Gott ist in Beziehung

Gott ist in Beziehung

„Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs, nicht der Philosophen und Gelehrten.“ So formulierte Blaise Pascal in seinem berühmten Erinnerungsblatt „Mémorial“ aus dem Jahr 1654. Darin gab der französische Mathematiker und Philosoph in wenigen Sätzen eine intensive und befreiende Gotteserfahrung wieder: „Gewissheit, Gewissheit, Empfinden: Freude, Friede. Der Gott Jesu Christi.“ Pascal begegnete dem Gott, der zu Menschen in persönliche Beziehungen tritt – zu ihm wie schon zu den Erzvätern Abraham, Isaak und Jakob.

Die „Philosophen und Gelehrten“ der Antike glaubten, dass die grundlegende Wirklichkeit hinter allen Erscheinungen unserer Welt letztlich ein Prinzip sein müsse. Manche wie Platon und Aristoteles kamen durchaus zu der Erkenntnis, dass es einen wahren Gott geben müsse. Aber wer ist dieser eine Gott? Und Christen fragten in den ersten Jahrhunderten: In welchem Verhältnis steht Jesus Christus, der Sohn Gottes, zu dem einen Gott?

Arius, um 300 ein populärer Prediger im ägyptischen Alexandrien, lehrte, dass Gott zunächst bloß Gott war – und nicht Vater. Zu diesem wurde er erst, als der Sohn aus seinem Willen hervorging. Der Sohn sei das „vollkommene Geschöpf Gottes“. Obwohl Arius lehrte, dass der Sohn „vor ewigen Zeiten“ vom Vater gezeugt wurde, bestritt er klar dessen Ewigkeit. Laut Arius war Gott einmal nicht der Vater, also ganz allein im Himmel.

Im Sommer des Jahres 325 trafen sich in Nizäa, unweit des heutigen Istanbuls, über zweihundert Kirchenleiter aus dem ganzen Römischen Reich. Das erste Konzil der Kirche tagte, um eine Antwort auf Arius‘ Lehre zu finden. Schließlich wurde das Bekenntnis von Nizäa angenommen, das mit diesen Worten beginnt: „Wir glauben an einen Gott, den Vater…“ Christen glauben außerdem an „den einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes“. Er ist, so das Bekenntnis weiter, „Gott aus Gott, Licht aus Licht, wahrer Gott aus wahrem Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater“. Der Sohn ist dem Vater nicht nur ähnlich oder ein niederer Gott. Er ist genauso ewig wie der Vater und in jeder Hinsicht „wahrer Gott“. Weil es den Sohn schon immer gab, gab es auch schon immer den Vater. All dem widersprachen die Anhänger von Arius.

In Nizäa betonten die Bischöfe, dass Gott also von Anfang an ein Wesen in Beziehung ist: Vater, Sohn und Geist haben in Ewigkeit personale Gemeinschaft miteinander; sie sind in Liebe verbunden, und genau deshalb – und nur deshalb – können wir mit 1. Joh 4,16 bekräftigen: Gott ist Liebe.

Die Kirche hielt vor 1700 Jahren fest: Gott ist nicht der einsame Denker, nicht der „unbewegte Beweger“ des Aristoteles. Er ist der Eine, aber in drei Personen; er ist Einheit und Vielfalt; er ist in Ewigkeit ein Gott des Liebens, des Gebens und der Kommunikation. Genau diesen Gott bezeugt die Bibel, deren Lehre die Väter von Nizäa prägnant zusammenfassten.

Die Entscheidung des Konzils war wahrlich epochemachend und kann in ihrer Wichtigkeit kaum überschätzt werden. Gott ist der Eine mit einem Wesen und einem Charakter; aber er ist in sich selbst die ewige Vielfalt der drei Personen. Daher ist auch das charakteristische Merkmal der Welt, die dieser Gott geschaffen hat, eine erstaunliche Vielfalt an Tieren und Pflanzen, an Mineralien und Metallen, an Völkern und Kulturen, an Gaben und Talenten. Vielfalt ist keine Folge der Sünde, sondern grundsätzlich etwas Positives. Das „Bunte“ wird erst dann zum Problem, wenn die Ordnungen Gottes und seine offenbarten Gebote ignoriert werden.

Blaise Pascal

Und noch wichtiger: Weil die Personen des dreieinen Gottes untereinander Beziehungen haben, liegt diesem Gott auch die Beziehung zum Menschen am Herzen. Weil Gott im Verhältnis zum Sohn immer Vater war und ist, kann der Vatertitel auch das Verhältnis Gottes zu Menschen treffend beschreiben: zu seinem Volk (Ex 4,23) oder zum König (2 Sam 7,14) und natürlich zu den Gläubigen im Zeitalter der Kirche, die ihn Vater nennen dürfen (Mt 6,9; Röm 8,15).

Der dreieine Gott besitzt die Fülle und fließt über. Er gibt sich her und handelt für die, die er liebt – auch die Menschen. Im Bekenntnis von Nizäa wird dies gleich nach den Aussagen über die Gottheit des Sohnes deutlich: Wir glauben an den Sohn Gottes, „der für uns Menschen und wegen unseres Heils herabgestiegen und Fleisch geworden ist, Mensch geworden ist“. Das ist das Evangelium – das große „für uns“, für mich, für alle, die an diesen Gott und Menschen, Jesus Christus, glauben. 

Man mache sich aber nichts vor: Das „für“ ist nur zu haben, weil der Sohn „aus dem Vater“, „aus Licht“ und „aus Gott“ ist (im gr. steht drei Mal ek – „aus“, im dt. meist „von“/„vom“); weil der Heilige Geist „aus“ dem Vater und dem Sohn hervorgeht. Ohne „aus“ kein „für“; ohne ewige Beziehung in Gott keinerlei Aussicht auf eine ewige Beziehung von Menschen zu Gott. Entweder der Gott des Arius – ein farbloser und ferner kosmischer Aufpasser im Himmel, zu dem man sich emporarbeiten muss – oder der Gott der Väter von Nizäa, der, so Pascal, „ewige Freude“ schenkt und in ihm wie in jedem Glaubenden den Wunsch weckt, dass diese Beziehung nie aufhöre: „Möge ich niemals von ihm getrennt sein“.