Themen. Wir alle sehnen uns danach, mit anderen zusammen zu sein – nicht nur auf einem Bildschirm, sondern persönlich.  

Was bedeutet „Gott“?

Wie können Christen in einem solchen kulturellen Umfeld evangelisieren? Wie kann man das Evangelium in dieser Generation verkünden? Sind wir als Christen theologisch gut darauf vorbereitet?

Bei der Evangelisierung verkünden wir Gott, nicht uns selbst. Unser Ziel ist es, dass die Menschen Gott erkennen, denn dies ist, wie Johannes Calvin am Anfang seines Genfer Katechismus sagt, das Hauptziel oder „der Sinn des menschlichen Lebens“. Aber wer ist Gott? In unseren postmodernen, postchristlichen Gesellschaften hat das Wort „Gott“ seine Bedeutung verloren und ist zu einem vagen Begriff geworden. Vor etwa sechzig Jahren war der presbyterianische Apologet Francis Schaeffer einer der ersten, der darauf hinwies, dass aufgrund des Verlusts der objektiven Wahrheit in der westlichen Kultur der reale und persönliche Gott, wie er in der Bibel offenbart wird, durch eine extrem subjektive, vom Menschen definierte Gottheit ersetzt wird.

Vor vierzig Jahren prägte der Soziologe Robert Bellah den Begriff „Sheilaismus“ für ein krasses Beispiel dieser neuen Phänomene. Sein Beispiel war eine Krankenschwester, die er Sheila nannte. Sie behauptete, an Gott zu glauben, aber das war sie selbst und die „kleine Stimme“ in ihr. Dementsprechend benannte sie ihre Religion nach sich selbst – Sheilaismus.    

Wir mögen über ein solches Glaubenssystem lächeln. Aber aktuelle Daten zeigen, dass es ernsthafte Gründe zur Sorge gibt. Die landesweite Umfrage „The State of Theology” (von Ligonier Ministries) zeigt, dass z.B. im Vereinigten Königreich im Jahr 2018 weniger als 30 % der Gesamtbevölkerung an die Dreieinigkeit glauben. Solche Zahlen überraschen uns nicht mehr. Besonders beunruhigend ist jedoch, dass 70 % der praktizierenden Christen in Großbritannien der Aussage „Jesus ist das erste und größte von Gott geschaffene Wesen” zustimmen, und das ist die arianische Irrlehre in Kurzform. Erschwerend kommt hinzu, dass fast 80 % der dortigen praktizierenden Christen die Aussage „Der Heilige Geist ist eine Kraft, aber kein persönliches Wesen” für wahr halten. Wie soll man treu evangelisieren, wenn viele Christen ein so schwaches theologisches Immunsystem haben?

Wer ist der „Sohn Gottes“?

Ich bin überzeugt, dass der neben der Bibel wichtigste Text der Menschheitsgeschichte, das Nizänische Glaubensbekenntnis (325/381), in diesem Kontext hilfreicher sein kann, als viele erwarten würden. Ähnlich wie das Apostolische Glaubensbekenntnis fasst es die wichtigsten Tatsachen des Evangeliums zusammen: Der Sohn Gottes ist „zu unserm Heil vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden. Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden, ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift und aufgefahren in den Himmel…“ Rechtgläubige Christen aller Konfessionen sind sich einig, dass diese Aussagen objektiv wahre historische Tatsachen bezeichnen.

Eine Besonderheit des Nizänischen Glaubensbekenntnisses ist eine ganze Reihe von Aussagen am Anfang, die sich auf die Frage konzentrieren, wer Gott von Ewigkeit her ist. In der Fassung des Glaubensbekenntnisses von 325 gehört die Hälfte des griechischen Textes zu diesem Teil. Dann folgen alle Informationen über das Handeln des Sohnes Gottes in der Geschichte. Zwischen diesen beiden Teilen können wir, dem US-Theologe Fred Sanders folgend, die „Nizänische Linie” ziehen: Oberhalb dieser Linie erhalten wir die Informationen darüber, wer derjenige ist, der geschaffen hat, rettet und richten wird – alle Werke, die unterhalb der Linie aufgezählt werden.

Laut Sanders ist dies „die wichtigste Linie in der christlichen Theologie“. Sie trennt die Geschichte Jesu unten von der Identität Jesu oben. Diese gründet in der Gottheit und in seiner Beziehung zum Vater. Der ‘Prolog im Himmel’ erklärt uns, was wir unter „Sohn“ verstehen. So wird deutlich, dass die Erlösungsgeschichte nicht zu Weihnachten, sondern in Gott selbst, in seinem ewigen Plan und Wesen, begann.

