Thomas Mann und die Genesis (I)
[Am 6. Juni 1875, vor 150 Jahren, wurde Thomas Mann geboren. Aus diesem Anlass hier ein leicht überarbeiteter Beitrag aus dem Jahr 1998, der übersetzt ins Litauische in zwei Teilen im Journal „Prizmė“ erschien.]
„Höchst anmutig ist diese natürliche Erzählung…“ — so die Worte Goethes zu der Josephsgeschichte. Auch sein Landsmann Thomas Mann ließ sich duch den Stoff aus dem biblischen Buch Genesis inspirieren und schrieb dreizehn Jahre lang an seiner vierbändigen Roman-Version. Welchen Nutzen kann ein Christ aus diesem gewaltigen Werk ziehen? Und in welchem Verhältnis steht der literarische Joseph Manns zu der Figur der Bibel? — Ein Anleitung zur Lektüre der Tetralogie „Joseph und seine Brüder“ in zwei Teilen
Jeder Vers der Bibel ist Gottes Wort, inspiriert und gilt daher als wahr. Dem widerspricht nicht, dass wir einzelne Bücher und Passagen in der Heiligen Schrift unterschiedlich gewichten und betonen können. Ähnliches gilt auch für die literarische Qualität – einige Bücher im Alten Testament beeindrucken besonders durch ihr hohes literarisches und künstlerisches Niveau. Ohne Zweifel gehört die Josephsgeschichte in diese Kategorie. Sie umfaßt einen rel. großen Teil der Genesis – 14 Kapitel von Gen 37 bis 50. Mose, der Autor der Genesis, läßt uns darin am Leben des zweitjüngsten Jakobssohnes Anteil nehmen.
Geboren von der Lieblingsfrau des Jakob, Rahel, wurde der schöne Joseph von Anfang an durch den Vater bevorzugt. Wie man sich leicht vorstellen kann, machte ihn dies nicht gerade sympathisch bei den Brüdern. Die größenwahnsinnig erscheinenden Träume des jungen Josephs führen letztlich sogar zu Haß auf ihn. Eines Tages fallen alle Brüder (bis auf den jüngsten Benjamin) auf der Weide über ihn her und töten ihn fast. Erst werfen sie Joseph in einen ausgetrockneten Brunnen, dann verkaufen sie ihn kurzerhand an eine vorbeiziehende Karawane, die ihn nach Ägypten verschleppt. Dort muß er als Sklave im Haus des Potiphar, eines hohen Beamten am Hof des Pharao, arbeiten. Sein Geschick und Gottes Segen lassen ihn bald aufsteigen – der Ägypter macht den Hebräer Joseph zu seinem Hausverwalter.
Die steile Karriere wird jedoch abrupt abgebrochen. Der fromme Joseph verweigert sich der sexuellen Annäherung der Frau des Potiphar. Diese rächt sich dafür, indem sie den jungen Mann der versuchten Vergewaltigung bezichtigt. Joseph wandert sofort ins Gefängnis. Zwei Mitgefangenen, ehemals hohe Hofbeamte, kann er ihre Träume auslegen. Einer der beiden kommt wieder frei. Als nun Jahre später der Pharao seltsame Träume hat, erinnert sich der Beamte wieder an Joseph, der rasch herbeigeholt wird und die Bilder des Pharao erklärt: Sieben „fette“, fruchtbare Jahre stehen dem Land bevor, gefolgt von sieben Jahren mit sehr schlechten Ernten. Der Pharao sieht im weisen Joseph den einzigen, der in dieser Situation die nötigen Maßnahmen einleiten könnte. Der Ausländer Joseph wird nach dem Herrscher der zweitwichtigste Mann im Staat und mit der Vorratswirtschaft und später der Verteilung der Lebensmittel betraut. In den Jahren der Hungersnot kommen auch die Brüder nach Ägypten, um Getreide zu kaufen. Joseph nutzt diese Gelegenheit jedoch nicht, um sich zu rächen. Er hat seinen Brüdern verziehen und holt schließlich die ganze Sippe mitsamt dem greisen Jakob nach Ägypten. Dort wurde dann aus der Großfamilie in gut 400 Jahren ein großes Volk.
