
Rome Sweet Home?
In der ersten Märzwoche strömten mehrere Tausend Pilger aus Litauen durch die Straßen Roms. Alle katholischen Bischöfe des baltischen Landes zelebrierten Messen im Petersdom und anderen Kirchen Roms. Auch Staatspräsident Gitanas Nausėda pilgerte nach Italien. Insgesamt werden in diesem Jahr in Zentrum der katholischen Kirche Zig Millionen Pilger erwartet – Besucher im Rahmen des Jubiläums oder „Heiligen Jahres“.
Die Idee des Heiligen Jahres geht auf Papst Bonifaz VIII zurück, der erstmals im Jahr 1300 ein besonderes, zunächst nur für die Römer gedachtes Pilgerjahr ausrief. Seit über fünfhundert Jahren gibt es alle fünfundzwanzig Jahre ein ordentliches Jubeljahr, manchmal auch noch außerordentliche Jubiläen wie zuletzt 2015/16. Grundlegende Elemente aller Heiligen Jahre sind die Wallfahrt nach Rom und das Durchschreiten der „Heiligen Pforten“ in den vier Patriarchalbasiliken Roms.
Obwohl der Name Jubeljahr oder Jubiläum biblisch ist (s. die Vorschriften an das Volk Israel z.B. in 3. Mose 25), ist die Theologie hinter den Heiligen Jahren durch und durch römisch-katholisch. Während eines Jubeljahres können besondere Ablässe gewonnen werden. Der Ablass, der ja auch zum Ausbruch der Reformation in Deutschland führte, ist definiert als der „Erlass einer zeitlichen Strafe vor Gott für Sünden, die hinsichtlich der Schuld schon getilgt sind. Ihn erlangt der Christgläubige, der recht bereitet ist, unter genau bestimmten Bedingungendurch die Hilfe der Kirche, die als Dienerin der Erlösung den Schatz der Genugtuungen Christi und der Heiligen autoritativ austeilt“ (Katechismus der Katholischen Kirche).
Während eines Jubeljahres können vor allem sog. „vollkommene Ablässe“ erworben werden. Ein katholisches Dokument führt aus: „Ein vollkommener Ablass reinigt die Seele so, als ob die Person gerade getauft worden wäre. Die im Jubeljahr erworbenen Ablässe können auch für die Seelen im Fegefeuer gelten, wobei es möglich ist, an einem Tag zwei vollkommene Ablässe für Verstorbene zu erlangen.“ Dafür müsse man „in frommer Gesinnungeine der Stätten des Jubiläums – entweder in der Gruppe oder allein – besuchen und dort in Anbetung der Eucharistie oder in andächtiger Betrachtung verweilen und diese dann mit dem Vaterunser, dem Glaubensbekenntnis und einer Anrufung der Jungfrau Maria beschließen.“ Auf der deutschen Seite des Jubiläums ist von solchen Regelungen kaum etwas zu finden. Dort heißt es nur im heute modernen therapeutischen Stil: „Der Ablass ermöglicht es, das Herz von der Last der Sünden zu befreien…“.
(Zum Jubiläum aus evangelischer Perspektive ist dies freie E-Book von Leonardo De Chirico zu empfehlen: https://gcdiscipleship.com/books/p/jubilee-ebook; zum Ablass dies Buch von Thomas Schirrmacher – in englischer Sprache hier: https://os-resources.s3-us-west-2.amazonaws.com/WEA-CD-10th-edition/Books/Thomas+Schirrmacher+-+Indulgences%2C+2nd+edition.pdf)
Der Beschützer Litauens?
Anfang März waren in Rom die katholischen Litauer an der Reihe, da am 4. März des Heiligen Kasimirs gedacht wird. Er wird als der Schutzheilige des ganzen Landes bezeichnet. Kasimir galt als außergewöhnlich fromm, der Kirche und den Armen zugewandt. Der polnisch-litauische Thronanwärter und zeitweilige Stellvertreter des Vaters wäre wahrscheinlich lieber Priester oder Mönch geworden. Obwohl Prinz hielt er an einem asketischen Lebensstil fest und verweigerte wegen eines Gelübdes die Eheschließung. Am 4. März 1484 starb Kasimir – gerade 25 Jahre alt.

