Held oder Hitlers Helfer?

Held oder Hitlers Helfer?

Antisemitische Töne waren in Europa um 1900 Gang und Gäbe. So schrieb der litauische Intellektuelle und Freidenker Jonas Šliūpas, der spätere Bürgermeister von Palanga, im Jahr 1884: „Juden sind Blutegel. Schlafende saugen sie aus und lassen sie ausgelutscht zurück.“ Gerade in den jungen Staaten Zentraleuropas nach dem Ersten Weltkrieg waren die meist Jiddisch sprechenden Juden, die lange den Handel dominiert hatten, wenig beliebt. Von echter Gleichberechtigung konnte kaum die Rede sein. Als 1940 die Sowjetunion die baltischen Staaten besetzte, blickten viele Litauer mit Hoffnung nach Berlin.

In der Hauptstadt von Nazi-Deutschland wurde Ende 1940 von litauischen Emigranten die Litauische Aktivistenfront (LAF) gegründet. Ziel der Organisation war die Befreiung Litauens und die Wiederherstellung der Unabhängigkeit. Kaum war die Wehrmacht im Juni 1941 in die Sowjetunion eingefallen, brach ein Aufstand gegen die Sowjets aus und bildete die LAF eine Regierung für Litauen, die allerdings nach ein paar Monaten von den Deutschen aufgelöst wurde. Natürlich wurde es nichts mit der litauischen Unabhängigkeit, aber bei der Verfolgung der Juden machten viele gerne mit. Schon im Spätsommer beteiligten sich zahlreiche Litauer an den Massenerschießungen von Juden. Andere wie Jonas Noreika, Bezirksleiter von Šiauliai, erweisen sich als willige Vollstrecker der Deutschen. Der Jurist und Offizier erließ reihenweise Order, die Juden in Ghettos zusammenzupferchen und ihr Eigentum zu rauben. Noreika brach jedoch bald mit den Besatzern und wurde 1943 selbst von den Nazis verhaftet und ins KZ Stutthof gesteckt. Nach dem Krieg beteligte sich Noreika am Widerstand gegen die Sowjets und erhielt den Decknamen „Generolas Vėtra“ – General Sturm. 1947 erschossenen ihn den Kommunisten im KGB-Hauptquartier von Vilnius.

Noreika wurde im unabhängigen Litauen rehabilitiert und posthum mit Orden ausgezeichnet. An der Bibliothek der Akademie der Wissenschaften brachte man eine Gedenktafel an. Doch ausgerechnet die intensiven Nachforschungen der Enkelin von General Sturm brachten einen Stein ins Rollen. Die Amerikanerin Silvia Foti wollte über den Helden Noreika schreiben – und stieß auf den Judenhasser.  Die „New York Times“ und andere Blätter berichteten. Sie grub z.B. antisemitische Äußerungen aus dem Jahr 1933 aus und bezichtigte den Großvater der eindeutigen Mitverantwortung an der Verfolgung der Juden. Womöglich war Noreika auch am Massaker an den 2000 Juden von Plungė in Niederlitauen, eines der ersten im Sommer 1941 und weitgehend von Litauern organisiert und vollzogen, beteiligt.

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Die Gedenktafel wurde im Sommer erst willkürlich zerstört; ein paar Monate später hängten patrio-tisch Gesinnte trotzig eine neue auf (s.o. Foto) –  alles gegen den Willen der Stadtverwaltung. Der liberale Bürgermeister wie auch die jüdische Gemeinschaft halten nichts vom ehrenhaften Gedenken an eine so umstrittene Figur wie Noreika. Eine nach dem Berliner LAF-Führer Kazys Škirpa, ein Nazi-Sympathisant, benannte Straße erhielt schon einen neuen Namen. Die neue Noreika-Tafel wird dennoch wohl bleiben. – Immer noch spalten die Ereignisse des Jahr 1941die litauische Gesellschaft.