„… nur scheint sie zu kurz…“
Die Josephsgeschichte in der Genesis ist äußerst vielfältig und facettenreich. Im heilsgeschichtlichen Kontext erklärt sie, wie die Jakobssöhne nach Ägypten gelangten und sich dort aus ihren Nachkommen ein Volk bildete. In theologischer Hinsicht zeigt sich Gott als ein souveräner Lenker, der auch die bösen Taten der Menschen nutzt und zu etwas Gutem führt. Außerdem erkennen wir schon hier, so früh in der Bibel, in Josephs Verhalten die zentrale Wichtigkeit der Vergebung. Darüber hinaus hat die Geschichte in literarischer Hinsicht viel zu bieten: ganz unterschiedliche menschliche Charaktere, dramatische Ereignisse, spannende Situationen usw.
Kein Wunder also, dass es im Verlauf der Jahrhunderte zahlreiche freie literarische Nacherzählungen der Geschichte von Joseph gegeben hat – sicher mehr als von jeder anderen Erzählung der Bibel. Das biblische Quellenmaterial ist eben für Schriftsteller sehr inspirierend. So sagte der deutsche Dichter Goethe über die Josephsgschichte der Bibel: „Höchst anmutig ist diese natürliche Erzählung, nur scheint sie zu kurz, und man fühlt sich berufen, sie ins Einzelne auszumalen.“ (Dichtung und Wahrheit, 1. Teil, 4. Buch)
Die ohne Zweifel bekannteste und mit Abstand umfangreichste literarische Bearbeitung des Josephstoffes schuf, beginnend vor fast einhundert Jahren, der größte deutsche Prosaist dieses Jahrhunderts: Thomas Mann. Schon 1901 war Mann, 1875 in Lübeck an der Ostsee geboren, mit seinem Erstlingswerk Die Buddenbrooks zu Bekanntheit und Ruhm gelangt. In München schrieb er weitere Romane und Erzählungen wie Königliche Hoheit und Tod in Venedig, 1924 kam der umfangreiche Der Zauberberg heraus. Mann konnte die nationale und internationale Anerkennung und Wertschätzung genießen. 1929 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.
1924 war wohl auch das Jahr, in dem Mann die Josephsgeschichte für sich entdeckte. Möglicherweise wurde er durch einen illustrierenden Graphikzyklus, den ihm ein Künstler mit der Bitte um ein Vorwort vorgelegen hatte, angeregt. Während dieser Zeit hatte Mann gerade eine wichtige Wandlung hinter sich: Bis ungefähr 1920 vertrat der Schriftsteller politisch ausgesprochen national-konservative Positionen, um 1922 änderte er sein Denken grundlegend. Aus dem deutsch-nationalen Monarchisten wurde ein ‘kosmopolitischer’ und humanistischer Demokrat. Mann suchte nun für seinen nächsten großen Roman nach einem angemessenen Stoff, der auch seine neue Einstellung wiederspiegeln könnte – in der Josephsgeschichte hatte er ihn gefunden.
Bald machte sich Mann an die Arbeit und begann 1926 mit langen historischen und religionswissenschaftlichen Vorstudien. Ursprünglich geplant als kleinere Novelle schwoll das Werk bald zu gewaltigem Umfang an: Bis 1930 war gerade einmal ein erster Teil vor der eigentlichen Josephgeschichte (Die Geschichten Jaakobs) fertig. Anfang der 30er Jahre arbeitete Mann während dreier Sommer im litauischen Nida (im Sommer 1929 hatte Familie Mann bei einem Ostseeurlaub das Fischerdorf Nida/Nidden für sich entdeckt) an Der junge Joseph und begann mit dem dritten Teil, Joseph in Ägypten. 1933 bzw. 1934 erschienen die ersten beiden Bände bei Manns Hausverlag S. Fischer in Berlin. Der dritte Band mußte 1936 schon in Österreich veröffentlicht werden – Thomas Mann war bei den Nationalsozialisten wegen einer sie kritisierenden Wagner-Rede 1933 in Ungnade gefallen und mußte im selben Jahr Deutschland verlassen.
