Selbstmord auf Raten
Im Januar dominierte ein Thema die litauischen Medien: der geplante Truppenübungsplatz bei Kapčiamiestis. Direkt an der Grenze zu Belarus im Süden soll er eine Art militärischen Vorposten gegenüber dem Bundesgenossen von Moskau bilden. In den Planungen der NATO zum Schutz der Ostflanke des Bündnisses kommt eine weitere Erwägung hinzu: das Gebiet von Kapčiamiestis liegt am Dreiländereck Polen, Belarus und Litauen und damit genau am strategisch wichtigen Sulwalki-Korridor. Dieser schmale Landstreifen zwischen Kaliningrad (zu Russland gehörend) und Belarus verbindet das NATO-Gebiet von Polen und dem Baltikum.
Der Truppenübungsplatz soll jedoch mit 15.000 Hektar eine gewaltige Ausdehnung haben (zum Vergleich: der größte deutsche in Bergen-Hohne, Niedersachsen, ein Erbe des Kalten Krieges, ist mit rund 14.000 Hektar kleiner). Obwohl die Gegend waldreich und dünn besiedelt ist, sind Tausende Bewohner von einer drohenden Enteignung von Haus und Boden betroffen. Scharfe Proteste blieben nicht aus, zumal die Bürger im Grunde vor vollendete Tatsache gestellt wurden.

Der Suwalki-Korridor
Auf die örtliche Bevölkerung wird eben nicht besonders Rücksicht genommen, denn Verteidigung bzw. Aufrüstung hat in Litauen derzeit absolute Priorität. 5,4% des Bruttosozialprodukts werden in diesem Jahr ins Militär gesteckt – eine sagenhafte Steigerung von 43% im Vergleich zu 2025! Natürlich geht dies nur über neue Schulden. Diese werden jedoch im Parlament genauso durchgewunken wie alle Beschaffungsmaßnahmen des Verteidigungsministeriums. Litauen wird sich nun auch (bis 2034) 44 deutsche Leopard-Panzer zulegen. Ob so etwas in Zeiten von Drohnen- und Roboterkriegen überhaupt sinnvoll ist, wird nicht einmal diskutiert.
0,99
Diskutieren sollte man vielleicht auch einmal die Frage, wer überhaupt in Zukunft wen verteidigen wird. Die litauische Regierung rühmt sich der steigenden Budgetzahlen für 2026. Dabei wird geflissentlich übergangen, dass die neuesten Daten zur Geburtenrate in Litauen schlicht eine Katastrophe sind. Im vergangenen Jahr wurden im Land nur 17.500 Kinder geboren. Zum Vergleich: 2015 kamen noch 30.000 Kinder zur Welt und 1990 mehr als drei Mal so viele wie 2025. Die Fertilitätsrate sank auf die symbolische Schwelle von 1,0 (sie bezeichnet die durchschnittliche Anzahl der Kinder, die eine Frau während ihres gebärfähigen Alters zur Welt bringt, s. Grafik o.). Es sei daran erinnert, dass dieser Index 2,1 betragen sollte, um die Einwohnerzahl (bei Ausschluss anderer Faktoren) stabil zu halten. Damit hat Litauen, ohne dies zu wollen, faktisch das Ziel der Ein-Kind-Politik erreicht, die die Volksrepublik China von 1979 bis 2015 verfolgte. Und zieht man die im Ausland geborenen, in Litauen registrierten, aber dort mit ihren Eltern wohl nicht wohnenden ab, ist man schon bei 0,99.
Litauen begeht derzeit langsamen demografischen Selbstmord – und niemand in politischer Verantwortung, so scheint es, stört sich wirklich daran. Es ist eben ein sehr schleichender Suizid. Erst in vielen Jahren und Jahrzehnten werden die zukünftigen Arbeitnehmer und Unternehmer, Steuerzahler und Soldaten schmerzhaft fehlen; und auch diejenigen, die die Raten für die stählernen Leos dann immer noch abzahlen werden müssen.
Nun mag man sich damit trösten, dass auch in anderen Ländern der Welt die Geburtenrate rapide sinkt, gerade bei den europäischen Nachbarn. In Belarus war man schon 2024 bei einer Fertilitätsrate von 1,0 angelangt, und in den beiden anderen baltischen Ländern sieht es nicht viel besser aus. Das gleiche gilt für das katholisch geprägte Polen, das interessanterweise mit anderen katholischen Mehrheitsländern wie Italien, Spanien und Malta im europäischen Vergleich hintere Plätze belegt. In der Europäischen Union liegt man inzwischen bei 1,4 Kindern pro Frau. Europa schrumpft.