1604 wurde Kasimir endlich heiliggesprochen – der erste und bisher einzige Heilige Litauens. 1636 folgte die Ernennung des Heiligen zum Schutzpatron Litauens. All dies wurde damals kirchenpolitisch vorangetrieben, denn Rom musste um 1600 in die Offensive gehen. Litauen drohte ganz an die Reformation verloren zu gehen, da immerhin schon an die 40 Prozent der Einwohner im Großfürstentum Litauen evangelisch waren. Die Gegenreformation gelang. Heute rechnet sich gerade etwa ein Prozent der Bevölkerung Litauens den evangelischen Kirchen zu.
Speise oder nur Speisekarte?
Jubiläen sind für die römisch-katholische Kirche ein wichtiger Weg, um die Gläubigen fest an sich zu binden. Pilgerfahrten nach Rom führen ins prächtige Zentrum der Weltkirche. Im gigantischen Petersdom verschwinden selbst die Messe zelebrierende Bischöfe neben den gewaltigen Bronzesäulen, die einen Baldachin über dem Petrusgrab bilden. Größe und Ästhetik verkünden laut und eindrücklich die Theologie Roms. Bis heute ziehen diese Stadt und der Vatikan an: Pilger und Touristen, viele Tausende Studenten an einem halben Dutzend katholischer Hochschulen in der Stadt, und so manche Protestanten, von denen tatsächlich nicht wenige zum Katholizismus konvertieren.

In Rom fanden vor fast vierzig Jahren auch Scott und Kimberly Hahn ihr geistliches Zuhause. Beide stammen aus presbyterianischen (reformierten) Familien, Scott studierte an angesehenen calvinistischen Hochschulen und wirkte als Pastor in einer konservativen presbyterianischen Kirche. In Rome Sweet Home (eine Anspielung an die engl. Redewendung „home sweet home“) aus dem Jahr 1993 beschreiben sie ausführlich ihre Reise zum Katholizismus. 2017 erschien eine Übersetzung in litauischer Sprache. Das Vorwort schrieb übrigens Peter Kreeft, ein weiterer prominenter Konvertit zum Katholizismus in den USA.
Der Ablass kommt im Buch der Hahns überhaupt nicht vor. Für sie war es vor allem auch das ethische Thema Verhütungsmittel und Geburtenkontrolle, was die katholische Kirche in ihr Blickfeld rückte. Als einzige nähme sie, so Scott Hahn, in diesen Fragen eine klare Position ein und vertritt diese auch öffentlich. Nach und nach entfernten sie sich auch vom evangelischen sola fide – von der Rechtfertigung allein durch Glauben.
Beide Hahns, eben evangelisch geprägt, beziehen sich in ihrem Buch oft auf die Bibel und sehen sie durchaus auf ihrer, nun katholischen Seite. Am Schluss des Buches rufen sie die katholischen Geschwister dazu auf, die Bibel als das irrtumslose Wort Gottes zu studieren. Befremdlich ist allerdings die Tatsache, dass sie das evangelische Grundprinzip sola scriptura, allein die Schrift, gleich ein halbes Dutzend Mal im Buch falsch deuten: allein die Bibel habe Autorität. Tatsächlich glauben Protestanten, dass die Bibel die höchste Autorität innehat, weil sie allein nicht nur von Menschen aufgeschriebenes, sondern auch Gottes unfehlbares Wort ist. Alle anderen Autoritäten (wie z.B. Schriften der Kirchenväter und Reformatoren, Bekenntnisse, Synodenbeschlüsse usw.) sind dagegen fehlbar. Ihre Autorität steht unter der der Bibel.
Wer die Lehren des Protestantismus verzerrt wahrnimmt, wird durch die „Schönheit der Taufliturgie“ oder das katholische Gnadenverständnis des „übernatürlichen Lebens, das in uns eingepflanzt wird“, umso leichter angezogen. „Ich habe wirklich gefühlt, dass der Herr mich in die katholische Kirche ruft“, so Scott Hahn. Beide Hahns sahen sich vor eine Entscheidung gestellt, die sich vor allem an der Hostie der Messe festmachte.