Mit seiner großen Familie emigrierte Mann zuerst in die Schweiz, anschließend in die USA, wo er bis 1950 lebte (von da an bis zu seinem Tod 1955 wieder in der Schweiz). Dort beendete er schließlich auch die Joseph-Romane – der letzte Band der 1800-Seiten-Tetralogie (Joseph der Ernährer) erschien 1943 in Schweden (Mann arbeitete von Dezember 1926 bis August 1936 und dann wieder von August 1940 bis Januar 1943 am Joseph. Von 1936 bis 1939 schrieb er hauptsächlich den Roman Lotte in Weimar).

„Sprachwerk“, „Menschheitsdichtung“ und „epischer Scherz“
Bevor wir auf Manns Joseph-Roman im einzelnen eingehen und die Botschaft seiner Dichtung mit der der biblischen Erzählung vergleichen, müssen wir kurz auf einen grundsätzlichen Einwand eingehen. Von christlicher Seite her wird meist vor jeder Lektüre – kritisch gefragt: Darf der Schriftsteller das überhaupt? Darf man biblischen Stoff als Dichtungsvorlage nutzen? Folgt nicht aus der Heiligkeit der Texte, dass man sie ‘unberührt’ läßt? Und kann man es gutheißen, wenn sich ein Ungläubiger wie Mann am Wort Gottes vergreift?
Manns Weltanschauung wird im Roman tatsächlich deutlich – sie ist, wie wir noch sehen werden, eine ganz andere als die der Bibel. Dennoch stellt sein Werk als solches kein Sakrileg da. Im Rahmen der christlichen Katechese und Lehre, in Predigten und Andachten werden biblische Geschichten nacherzählt, mit eigenen Worten neuerzählt, ausgemalt und nicht selten sogar verändert, um sie den heutigen Hörern verständlich zu machen. Schriftsteller wie Mann gehen einfach nur weiter über solche meist mündlichen Nacherzählungen hinaus und schaffen Geschichten in neuen literarischen Formen.
Wenn man die literarische Bearbeitung Manns schon nicht ablehnt, so rühmt man dagegen unter Christen oft die „schlichte Einfachheit und Klarheit“ des Originals im Gegensatz zur Weitschweifigkeit des Joseph-Romans. Sicherlich besticht die biblische Erzählung auch durch ihre Prägnanz, aber seien wir ehrlich: Manchmal ist uns doch die Genesis zu knapp für unsere Phantasie. Als Menschen des 21. Jahrhunderts fehlen uns oft viele Informationen, um sich in die damalige Zeit hineinversetzen zu können.
Diesem Bedürfnis nach Ausmalung ist Mann in vollem Umfang nachgekommen. Wo die Bibel – wenn überhaupt – nur einen kurzen Satz hat, ergeht sich der Schriftsteller gleich in seitenweisen Darstellungen und Beschreibungen. Nur einige der schönsten Beispiele: Jakobs Onkel Laban betrügt seinen Neffen in der Hochzeitsnacht und gibt ihm Lea statt Rahel zur Frau. Wieso hat Jakob das nicht gemerkt?So fragt sich heute jeder. Bei Mann läßt sich der naive Jakob beschwatzen: der Schleier müsse sein, so verlange es die Tradition. Außerdem dürfe er keine Fackel ins Hochzeitsgemach mitnehmen. Laban entgegnet ihm heftig: „‘Hast du nicht Hände, zu sehen, und mußt du die Makellose auch noch mit Augen verschlingen, um dir die Lust zu schärfen durch ihre Scham und das Zittern ihrer Jungfräulichkeit? Achte das Geheimnis der obersten Turmeszelle!’ ‘Entschuldige’, sagte Jaakob, ‘und vergib mir! Ich habe es nicht so unkeusch gemeint…’“ (I, 291; hier und im folgenden zitiert nach der vierbändigen Ausgabe als Fischer Taschenbuch, Frankfurt, 1996).