Das Nizänische Glaubensbekenntnis erklärt mit immerhin neun Aussagen, was der Begriff „Sohn“ bedeutet, und acht davon stehen über der Linie: von „Herr“ bis „eines Wesens mit dem Vater“ (nur die Schöpfung der Welt steht darunter). Mit dieser breiten Palette unterschiedlicher Begriffe wird unterstrichen, dass die Sohnschaft ewig ist. Im Zentrum des Zentrums steht die Kernaussage über den Sohn: Er ist „wahrer Gott vom wahren Gott“. Vater und Sohn teilen seit Ewigkeit dasselbe göttliche Wesen, beide sind ganz Gott. Sie sind jedoch nicht identisch, sondern existieren ewig in einer Beziehung. Das unscheinbare Wort, das diese Beziehung kennzeichnet, ist „vom“ („ek“ auf Griechisch, wörtl. „aus“).

Wer ist dieser Jesus, dem wir in den Evangelien begegnen? Er behauptete, Gott zu sein. Wer er ist, kann nur definiert werden, indem man gleichsam zum Vater aufschaut und über die Nizänische Linie hinausblickt. Dort, in der Ewigkeit, sehen wir eine liebevolle Gemeinschaft von dreien. Im Gegensatz dazu war der Gott des Arius einst, vor allen Zeiten, ein einsamer Gott, der kein Interesse an Gemeinschaft hatte. Im Arianismus, den das Bekenntnis verwarf, war der Sohn nur ein von Gott geschaffener gottähnlicher oder quasigöttlicher Beauftragter – eine Art göttlicher Arbeiter, der eine Aufgabe zu erfüllen hatte: Schöpfung und Erlösung. Der Gott des Arius war kein väterlicher Gott der Güte, Gnade oder Liebe.  

Was ist der Grund allen Seins?

Das Nizänische Glaubensbekenntnis schärft also unseren Verstand hinsichtlich der Identität des Sohnes. Es verdeutlicht, was das Wort „Gott” im Christentum bedeutet. Es gibt eine Antwort auf die Frage: Was war ganz am ‘Anfang’, bevor die Welt entstand? Was ist das Grundprinzip aller Existenz? Ist die Grundlage des Seins das absolute Nichts? Gab es am Anfang Gottheiten oder ewige unpersönliche Kräfte, die sich in blutigen Konflikten bekämpften? Oder ist der Ursprung von allem eine einsame Macht, ein allmächtiges Prinzip, das alles mit roher Gewalt bestimmt?

Diese Optionen bedeuten für den Menschen eine Wahl zwischen hoffnungsloser Einsamkeit, endlosem Kampf oder bedrückender Sklaverei. Die christliche Antwort, die einzige verbleibende Alternative, wird durch die Worte Jesu an den Vater in Johannes 17,24 zusammengefasst: „Du hast mich geliebt, ehe die Welt gegründet war.“ Die wichtigste Tatsache der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die wichtigste metaphysische, spirituelle und reale Tatsache ist der dreieinige Gott selbst, der Liebe ist.

Der anglikanische Pfarrer und Evangelist Glen Scrivener schreibt: „Wenn man den Himmel öffnen und hineinsehen könnte, würde man auf das blicken, was schon bei der Taufe Jesu zu sehen war: Jesus, der geliebte Sohn des Vaters, erfüllt vom Heiligen Geist. Die tiefste Realität von allem ist eine Einheit der Liebe… Das Universum ist aus Liebe entstanden, wurde von Liebe geformt und ist für die Liebe geschaffen.“ (321. The Story of God, the World and You)

Das Nizänische Glaubensbekenntnis erklärt, dass der Sohn wirklich aus Liebe vom Himmel herab kam, für uns und für unser Heil; dass er am Kreuz starb, um uns Sünder und Rebellen in eine Beziehung mit diesem ewig liebenden Gott zu bringen. Es gründet unsere Beziehung zu Jesus in der Beziehung Jesu zu seinem Vater. Das Evangelium selbst, die Wahrheiten unterhalb der nizänischen Linie, ist Teil eines wirklich großen Gesamtbildes, des größten vorstellbaren Gesamtbildes – Gott selbst. 

Diese Botschaft von Gott, der in der Ewigkeit nicht allein ist, der in seinem Wesen Gemeinschaft, Kommunikation und Liebe ist, spricht eine Welt an, in der Menschen sich nach echten und tiefen Beziehungen sehnen, mit Einsamkeit kämpfen und sich nicht mit immer mehr materiellen Gütern zufriedengeben. Sie stellt alle Arten von Sheilaismus, Subjektivismus und Selbstvergötterung in Frage.

Aber wir müssen die Dreieinigkeit für die Evangelisation neu entdecken. Der dreieinige Gott ist kein Rätsel, nichts, wofür man sich schämen müsste – er ist die einzige Antwort. Die Kirchen sind vor die Aufgabe gestellt ihren Mitgliedern die Trinität, die liebevolle Gemeinschaft der Drei, zu lehren, zu erklären und mit dem Evangelium zu verbinden. Ansonsten bleiben zu viele Christen funktional Arianer, und das bedeutet: sie werden das Evangelium Jesu Christi verzerren.

Welchen Platz hat die Dreieinigkeit?