Hahn beschreibt eine eucharistische Prozession, die er als Protestant beobachtete. Nach katholischem Verständnis wird dabei der Leib Christi selbst in einer Monstranz herumgetragen. „Und wenn Jesus in der Monstranz nicht [körperlich] anwesend ist? Dann begehen sie alle Götzendienst“, so Hahn. Scott kam endgültig 1986, seine Frau einige Jahre später, zu dem Schluss: durch die Wandlung des Priesters in der Messliturgie wirddie Hostie wirklich zum tatsächlichen Leib Christi. Die Anbetung Christi in der Hostie sei also geboten. Von Götzendienst könne demnach keine Rede sein. Die katholische Kirche „ist nicht einfach nur eine weitere Denomination“, sie sei die eine „wahre Kirche“. Protestanten, so Scott Hahn gegen Ende des Buchs in einem bissigen Vergleich, „studieren die Speisekarte, und wir genießen die Speise!“
Den Katholizismus heute verstehen
Konvertiten wie die Hahns gibt es natürlich auch in anderen Ländern. Im katholisch geprägten Litauen ist es das Normale, Katholik zu sein. „Warum sind wir eigentlich evangelisch und nicht katholisch?“, fragten sich vor Jahren ein junger Pastor der Freien Christen in Litauen und seine Frau. Beide waren einst in der katholischen Kirche getauft worden. Sie fanden nicht genug Antworten, die ihre evangelische Identität bekräftigt hätten und wechselten (wieder) zur Kirche der Vorfahren.
Solche Geschichten gibt es in Litauen nicht ganz wenige. Die katholische Kirche hat zwar mit so manchen Problemen zu ringen, ist aber immer noch das große Auffangbecken für alle unzufriedenen oder mit der eigenen Kirche hadernden Protestanten. Wie die Hahns und viele andere ist Rom dank seines Alters und der Größe, des Reichtums an Liturgie, Mystik und Kultus immer noch attraktiv. Natürlich wechseln auch immer wieder Menschen in die verschiedenen evangelischen Kirchen. Aber für die Evangelischen ist jeder Weggang ein großer Verlust, da man ja eh schon gering an Zahl ist.
Um die eigene Identität und das Bewusstsein für die konfessionellen Unterschiede zu stärken, veranstalteten der Bund evangelischer Gemeinden Litauens, die Evangelisch-reformierte Kirche des Landes sowie das Evangelische Bibelinstitut (beide Kirchen sind Träger des Instituts) am 8. März ein Tagesseminar mit dem Thema „Katholizismus heute verstehen“. Aufhänger war der Buchtitel der Hahns, versehen mit einem Fragezeichen: „Rome Sweet Home?“ (lit. „Roma – mieli namai?“). Ist Rom wirklich ein gutes geistliches Zuhause?

Leonardo De Chirico
Als Redner konnte Leonardo De Chirico gewonnen werden. Selbst als Pastor einer kleinen baptistisch-reformierten Gemeinde in Rom arbeitend kennt er sich bestens aus. De Chirico schrieb schon seine Doktorarbeit über das Zweite Vatikanische Konzil und verfasste einige englischsprachige Bücher zum Thema Katholizismus. Seit fünfzehn Jahren bloggt er zum Thema und ist außerdem einer der Gründer und Leiter der „Reformanda Initiative“. Manche Litauer kannten ihn schon durch seine Vorträge bei den Konferenzen des „European Leadership Forums“. In Kürze erscheint sein Buch Tell Your Catholic Friend. How to Have Gospel Conversations with Love.

Holger führte durch die Veranstaltung
m Saal der Evangelischen Gemeinde Vilnius im Vorort Pilaite sprach De Chirico zu vier Themen wie z.B. das Bibelverständnis Roms oder Ökumenismus. Die beiden Kirchen stellten ein Übersetzerteam, das den Italiener aus dem Englischen übersetzte. Holger führte durch die Veranstaltung und stellte jeweils Brücken zur Situation in Litauen her. Mit etwa einhundertdreißig Teilnehmern aus ganz verschiedenen Kirchen war der Tag für litauische, evangelikale Verhältnisse sehr gut besucht. Auf YouTube sind die Vorträge archiviert und können so auch in Zukunft als Lehrmaterial dienen. „Rome Sweet Home?“ war ein rundherum gelungene Veranstaltung. De Chirico machte in begrenzter Zeit deutlich, wie die katholische Kirche heute tickt. Sachlich im Ton und ohne die Unterschiede glattzubügeln stärkte er alle Evangelischen in ihrem Glauben. Die Reaktionen war durchweg sehr positiv, da auch die Organisation rund lief. Vor allem bewährte sich auch die Zusammenarbeit evangelischer Kirchen und Einrichtungen. Schließlich kann man gemeinsam mehr erreichen, und in der Minderheitssituation müssen die Evangelischen zusammenstehen. Im kommenden Herbst- oder Frühjahrssemester wird Holger das Thema Katholizismus in einem neuen Kurs am Bibelinstitut vertiefen.