Ebenfalls wenig erfahren wir in der Bibel über den Haß der Brüder auf Joseph. In Gen 37,4 heißt es nur kurz, dass sie ihm „feind waren“. Im Joseph-Roman liefert uns Mann noch einige der passenden Schimpfwörter dazu. „‘Balg! Giftpilz du! Großhans! Stinkender Blähwind’ brüllten Schimeon und Levi auf einmal los.“ (II, 122) Wenig später bekommt bei Mann der ziemlich undramatische Bericht der Bibel über den Anschlag der Brüder auf der Viehweide erst richtig Farbe: „… und mit einem langgezogenen Schrei wie aus einer gequälten Kehle, einem verzweifelt frohlockenden Ahhh der Wut, des Hasses und der Erlösung, sprangen sie auf alle Zehn in wildgenauer Gleichzeitigkeit und stürzten sich auf ihn. Sie fielen auf ihn wie das Rudel verhungerter Wölfe auf das Beutetier fällt; es gab kein Halten und kein Besinnen für ihre blutblinde Begierde, sie stellten sich an, als wollten sie ihn in vierzehn Stücke zerreißen.“ (II, 167)
Über Josephs Zustand in der Grube vor seinem Verkauf an die ismaelitische Karawane erfahren wie aus dem Genesis-Bericht kein Wort. Mann hat uns dafür ein natürlich fiktives, aber glaubwürdiges Klagelied Josephs geschildert: „‘Brüder, wo seid ihr? Ach, geht nicht fort, laßt mich nicht allein im Grabe, es ist so moderig und schauervoll! Brüder, erbarmt euch und rettet mich einmal noch aus der Nacht der Grube, darin ich verderbe! Ich bin euer Bruder Joseph! Brüder, verbergt nicht eure Ohren vor meinem Seufzen und Schreien, denn ihr tut fälschlich an mir!… Brüder, ich weiß, ihr denkt, ihr müßtet mich in der Grube lassen, weil ich’s sonst ansagen werde. Beim Gotte Abrahams…, schwöre ich euch, dass ich’s nicht ansagen werde, nie und nimmer nicht,…’“ (II, 180)
Auch den Zug mir der Karawane nach Ägypten nutzt Mann zur literarischen Ausweitung. Joseph unterhält sich lange mit dem Führer, seinem neuen Besitzer. Ihm wünscht er auf sein poetische Art gute Nacht: „‘Friede und Süßigkeit deinem Schlummer’, sprach Joseph. ‘Mögen leichte, erheiternde Träume zeitweise in ihn verwoben sein.’“ (III, 23) Mit ähnlichen Worten rührt er auch den Hausverwalter bei Potiphar in Ägypten zu Tränen: „‘Ruhe sanft’, antwortete Joseph mit Innigkeit, ‘nach des Tages Mühsal! Mögen deine Sohlen, die versengt sind von der Glut seines Pfades, selig hinwandeln auf den Moosen des Friedens und deine ermattete Zunge geletzt werden von den murmelnden Quellen der Nacht.’“ (III, 143)
An den wenigen Beispielen erkennen wir schon, dass der deutsche Schriftsteller aus dem biblischen Material eines neues dichterisches Kunstwerk geschaffen hat. Dank seiner hohen sprachlichen Qualität bereitet es oft einfach Vergnügen, den Roman zu lesen. Nicht selten kommt man ins Schmunzeln wie bei der Kontrolle der Karawane an der ägyptischen Grenze. Nur durch viel Gerede lassen sich die arroganten Ägypter (andere sind für sie nur „Männer des Elends“) zur Einreiseerlaubnis überreden. Hilfreich ist da auch irgendein Dokument: „‘Nur darauf kommt es an, dass man Geschriebenes vorweisen kann und die Leute Ägyptens wieder etwas zu schreiben haben und können’s irgendwohin schicken, dass es geschrieben werde abermals und diene der Buchführung. Freilich, ohne Schriftliches kommst du nicht durch…“ (III, 53) Wer denkt da nicht sofort an unsere heutige Bürokratie.