Der Blick nach Afrika zeigt die wahre Zeitenwende, in der wir uns gerade befinden. In Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas, wurden 2025 etwa 7,6 Millionen Kinder geboren – doppelt so viele wie in allen EU-Ländern zusammen! Auch in der Republik Kongo und in Äthiopien wurden deutlich mehr Kinder geboren als in der gesamten EU. Zum Vergleich: In Deutschland, dem größten EU-Staat, kamen 2025 nur 650.000 Kinder zur Welt. Damit würde die Bundesrepublik nicht einmal unter die Top 20 der afrikanischen Länder kommen. Die Geburtenraten in Afrika fallen zwar, sind aber nach wie vor sehr hoch (etwa 4 Kinder pro Frau), so dass die Bevölkerung des Kontinents in naher Zukunft weiter deutlich wachsen wird. Burundi ist zum Beispiel zweieinhalb Mal kleiner als Litauen, aber Prognosen zufolge werden im Jahr 2100 sogar 40 Millionen Menschen in diesem Land leben (derzeit 14 Mio.).
Die Regierenden stecken den Kopf in den Sand. Zum Glück sind noch private Einrichtungen, Institute und Wissenschaftler aktiv, die z.B. Mitte Januar in Vilnius eine internationale Konferenz veranstalteten: „Demografische Herausforderungen und Familienpolitik – internationale Erfahrungen”. Familienpolitikexperten aus Litauen, Lettland, Polen, der Slowakei und Ungarn nahmen teil und tauschten ihre Erkenntnisse aus.
Von diesen postkommunistischen Ländern aus Zentraleuropa haben die Slowakei und Ungarn Geburtenraten, die deutlich über denen der Nachbarn im Norden und auch über dem EU-Durchschnitt liegen. Das politisch viel gescholtene Ungarn z.B. gründet seine Politik auf einer präzisen Bedarfsanalyse von jungen Familien. Dort führt man auch eine Bewertung der Auswirkungen der eingeführten Maßnahmen durch: was nicht effektiv ist, kann wieder abgeschafft werden. Polen wie auch Litauen folgen dagegen dem deutschen Weg: ständige Erhöhungen des Kindergeldes und inzwischen recht hohe Einmalzahlungen bei Geburt eines Kindes. Bewertung, Anpassung und Korrektur? Fehlanzeige.
Es hat sich in all den Ländern gezeigt, dass man mit Ausschüttung von immer mehr Geld oder Sozialleistungen allein kaum etwas erreicht. Es ist ist wie bei der Verteidigung: man muss es schon intelligent und mit Weitsicht machen. Hinzu kommt, dass der Kinderwunsch auch stark von kulturellen Einstellungen und Werten beeinflusst wird. Und hier zeigt eine 2022 in Lettland durchgeführten Studie mit jungen Erwachsenen folgendes: „Kinder und Familie” waren auf der Skala der Wertvorstellungen auf die 22. Stelle gerutscht. Selbstverwirklichung, Bildung, Freundschaften, Weltfrieden usw. – all dies gilt den jungen Letten als wichtiger.
Wertvorstellungen werden natürlich auch von den Religionsgemeinschaften und Kirchen geprägt. Die Kirchen mit ihrer Botschaft der Lebensbejahung haben hier gewiss eine äußerst wichtige Aufgabe. Nur geraten sie selbst in eine Art Teufelskreis: auf dem Land sind die Priester und Pfarrer mit Beerdigungen gut beschäftigt. Der reformierte Kollege in Biržai im Norden Litauens bestattete im vergangenen Jahr über 70 Gemeindeglieder. Wie will man da noch Hoffnung und Zuversicht verbreiten? In den Großstädten sieht dies noch anders aus. In Vilnius und Kaunas verzeichnen die reformierten Gemeinden deutlich mehr Aufnahmen als Beerdigungen.
Einfache Lösungen sind nicht in Sicher. Eins ist jedoch klar: Es wird höchste Zeit, die Jugend- und Familienarbeit ganz neu in den Fokus zu rücken, als Kirchen zusammenzuarbeiten und so die Kräfte zu bündeln und den Heranwachsenem das allererste Gebot der Bibel an die Menschheit zuzurufen: „Seid fruchtbar und mehret euch“ (Gen 1,28).