Natürlich konzentriert sich jede Art von evangelistischer Verkündigung auf die Tatsachen des Evangeliums unterhalb der Nizänischen Linie und auf die Frage „Was hat Jesus für unsere Erlösung getan?“. Aber wir sollten auch die Wahrheiten oberhalb dieser Linie in angemessener Weise einbeziehen wie „Wer ist der Sohn Gottes?“ und „Was ist das Wesen Gottes?“. Wer ist es, der das Erlösungswerk vollbracht hat und vollbringt?

Heute führen evangelikale und katholische Gemeinden, die eifrig missionieren und Ungläubige mit Liebe erreichen wollen, wie selbstverständlich den sehr beliebten „Alpha-Kurs“ durch. Von „Alpha“ kann man zweifellos viel lernen: ein gemeinsames Essen, Gemeinschaft und Diskussionen in kleinen Gruppen schaffen eine warme Atmosphäre der Gastfreundschaft und Offenheit. Der Kurs enthält viele gute, orthodoxe Lehren, darunter auch zahlreiche traditionelle apologetische Argumente wie z.B. von C. S. Lewis.

Allerdings ignoriert „Alpha“ leider fast vollständig die Wahrheiten oberhalb der Nizänischen Linie. In dem zehnwöchigen Kurs mit fünfzehn Vorträgen gibt es keine Lehre über den Vater, fast nichts über die Schöpfung. Die Dreifaltigkeit wird ein paar Mal erwähnt, und es wird natürlich betont, dass Jesus Gott ist. Die ewige Beziehung der drei göttlichen Personen wird jedoch, gelinde gesagt, zu wenig beleuchtet. Provokant kann man sogar formulieren: Ein Arianer würde wohl kaum eine Aussage in „Alpha“ finden, an der er Anstoß nehmen würde. Schließlich leugnete der Arianismus nicht, dass Jesus eine Art von Gott ist. Was ist unter der Gottheit Jesus tatsächlich zu verstehen? Ohne die Inhalte oberhalb der Nizänischen Linie kommt man hier nicht weit. Das Nizänische Glaubensbekenntnis erinnert uns daran, dass im „Alpha-Kurs“ etwas sehr Wichtiges fehlt.   

Da die Gefahr von Missverständnissen besteht, möchte ich Folgendes betonen: Ja, man kann während des „Alpha-Kurses“ die Frohe Botschaft hören; nein, der Kurs verbreitet keine Irrlehren (die Bewertung u.a. der Lehre von den Gaben des Geistes steht auf einem anderen Blatt); und ja, viele, viele Menschen haben im Rahmen eines „Alpha-Kurses“ zu Christus gefunden. Aber das Nizänische Glaubensbekenntnis, das vierzig Mal älter ist als „Alpha“, ruft uns auf, das große Ganze nicht aus den Augen zu verlieren – den dreieinigen Gott selbst.

Die Grundlagen des christlichen Glaubens vermittelt der „321-Kurs“, so meine Überzeugung, eindeutig besser als „Alpha“. Im vergangenen Jahr brachte „Speak Life“, ein Evangelisationswerk aus Großbritannien, eine aktualisierte Version heraus. Er ist online frei zugänglich (321.speaklife.org.uk), liegt bisher aber nur in englischer Sprache vor. Sprecher und Hauptautor ist der bereits erwähnte Glen Scrivener. Der Kurs ist viel kürzer als „Alpha“ und führt ebenfalls mit einer „Einführung: Jesus“ in die Erlösungsgeschichte ein. Im zweiten von vier Teilen springen die beiden Videos dann jedoch direkt zum ‘nizänischen’ Inhalt: „Die Dreieinigkeit Gottes“. Genau dies ist die große Stärke von „321“.

Das Video „From Heaven With Love“ beginnt mit der aktuellen Frage „Wie stellst du dir Gott vor?“ und geht dann zur Dreieinigkeit Gottes, der „Quelle der Liebe“, über. Er ist „Licht, Leben und Liebe“ und hat die Welt und uns nicht in „Finsternis, Tod und Trennung“ zurückgelassen. Teil drei, „Die Zweiheit der Welt“, erklärt das menschliche Problem aufgrund von Sünde und Rebellion. Und schließlich untersucht „Deine Einheit“, wie Jesus in unsere Welt der Fehler und des Versagens herabgestiegen ist, damit wir Teil seiner Familie werden und eins mit ihm sein können.

Die Dreieinigkeit, so Scrivener, „ist kein mathematisches Problem, das es zu lösen gilt, sondern die frohe Botschaft, dass Gott Liebe ist und du eingeladen bist“. Also „komm nach Hause zur Liebe Gottes“. Das ist die evangelistische Kernaussage der Botschaft von Nizäa für das 21. Jahrhundert.  

(In englischer Sprache wurde dieser Vortrag auf der Konferenz „1700 Jahre Nizäa“ [Nikėjai –1700] am 3. Oktober 2025 in der katholischen Fakultät der Vytautas-der-Große-Universität in Kaunas gehalten)