In Joseph in Ägypten kommt Mann dann so richtig in Fahrt und schwelgt geradezu in seinen detaillierten historischen Beschreibungen. Jeder merkt: der hat sich kundig gemacht. Solides Wissen über das Land, über dessen Landschaft, Flora und Fauna, über die Menschen, ihren Alltag und ihre Sitten, ihren Bierkonsum und ihre Religion teilt Mann dem Leser mit – Wissen über die verschiedensten Bereiche und Materialien. Von der Schminkkunst der Damen weiß er genauso zu erzählen wie über die Anbaumethoden der Landwirte, er kennt die Charakteristika der einzelnen Städte wie Theben und weiß Bescheid über die neusten theologischen Entwicklungen. Mann bereichert damit unsere historische Phantasie und tut somit besonders uns neuzeitlichen Europäern einen hilfreichen Dienst.
Durch Manns Kenntnisse erhalten schließlich auch einige der ägyptischen Figuren eine anschauliche und greifbare Gestalt. Josephs Herr Potiphar (bei Mann Peteprê) bekleidet zwar ein hohes Amt, doch er besitzt nur eine „hohle Würde“. Treffend und ironisch beschreibt Mann das ägyptische System der rein repräsentativen Ämter: „Der Herr hieß Wedelträger zur Rechten und Freund des Königs. Seine Hoffnung, eines Tages ‘Einziger Freund des Königs’ (wovon es nur wenige gab), war begründet. Er war Vorsteher der Palasttruppen, Oberster der Scharfrichter und Befehlshaber der königlichen Gefängnisse — das heißt: er hieß so, es waren Hofämter, die er bekleidete, und leere oder fast leere Gnadentitel, die er da trug. In Wirklichkeit…“ (III, 184) hat Potiphar im Roman überhaupt nichts Militärisches an sich. Alle Arbeit für den fetten Eunuchen versieht sein Hausverwalter Mont-kaw, dessen rechte Hand Joseph bald wird.
Potiphar ist ein Kastrierter, ein Eunuch, der von seinen Eltern schon früh verstümmelt und „zur menschlichen Null entleert“ (III, 414) wurde. Die Eltern Huji und Tuji sind selbst zwei Geschwister – in Nachahmung der Geschwisterehen unter den Göttern. Mit einem längeren Zwiegespräch führt Mann die beiden ein. Die beiden „greisen Geschwister“ sinnen nach über das Schicksal ihres Sohnes und der Schwiegertochter und reden sich dabei sehr bildreich an: „mein Fröschchen,… liebe Erdmaus,… mein Dotterblümchen,… mein Sumpfbiber,… guter Löffelreiher,… mein Steinkauz!.. durchtriebener Wachtelkönig…“ (III, 195-203).
Außer den Eltern hat Mann noch einige andere Figuren dem biblischen Ausgangsmaterial hinzugedichtet. Da wäre zuerst der schon genannte Hausmeier Mont-kaw, der sich ganz für seinen Herrn einsetzt und in dessen Position nach seinem Tod Joseph aufrückt. Den Ankauf Josephs machte erst ein Zwerg möglich, der während der Potiphar-Zeit immer auf Josephs Seite stehen sollte: Gottliebchen. Sein und Josephs Gegenspieler ist der zweite Zwerg Dûdu, der den fremden Sklaven haßt und vom Hof vertreiben will. Als Bösewicht im Hintergrund fungiert schließlich noch der Oberpreister Beknechon, „‘Vorsteher der Priester aller Götter von Theben’ und ‘Vorsteher der Priester aller Götter von Ober- und Unterägypten’“. (III, 279). Er ist religiöser Traditionalist und damit auch Ausländerfeind: ein Hebräer in so hoher Position – das könne nicht gut gehen.
