Marsch fürs Leben in Vilnius
Litauen ist ein katholisch geprägtes Land. Rund drei Viertel der Bevölkerung rechnen sich der römischen Weltkirche zu. Viele Kinder werden immer noch getauft, und auch die kirchliche Trauung ist weiter beliebt. Bei den vielen Ablässen, gerade in den Sommermonaten, ist immer etwas los. Doch das fromme Bild darf nicht täuschen. Die Gesellschaft des Landes ist überraschend stark säkularisiert. Vor dem letzten Weltkrieg waren Ehescheidungen so gut wie unbekannt. In der Sowjetunion wurden die Schleusen aufgemacht, und heute endet etwa jede zweite Ehe in einer Trennung. Es ist das Normale, Katholik zu sein, doch auf den Alltag hat dies meist kaum Auswirkungen.
Um das Lebensrecht des ungeborenen Kindes steht es in Litauen ebenfalls nicht besonders gut. Die Abtreibungszahlen gehen zurück, aber dies steht in Zusammenhang mit dem allgemeinen Schwangerschafts- und Geburtenrückgang. 2023 standen knapp 22.000 Geburten rund 5000 Abtreibungen gegenüber. Acht von zehn Befragten sprechen sich eindeutig gegen eine Verschärfung des Abtreibungsrecht oder gar ein Verbot aus.
In Litauen hingegen regelt seit dreißig Jahren ein bloßer Ministererlaß den Schwangerschaftsabbruch. Es gibt keinen klaren gesetzlichen Schutz des vorgeburtlichen Lebens. Und nun droht auch noch ein Schritt in die andere Richtung: Im Mai nahm ein Gesetz zur „Reproduktiven Gesundheit“ die erste Hürde im litauischen Parlament. Darin ist ein Recht auf Abtreibung bis zur 12. Woche, eine Finanzierung durch die Krankenkasse (die erfolgt derzeit nur bei medizinischer Indikation) und eine Pflicht der Ärzte zur Durchführung vorgesehen. Katholische Organisationen brachten klare und präzise Kritik vor. Schon seit 2023 ist der Schwangerschaftsabbruch durch Medikamente (bis zur 9. Woche) legal.
In diesem Herbst oder Winter wird das Gesetzesprojekt wohl weiter im Parlament beraten werden. Die neue Regierungschefin Inga Ruginienė, die wie ihr Vorgänger den Sozialdemokraten angehört, hat bei ihrem Amtseid auf den Gottesbezug verzichtet. Sie befürwortet sicher das geplante Gesetz. Allerdings gehört die neue Justizministerin der Partei der polnischen Minderheit an. Diese streicht das katholische Erbe heraus und trägt die „christlichen Familien“ sogar im Parteinamen. Und Vizeministerin wurde nun mit der Juristin (und sechsfachen Mutter) Kristina Zamarytė-Sakavičienė eine ausgeprochene Lebensschützerin und aktive Katholikin. Man darf daher gespannt sein, wie sich Ministerium und Regierung bei so unterschiedlichen Standpunkten positionieren werden.
Erstmals in Litauen und im gesamten Baltikum fand am 4. Oktober in Vilnius ein „Marsch fürs Leben“ (Žygis už gyvybę) statt – angesichts der anstehenden politischen Debatten strategisch wohl gerade zum rechten Zeitpunkt. An die eintausend Litauer und einige Besucher aus Lettland marschierten vom Platz vor der Nationalbibliothek und neben dem Seimas auf dem Gediminas-Prospekt die zwei Kilometer zum Kathedralsplatz mitten im Zentrum der Hauptstadt.
Getragen und organisiert wurde der Marsch von einer breiten Koalition überwiegend katholischer Einrichtungen und Vereine, die sich für Lebensschutz, Familie und Schwangerschaftsberatung engagieren. Auch die wichtige katholische Studentenvereinigung „Ateitininkai“ war mit von der Partie. Die katholische Kirche selbst trat offiziell gar nicht in Erscheinung. Einige Priester nahmen teil, auch ein Bischof war zu sehen. Von den Rednern auf dem Kathedralsplatz konnte nur der ständige Diakon und Dekan der katholische Fakultät in Kaunas Benas Ulevičius direkt mit der Amtskirche in Verbindung gebracht werden.
Der Marsch verlief bei gutem Wetter, in positiver Stimmung und ohne jede Gegendemonstranten. Wie nicht anders zu erwarten, versuchten die Leitmedien das Ereignis – immerhin eine der größten Demonstrationen des Jahres – zu ignorieren. Der öffentlich-rechtliche Sender LRT wollte im Vorfeld nicht auf die Veranstaltung hinweisen und berichtete im Anschluss nur minimal. Leider war auch das Echo unter den Evangelischen eher gering. Alle Kirchen stehen zwar hinter „Pro Life“, doch der Lebensschutz wird leider weitgehend als katholisches Thema wahrgenommen. Unsere Gemeinde (und auch die Gesamtkirche) lud zum Marsch ein; die reformierte Kirchenleitung veröffentlichte ein kurzes Statement zur Abtreibungsfrage. Auf dem Marsch selbst traf man aber kaum evangelische Christen. Weiterhin machen die konfessionellen Gruppen bevorzugt ihr jeweils eigenes Ding wie die pfingsterisch-charismatischen Gemeinden im Sommer in Vilnius und Kaunas einen „Marsch für Jesus“.
Auch wenn es also mit der Zusammenarbeit der Christen immer noch hapert – der Marsch war ein durch und durch positives Signal, ohne radikale Forderungen, ohne Krawall, ohne Dämonisierungen, ohne böse Stimmen – eben für das Leben.