Joseph war nämlich dem Potiphar im Garten durch seine Sprachgewandtheit positiv aufgefallen. Denn auf eine einfache Frage des Herrn antwortete der junge Jakobssohn: „‘Der du der Heerscharen Pharao’s vorstehst, mein Herr, du Größter unter den Größten der Länder!’ sprach er betend. ‘Du gleichst dem Rê, der über dem Himmel fährt in seiner Barke mitsamt seinem Gefolge. Ägyptens Steuer bist du, und des reiches Boot fährt nach deinem Willen…’“ (III, 225) usw. usw. Potiphar ist beeindruckt und zusätzlich gereizt durch die Babylonisch-Kenntnisse des Joseph (alles Östliche aus Kanaan und Babylon ist — trotz der Arroganz über die „Sandmenschen“ – in Ägypten gerade ‘in’). Er ernennt den jungen und schönen Mann zu einem seiner Mundschenke und Vorleser.
Die Bühne ist damit bereitet für das folgende Drama, das in der Bibel rund 12 Verse umfaßt, in Manns Roman hingegen die Hälfte des dicken dritten Bandes. In unmittelbarer Nähe Potiphars kommt es auch zu häufigen Begegnungen zwischen Joseph und der Frau seines Herren – Mut-em-enet (in der Bibel bleibt sie anonym). An dieser Stelle hat Mann nun die deutlichste inhaltliche Abänderungen, was den Verlauf der biblischen Geschichte betrifft, vorgenommen. In der Genesis wird uns nur das mindeste an Informationen mitgeteilt: Joseph war schön, und wohl nicht zuletzt deswegen versucht ihn die Frau des Potiphar zu verführen (39,6-7). Mann hat diese kurze ‘Zusammenfassung’ natürlich genutzt, um ein viel differenzierteres Bild der beiden zu zeichnen und die Liebesgeschichte ganz detailliert zu schildern. Bei ihm fällt die Frau nicht lüstern über den jungen Mann her, ihre Liebe wächst langsam und steigert sich erst am Ende immer mehr ins Fanatische.
Wegen der häufigeren Kontakte bei den Mahlzeiten verliebt sich Mut-em-enet in Joseph. Zuerst will sie dem dadurch begegnen, dass sie die Ursache für ihre Verliebtheit aus den Augen verschwinden läßt. Ihren Mann bittet sie: „‘Daß du den Fremdsklaven, dessen Namen ich nicht wiederhole, von Haus und Hof entfernst, darin er durch falsche Gunst und sträfliche Lässigkeit ins Kraut schießen durfte…’“ (III, 384). Doch Joseph bleibt. Drei quälende Jahre beginnen nun für Potiphars Frau: „Im ersten suchte sie, ihm ihre Liebe zu verhehlen, im zweiten gab sie sie ihm zu erkennen, im dritten trug sie sie ihm an.“ (III, 419)
Mann entlastet Mut-em-enet von großer Schuld: sexuell hat sie wegen ihres verstümmelten Mannes überhaupt noch keine Befriedigung erfahren. Nur zu verständlich erscheint ihr tiefer Wunsch, endlich einmal mit einem Mann zu schlafen. Zu Joseph: „‘Denn nie hab’ ich geliebt und nie den Mann empfangen in meinem Schoß, habe nie auch nur das Geringste dahingegeben vom Schatz meiner Liebe und Wonne, sondern ganz nur dir ist aufbehalten dieser gesamte Schatz, und sollst überschwenglich reich davon sein, wie du’s dir nicht träumen läßt.“ (III, 496)
Dem biblischen Bild von einer Art femme fatale widerspricht Mann ganz bewußt: „Eine Nymphe? Ein lockeres Frauenzimmer? Es ist wahrhaft zum Lachen. Eine elegante Heilige war Mut-em-enet, eine weltkühle Mondnonne…“ (III, 346) Er kann auch von Josephs „Schuld“ der Frau gegenüber sprechen (III, 546). Hinzu kommt, dass der Frau gewisse Vorstellungen von Scham und Schuld ganz fremd sind: „Mut…, ganz ohne tieferes Verständnis für die Idee der Sünde, von der sogar die Wortchiffre ihrem Vokabular fehlte, vor allen Dingen nicht im mindesten gewohnt, diese Idee gerade mit der Nacktheit zu verbinden…“ (III, 453) Außerdem hat Joseph, nach Mann, das Feuer selbst noch angeheizt durch seine häufigen ‘sachlichen’ Kontakte mit der Herrin: „Jung-Joseph gefiel sich in des Erziehers Rolle. Seine Meinung war (wie er meinte), daß er die Gedanken der Gebieterin wollte vom Persönlichen aufs Gegenständliche ablenken, von seinen Augen auf seine Sorgen, und sie dadurch kühlen, ernüchtern, heilen,…“ (III, 435)
Im dritten Jahr hält es Mut nicht mehr aus und himmelt Joseph (in Ägypten nennt er sich Osarsiph) offen an: „‘Osarsiph, du schöner Gott aus der Ferne, mein Schwan und Stier, mein heiß und hoch und ewig Geliebter, daß wir zusammen ersterben und untergehen in die Nacht verzweifelter Seligkeit!… Schlafe – bei – mir! Schenke, schenke mir deinen Jugend und Herrlichkeit…’“ (III, 489-490) Doch unbeirrt hält Joseph seine „sieben Gründe“ dagegen. Ganz biblisch entgegnet er ihr: „Alles hat mein Herr mir anvertraut und hat nichts so Großes in dem Hause, daß er es mir verhohlen habe, ohne dich, indem du sein Weib bist. Wie sollte ich denn nun ein solch groß Übel tun und wider Gott sündigen? Dies sind die Worte, die ich zu dir sage für alle Zukunft, entgegen der Lust, die wir aufeinander haben.’“ (III, 498-499)
Mit einer weiteren amüsanten Szene schafft Mann weiteres Verständnis für Mut. Ihre Freundinnen besuchen sie zu einem ‘Kaffeeklatsch’. Da läßt sie Joseph als Bedienung auftreten und „alle Damen aber… vergaßen bei seinem Anblick nicht nur ihre Hantierung, sondern auch sozusagen sich selbst, indem sie nichts anderes mehr wußten, als auf den Schenken zu schauen, worüber denn die tückischen Messerchen ihr Werk verrichteten und die Damen sich samt und sonders fürchterlich in die Finger schnitten…“ (III, 542) Daraufhin klagt ihnen Mut ihr Leid und ringt um Mitleid: „‘Ihr habt ihn nur einige Pulsschläge lang gesehen… Ich aber muß oder darf ihn sehen täglich und stündlich – was fang’ ich an in dieser immerwährenden Not?’“ (III, 547)
Josephs Herrin greift schließlich sogar zur Zauberei und will sich mit Hilfe der „Hündin“, der sie opfert, die Liebe des schönen Hebräers herbei hexen. Alles hilft nichts, die Ereignisse nehmen ihren Lauf – ganz wie in der Bibel. Joseph wird kurzerhand abgeurteilt, allerdings fällt die Strafe noch recht gnädig aus (Potiphar ist wohl auch nicht ganz von Josephs Schuld überzeugt). Dem Verkuppler Dûdu, der sich schon an Josephs Stelle wähnt, wird die halbe Zunge herausgeschnitten.
Besonders in dem eben skizzierten Liebesdrama werden alle Qualitäten der Mannschen Bearbeitung des Joseph-Stoffes gut erkennbar: eine phantasievolle Ausmalung, die Schaffung von Spannung und Dramatik, Bereicherung durch eine Vielzahl von historischen Informationen und Details, sprachliche Schönheit und Eleganz. Auch gegen leichte Abänderungen der biblischen Aussagen wäre überhaupt nichts einzuwenden, wenn Mann nicht noch große Schritte darüber hinaus getan hätte.
